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Aus: Ausgabe vom 17.06.2024, Seite 1 / Titel
Israel

Geduld am Ende

Israel: Größte Demonstrationen gegen Netanjahu seit Kriegsbeginn, Geiselabkommen gefordert. Militär verkündet Kampfpause entlang Hauptstraße
Von Ina Sembdner
Zehntausende Israelis fordern ein Ende des Krieges, um die Geiseln zu befreien (Tel Aviv, 15.6.2024)
Trostlose Vorbereitung auf das islamische Eid-Al-Adha-Fest: Marktplatz am Sonnabend in Dschabalija
Hilfsspeisung statt eines gemeinsamen Mahls mit der Familie zum höchsten islamischen Fest, Eid Al-Adha (Khan Junis, 15.6.2024)

Es war die bislang größte Demonstration gegen die Rechtsregierung von Benjamin Netanjahu seit Beginn des Gazakriegs. Am Sonnabend abend fluteten Zehntausende die Straßen Tel Avivs und anderer israelischer Städte, um vom Premier ein Abkommen mit der Hamas zur Freilassung der verbliebenen rund 120 Geiseln zu fordern. In einer auf Video aufgezeichneten Rede sagte Andrey Kozlov, den die israelische Armee zusammen mit drei weiteren Geiseln vor einer Woche in Nuseirat aus der Gefangenschaft befreit hatte: »Für die Geiseln, die noch in Gaza sind, gibt es nur eine einzige Lösung: einen Deal zwischen Israel und der Hamas.« In der Gefangenschaft hätten die Hamas-Leute ihn und seine Mitgefangenen die Fernsehberichte von den wöchentlichen Demonstrationen in Israel ansehen lassen. Dies habe ihnen Mut und Zuversicht gegeben. »Ihr seid Helden!« sagte er an die Protestierenden gerichtet.

Netanjahu dürfte sich davon erneut wenig beeindruckt zeigen, zumal die von seinen engsten Verbündeten USA artikulierte »rote Linie« zum Schutz von Zivilisten nach dem Massaker von Nuseirat, bei dem für die Freikämpfung von vier Geiseln 274 Palästinenser getötet und 700 weitere verletzt wurden, schlussendlich als rhetorische Beruhigungspille abgetan werden kann. Denn die USA leisteten mit ihrem »humanitären« Pier entscheidende Mithilfe und verlegten die provisorische Landungsbrücke nun aufgrund »rauhen Seegangs« Richtung Aschdod an der israelischen Küste. Und das, obwohl die Hungerlage in der abgeriegelten palästinensischen Enklave immer dramatischer wird. Während Tausende Hilfstrucks vor dem von Israel geschlossenen Grenzübergang Rafah warten, hatte das Welternährungsprogramm erst am Freitag wieder auch für den Süden vor einer katastrophalen Verschlechterung der Versorgungslage gewarnt. Laut dem UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge UNRWA müssten mehr als 50.000 Kinder wegen akuter Mangelernährung behandelt werden.

Allerdings scheint das israelische Militär nach dem Tod von insgesamt elf Soldaten über das Wochenende seine eigenen Pläne zu verfolgen. So wurde am Sonntag morgen gemeldet, dass militärische Aktivitäten bis auf weiteres täglich von fünf Uhr morgens bis 16 Uhr entlang der Hauptstraße vom Grenzübergang Kerem Shalom nach Norden unterbrochen würden, damit mehr Hilfsgüter in die Enklave fließen könnten. Von israelischen Medien hieß es jedoch, dass weder Netanjahu noch Verteidigungsminister Joaw Gallant vorab darüber informiert gewesen seien. Gallant habe die Pläne des Militärs weder geprüft noch freigegeben und sei ungehalten über das Timing. Die Vereinten Nationen wiederum begrüßten den Schritt, auch wenn »dies noch nicht dazu geführt hat, dass mehr Hilfe die Menschen in Not erreicht«, sagte Jens Laerke, Sprecher des UN-Nothilfebüros OCHA. Er forderte »weitere konkrete Maßnahmen« zur Deckung des Hilfebedarfs. Zumindest am Sonntag morgen gab es laut AFP-Korrespondenten im Norden und im Zentrum des Gazastreifens keine Gefechte, wohl aber einige Granateneinschläge und mindestens einen Luftangriff in Rafah.

Dass der Premier auch weiterhin seinen faschistischen Ministern zu Diensten ist, bewies er mit der Ankündigung, die Finanzierung von Hotels und Gästehäusern für die aus den südlichen israelischen Grenzstädten evakuierten Bewohner bis zum 15. August zu verlängern. Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Kämpfe in die Länge ziehen könnten, kommentierte Reuters. Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich hatten zuvor zur vollständigen Vernichtung des Feindes aufgerufen.

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  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt (17. Juni 2024 um 10:58 Uhr)
    Ähnlich trostlose Bilder wie das Bild Nr. 2 kann man auch in der Ukraine fotografieren. Die betroffenen Ukrainer leiden genauso, wie ihre palästinensischen Leidensgefährten. – Aber es gibt Unterschiede: Im Gaza-Streifen sind es die israelischen Truppen, die Leid und Zerstörung anrichten, in der Ukraine sind es die russischen Truppen. Und: In Israel wächst der Widerstand im Volk gegen den Krieg, wie Bild Nr. 1 zeigt. In Russland sorgen Putins Sicherheitsorgane dafür, dass öffentliche Proteste gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine im Keim erstickt werden.

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