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Aus: Ausgabe vom 13.06.2024, Seite 5 / Inland
Arbeitsrecht

Bergfrau gegen K+S

Arbeitsgericht verhandelt »Strafversetzung« einer Alleinerziehenden, die in Betriebsversammlung den Mund aufgemacht hat
Von Alexander Reich
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Monopol bei Düngemitteln für den Westen: Als »Kalimandscharo« bekanntes K+S-Werk bei Loitsche in Sachsen-Anhalt

Der Bergbaukonzern K+S (Kali und Salz) muss sich an diesem Donnerstag schon wieder vor dem Arbeitsgericht Fulda verantworten. Und wieder geht es darum, dass jemand aus der Belegschaft abgestraft wurde, weil er bzw. sie auf einer Betriebsversammlung den Mund aufgemacht hat.

Im April war in Fulda die Kündigung Julian Wächters für unwirksam erklärt worden. Der Kumpel hatte auf einer Versammlung Lohnkürzungen, Arbeitshetze und mangelnden Gesundheitsschutz zur Sprache gebracht (jW berichtete). Er ist zurück im Schacht. Der nächste Fall ist nun in mancher Hinsicht noch krasser. »Streitgegenstand ist im wesentlichen eine Versetzung«, erklärte die Direktorin des Arbeitsgerichts, Christine Schwarz, gegenüber jW. »Ob am 13. Juni eine Entscheidung ergeht, hängt vom Fortgang der Verhandlung ab.«

Klägerin Sarah Tümmler musste sich auf einer Betriebsversammlung im Juni 2023 zusammen mit ihren Kollegen vom Chef sagen lassen, die Arbeitsleistung im Schacht Neuhof-Ellers sei, so wörtlich, »beschissen«. Zum Hintergrund gehört, dass K+S sehr vom Ukraine-Krieg profitiert. Seit dem Embargo gegen die großen Kaliproduzenten in Russland und Belarus stößt K+S in möglichst jede Lücke, schließt munter Lieferverträge für Düngemittel ab, baut sein Monopol für den Westen aus. Entsprechend mehr muss gefördert werden, und das am besten ohne zusätzliche Investitionen. Also wird der Druck auf die Kumpel erhöht. Sie sollen mehr und mehr Tonnen pro Stunde fördern, müssen sich anschnauzen lassen wie auf der Versammlung vor einem Jahr.

Es kam damals zu einiger Empörung. Unter anderem monierten Tümmlers Kollegen die hohe Staubbelastung im Schacht: Bei gesteigerten Produktionsvorgaben wäre es ja wohl das mindeste, den Wasserwagen öfter durchzujagen. Tümmler selbst wandte sich gegen Drohungen, die mit der Antreiberei einhergingen, und kam dann noch auf einen kurzen Film zu sprechen. Eine Art Werbeclip, der damals gerade im Nachrichtenportal Osthessen News hochgeladen worden war. »Allein unter Männern: Bergfrau Anna Friebel (28) brennt für ihren Beruf« ist der Titel. Die »Leidenschaft« der Heldin »für ihren Job« sei im Schacht Neuhof-Ellas immer nur »größer geworden«, wird dort beteuert. Friebel schwärmt von der Schönheit ihres Arbeitsplatzes, dem »ganz phantastischen Arbeitsumfeld«, und erklärt: »Die Zeiten größtmöglicher physischer Anstrengungen sind vorbei; modernste Technik und Maschinen haben im Bergbau längst Einzug gehalten.«

Als Sarah Tümmler auf der Versammlung erklärte, die Realität sehe anders aus, war das nicht aus der Luft gegriffen. Einige Maschinen im Schacht Neuhof-Ellas sind stolze 40 Jahre alt. Sie stammen aus Hinterlassenschaften des DDR-Bergbaus, die K+S sich in den 1990ern über die Treuhand einverleibt hat.

Nach der Wortmeldung wurde Tümmler zunächst von der Arbeit freigestellt und erhielt eine Abmahnung. »Stimmung machen auf der Betriebsversammlung«, lautete die offizielle Begründung. Und dann bekam die alleinerziehende Mutter noch mitgeteilt, dass sie »strafversetzt« werde von dem nur zwei Minuten von ihrer Wohnung entfernten Schacht in den in Herfa-Neurode (Werra). Der ist 80 Kilometer entfernt.

Seitdem fährt Tümmler also 160 Kilometer am Tag. Als Alleinerziehende. »Wahnsinn«, sagt Rainer Weinmann vom Bündnis »Kumpel für AUF«, das die Bergarbeiterin unterstützt, gegenüber jW. Er meint das auch in arbeitsrechtlicher Hinsicht: »Offensichtlich sind die es nicht so gewohnt, dass sie da nicht schalten und walten können, wie sie wollen.« Im übrigen könne er »auch nicht so ganz verstehen«, dass der Betriebsrat von K+S kein Aufhebens um diesen Fall gemacht habe. K+S wollte gegenüber jW weder das laufende Verfahren noch den »Medienbericht« der Osthessen News kommentieren.

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