Pistorius will dich!
Von Marc Bebenroth
Die Kriegsvorbereitungen gehen in die nächste Runde. Am Mittwoch hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in Berlin seinen Vorschlag für ein neues Wehrdienstmodell präsentiert. Zur altbekannten Wehrpflicht wolle man nicht zurück, beruhigte der Minister: »Wir wollen keinen langweiligen, sinnentleerten Wehrdienst«. Der erste Schritt: Der Staat will die »wirklich« an der Bundeswehr interessierten jungen Männer und Frauen rekrutieren. Von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und aus dem Kabinett insgesamt habe Pistorius »Signale« der Zustimmung zu seinem Vorschlag erhalten, erklärte er gegenüber den Journalisten.
Dazu sollen ab Inkrafttreten der – noch zu erarbeitenden Gesetzesentwürfe – alle 18jährigen wehrpflichtigen Männer einen Onlinefragebogen ausfüllen müssen. Sie sollen darin vor allem erklären, ob sie sich einziehen lassen wollen. Frauen im selben Alter soll ebenfalls der Fragebogen übermittelt werden. Für sie soll die Beantwortung jedoch freiwillig bleiben, erklärte Pistorius. Außerdem werde das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern, »selbstverständlich« bestehen bleiben. Zusätzlich sollen mit dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e. V. ehemalige Bundeswehr-Angehörige identifiziert werden, die sich wieder als aktive Reservistinnen und Reservisten registrieren lassen wollen.
Zumindest für die Männer rechne man mit 400.000, die man vom ersten betroffenen Jahrgang befragen will. Von den geeigneten Kandidaten würde Pistorius am liebsten 20.000 pro Jahrgang rekrutieren. Sein Plan ziele aber auf zunächst 5.000 neue Wehrdienstleistende pro Jahr. Mehr geben laut Pistorius die Kapazitäten der Truppe, was Ausbildung, Unterbringung und Versorgung betrifft, nicht her. Jene 5.000 würden den Bund jährlich »etwa 1,4 Milliarden Euro« kosten.
Wie der Bund an die Adressdaten kommt, sei rechtlich wie technisch eine schwierige Angelegenheit. Überlegungen dazu laufen dem Minister zufolge noch. EU-Bürger sollen nicht mit dem Fragebogen behelligt werden. Zu Menschen mit mehr als nur der deutschen Staatsbürgerschaft sei noch keine Entscheidung getroffen worden. Und wo die erwarteten rund 40.000 Interessenten gemustert werden – der Rückbau der Kreiswehrersatzämter soll laut Pistorius nicht rückgängig gemacht werden – ist aktuell noch unklar. Eine Lösung werde erarbeitet.
Offen ließ der Minister auch, wie hoch die Prämie für Fragebogenbeantworter ausfällt, die sich für mehr als nur sechs Monate Grundwehrdienst verpflichten. Man werde jedenfalls »offensiv« dafür »werben«, dass Betroffene sich für eine längere Dauer entscheiden. Maximal 23 Monate soll der neue Wehrdienst umfassen. Danach sollen, so der Plan, diese neuen Wehrdienstleistenden automatisch in die Reservestrukturen integriert werden, sofern sie sich nicht für eine Laufbahn als Zeit- oder gar Berufssoldat entscheiden.
Mit der Fragebogenlösung soll erreicht werden, dass sich junge Menschen mit der Bundeswehr befassen, sagte Pistorius. Bis dahin müssen die dann 18jährigen also bestmöglich über Wehrdienst und Soldatentum aufgeklärt werden. »Es wird genügend Gruppen in der Gesellschaft geben, die ihr Bild von der Bundeswehr verbreiten«, sagte der Verteidigungsminister dazu auf Nachfrage von junge Welt. Der Bund werde von seinen Möglichkeiten Gebrauch machen. »Das Feld werde ich ja nicht anderen überlassen.«
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