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Aus: Ausgabe vom 17.06.2024, Seite 15 / Politisches Buch
Deutsch-deutsche Beziehungen

Alte Kontakte

Den nächsten Weltkrieg verhindern: Die erweiterte Neuauflage einer Studie über den General Vincenz Müller
Von Christian Stappenbeck
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Wählte 1961 den Freitod: Vincenz Müller (Aufnahme um 1957)

Im Mittelpunkt des nach zwei Jahrzehnten in einer erweiterten und korrigierten Neuauflage erschienenen Buches von Peter Joachim Lapp steht ein ehemaliger General der faschistischen Wehrmacht. Vincenz Müller ist die rätselhafteste Gestalt unter den ehemaligen Offizieren, die in den Anfangsjahren der DDR-Volksarmee eine Rolle spielten. Er ist besonders für jene interessant, die sich mit deutscher Zeitgeschichte der 1950er Jahre beschäftigen. Die sogenannte deutsche Frage war noch vergleichsweise offen. Für den westdeutschen Kanzler Konrad Adenauer kam eine Vereinigung zum »Preis« der Neutralität nicht infrage. Vor diesem Hintergrund griff Vincenz Müller in den 1950er Jahren in die deutsch-deutschen Beziehungen »in einer Weise ein, die den Historikern bis heute manches Rätsel aufgibt« (so der Historiker Siegfried Prokop im Geleitwort zum Buch).

Müllers Lebenslauf blieb in Westdeutschland lange Zeit unbearbeitet, er galt als Verräter seiner Klasse und seiner Kaste. Im Militärverlag der DDR erschienen postum seine Memoiren, jedoch unvollständig, geglättet und teilweise verstümmelt. Authentisch ist die Beschreibung seiner Militärzeit vom Leutnant während des Ersten Weltkrieges bis zur steilen Karriere ab 1933 vom Major zum Generalleutnant, der an der Ostfront die brutale Partisanenbekämpfung mittrug.

Am 8. Juli 1944 wandelte sich der Durchhaltegeneral Müller zum Realisten. Es geschah spät, aber rettete Zehntausenden das Leben: Er gab den Resten einer von ihm geführten »Kampfgruppe« der 4. Armee, die im Zuge der sowjetischen Offensive gegen die Heeresgruppe Mitte zerschlagen worden war, den Befehl zur »Kampfeinstellung« (das Wort Kapitulation galt als unehrenhaft). Am folgenden Tag führte er ein mehrstündiges Gespräch mit Lew Mechlis, Mitglied im Militärrat der 2. Weißrussischen Front, der ihn nachhaltig beeindruckte. Im August trat Müller dem Nationalkomitee Freies Deutschland bei.

Über Motivation und Gemütslage des Generals gibt Lapp wichtige Auskünfte. Müllers Kompass wurde seit 1944 erstens bestimmt durch eine Art Dankbarkeit gegenüber den Sowjets, die ihn als Gefangenen ordentlich behandelt hatten. Zum andern durch das politische Ziel – was mit der Moskauer Linie konform ging –, einen neuen Krieg abzuwenden und ein einheitliches Deutschland ohne Blockbindung zu erreichen. Zitat Müllers aus einem Brief an einen früheren Kameraden: »Sehen Sie, ich habe aus meiner Kriegsgefangenschaft den Eindruck mitgenommen, dass es in Russland keinen Menschen gibt, der an einem Kriege etwas verdienen kann, (…) dass es auch in Amerika viele gibt, die durch einen Krieg nur verlieren, aber auch solche, die durch den Krieg verdient haben, und die durch einen neuen Krieg wieder verdienen wollen.«

Für Müller, der 1948 aus der So­wjetunion zurückkehrte und zunächst führende Funktionen in der NDPD übernahm, eröffnete sich eine neue Lebensaufgabe. Ab 1952 spielte er eine führende Rolle beim Aufbau ostdeutscher bewaffneter Organe – zuerst in der Kasernierten Volkspolizei, dann der Volksarmee. Dabei äußert er seit 1953 immer wieder die Sorge, dass ein Krieg »um und wegen Deutschland« zum Weltkrieg werden könne. 1956 wurde er Chef des Hauptstabes der NVA und Stellvertreter des Verteidigungsministers – von vielen in der SED bis zu seiner Entlassung aus der NVA 1958 allerdings kritisch beäugt.

In seiner Stellung aktiviert der Bayer Müller alte familiäre Kontakte zum Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU), von dem er und andere annahmen, er sei im Unterschied zu Adenauer einer blockfreien »Österreich-Lösung« für Deutschland zugeneigt. Die Begegnung der beiden erzeugte den Wunsch Schäffers, ein informelles Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Georgi Puschkin zu ermöglichen. »Wiedervereinigung durch Konföderation« – und dadurch Verringerung der Kriegsgefahr – sollte das Thema sein. Müller übernahm die Rolle des Türöffners, und anfangs wohnte er der Unterredung, die am 21. Oktober 1956 stattfand, bei.

Bekanntlich gab es seinerzeit divergierende Kräfte in der sowjetischen Führung: Einige wollten die DDR grundsätzlich als »Vorposten« halten, und für andere war ein Rückzug aus dem Osten Deutschlands eine Option. Diese Richtung wollte die NATO-Bindung Westdeutschlands beenden, sie war mehr an einem neutralen Gesamtdeutschland interessiert als an einer ins eigene Bündnis integrierten DDR. Puschkin war vor allem Zuhörer und ließ nicht erkennen, welcher Richtung er zuneigte. Nach Lapps Ansicht blieb dieses Gespräch eine Episode, weil die Krise in Ungarn andere Prioritäten setzte.

Tatsächlich aber lief es etwas anders: In Absprache mit Moskau entwarf die SED-Spitze im Dezember 1956 einen neuen Konföderationsvorschlag mit weitgehenden Zugeständnissen. Diesen Plan unterbreitete die Regierung der DDR im Sommer 1957 dem Bonner Kabinett. Dieser Fortgang der Ereignisse ist dem Buch nicht zu entnehmen. Unter dem Strich aber hat Lapp, der alles andere als ein Freund der DDR ist, in einem unaufgeregten Stil, ohne Zorn und Bissigkeit das Wirken Müllers beschrieben.

Peter Joachim Lapp: Vincenz Müller. General in Wehrmacht und Volksarmee. Helios, Aachen 2024, 277 Seiten, 25,50 Euro

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