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Aus: Ausgabe vom 13.06.2024, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Bagger auf Sand

Nicht nur Wim Wenders mag »Fossil«: Henning Beckhoffs Spielfilm über Kohle und Kohlearbeiter
Von Ronald Kohl
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Neue Sachlichkeit: Tagebaulandschaft mit Pick-up und Kran

Wim Wenders weiß, wie man das Kinopublikum bei Laune hält. »Euch sehe ich alle in der Totalen«, sagte er zu uns bei der Sondervorführung von »Fossil« am Dienstag abend im Berliner Klick-Kino. Dann wandte er sich wieder Regisseur Henning Beckhoff zu: »Nur dich sehe ich in der Nahaufnahme.«

Henning Beckhoff vermeidet in »Fossil« diese für Fernsehproduktionen so typische Kameraeinstellung, also das distanzlose Draufhalten. Dies wiederum begeisterte Wim Wenders so sehr, dass er bei der Preview von »Fossil« die Präsentation übernahm, die Vorführung gewissermaßen anmoderierte und sich mit dem Regisseur ein wenig unterhielt. Dabei erfuhren wir, dass Wenders besonders Aufnahmen liebt, bei denen man »nicht so schnell sieht, was man sehen soll«, bei denen der Ort und die Landschaft »mitspielen«. Im Fall von »Fossil« ist es eine Landschaft in krassem Wandel.

Ein riesiger Braunkohletagebau irgendwo in NRW soll geschlossen und geflutet werden. Dass es sich um einen Ort im Westen handelt, ist allerdings bedeutungslos, zumal die Aufnahmen im Tagebau ohnehin ausnahmslos in der Lausitz gedreht wurden. (Wenders: »Ihr habt also gemogelt.«)

Baggerfahrer Michael (Markus Hering) will nicht auf Tretbootkapitän umschulen. Doch er hält nicht nur nichts davon, dass sein Arbeitsplatz schon in nächster Zukunft in den größten künstlichen See Europas umgewandelt werden soll, ihn bringt auch der Umweltaktivismus seiner erwachsenen Tochter Anja (Victoria Schulz) auf die Palme, die mit ihren Freunden in dem Kiefernwald neben dem Tagebau ein Protestcamp errichtet hat. Leidtragender des Vater-Tochter-Konflikts ist vor allem Toni, Anjas Sohn und damit Michas über alles geliebter Enkel. Die Zuneigung des Opas geht sogar so weit, dass er sich in die Höhle des Löwen wagt, also das Camp aufsucht. Dort muss er eine ziemlich wackelige Strickleiter emporklettern, um den Enkel in seinem Baumhaus besuchen zu können (was in anderen Produktionen ein Stuntdouble erledigt hätte). Der Großvater erinnert Toni daran, dass bei ihnen zu Hause das Tablet auf ihn wartet. Und er versäumt es auch nicht, dem Kleinen zu verklickern, dass die Mama einen an der Waffel hat.

»Fossil« ist nicht darauf aus, uns die Charaktere sympathisch zu machen. Auch deshalb wird so viel in der Totalen gefilmt. Denn wir sollen uns den Figuren nähern, die da irgendwo im Leben stehen und genau so handeln, wie sie es für richtig halten.

Und was tut ein Baggerfahrer, dem sie den Bagger einfach in die Luft sprengen wollen, weil eine Demontage zu kostspielig wäre? Der Baggerfahrer wird zum Aktivisten. Das Problem ist nur, dass die neue Managerin für Umstrukturierung großen Gefallen an dieser Aktion findet, als sich Michael an seinen Bagger kettet. Jetzt kann der sturköpfige Widersacher endlich nicht mehr mit seinem Pick-up durch den Tagebau brausen, um die Belegschaft gegen die paradiesischen Zukunftspläne der Chefetage aufzuhetzen. Und nicht nur das Management des Bergbauunternehmens lässt den rebellischen Michael hart auflaufen. Auch seine Frau ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr gewillt, Michaels Kampf gegen Windmühlen zu ertragen.

Beschrieben wird in »Fossil« vor allem der Wandel durch Klimawandel. Was nicht nur als Politikum dargestellt wird, sondern auch als eine Sache, die uns eben betrifft. Und nicht nur uns: auch den Film selbst.

Der gigantische Bagger, den wir sehen, steht auf Sand. Dieses Motiv wurde nicht etwa gewählt, weil es symbolträchtig wäre; die Crew hätte viel lieber den in der Tiefe des Tagebaus arbeitenden Kohlebagger gefilmt. Das wurde nicht gestattet wegen der übermäßigen Hitze, die dort unten im Sommer herrschte. Eine Einschränkung, die von Regisseur Hering ziemlich gleichmütig akzeptiert wurde, da er und seine Mannschaft zu dem Zeitpunkt heilfroh waren, den Film überhaupt fertigstellen zu dürfen.

»Fossil«, Regie: Henning Beckhoff, BRD 2023, 94 Min., Kinostart: heute

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