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Aus: Ausgabe vom 10.06.2024, Seite 4 / Inland
Aufrüstung

Kanonenfutter dringend gesucht

Ausgebildete Reserve als Voraussetzung für den großen Krieg: Bundeswehr-Planer träumen von Erneuerung der Strukturen des Kalten Krieges
Von Kristian Stemmler
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Hier entlang zum Schützengraben: Werbepavillon der Bundeswehr bei der ILA (Schönefeld, 5.6.2024)

Um die Bundeswehr »kriegstüchtig« zu machen, soll nicht nur die Zahl der aktiven Soldaten erhöht werden. Auch die Reserve – also die Zahl der ausgebildeten Soldaten, die im Mobilmachungsfall aus dem Zivilleben heraus sofort für die aktive Truppe rekrutiert werden können – soll mit Verweis auf die »russische Bedrohung« erheblich aufgestockt werden. Im Verteidigungsministerium laufen entsprechende Planungen, wie Generalleutnant Andreas Hoppe, Stellvertreter des Generalinspekteurs und Beauftragter für Reservistenangelegenheiten, am Wochenende gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärte. Ziel der Planer sei es, künftig bis zu 60.000 Männer und Frauen als Reservisten in einer sogenannten Grundbeorderung zu haben, die in diesem Status für eine feste Aufgabe eingeplant und befähigt sind.

Die demnächst ins EU-Parlament wechselnde Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) hatte bereits vor einer Woche die Erfassung einer Reserve von 900.000 Männern und Frauen gefordert. Wie sie begründete auch Hoppe sein Plädoyer für eine starke Reserve mit dem Ukraine-Krieg. »Ohne Reserve geht es nicht. Das sehen wir in der Ukraine«, sagte der Generalleutnant. Die Strukturen müssten so sein, dass die Reserveeinheiten in die aktive Truppe integriert werden könnten. Und weiter: »Das gab es alles im Kalten Krieg, aber es ist eben seit 30 Jahren vernachlässigt worden und einfach nicht mehr existent.« Es gebe »noch ein paar ganz wenige, die das noch wissen«. Hoppe: »Die zapfen wir gerade ab, um die Fähigkeiten noch abzubilden.«

Die Reserve solle so ausgebildet und ausgerüstet sein, dass sie die aktive Truppe im Kampf verstärken oder ersetzen kann. »Ich bin der Überzeugung, dass wir die Reserve ganz den aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen anpassen müssen«, so der Generalleutnant. Die Bundeswehr rechnet mit gut 10.000 ausscheidenden Zeit- oder Berufssoldaten pro Jahr, die für diese »Grundbeorderung« gewonnen werden könnten. Rund 44.000 »grundbeorderte« Männer und Frauen gibt es bisher.

Im Ministerium wird derzeit auch geprüft, wie groß die Zahl der Reservisten ist, die grundsätzlich im »Verteidigungsfall« zum Militärdienst (»unbeorderte Reservistentätigkeit«) herangezogen werden könnten. Dabei geht es um die Bürger, die bereits Dienst in der Bundeswehr geleistet haben, aber nicht beordert sind. Diese Gruppe schrumpft, seit die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt wurde. Es gebe dazu unterschiedliche Zahlen, sagte Hoppe: »Wir gehen davon aus, dass es etwa 800.000 sind, die noch wehrrechtlich herangezogen werden können.«

Das seien im Prinzip alle, die irgendwann mal Dienst in der Bundeswehr geleistet haben und ausgeschieden sind und in den Altersgrenzen liegen – mit Vollendung des 65. Lebensjahres ist man nicht mehr »wehrrechtlich verfügbar«. Wenn man sich aber die Altersproblematik vor Augen führe, wisse man, »dass das jedes Jahr weniger werden«, so der Generalleutnant. Deshalb müsse gegengesteuert und zusätzlich Personal für die Reserve gewonnen werden, was auch geschehe. Hoppe verwies auf die sogenannten Heimatschutzregimenter: Diese würden im wesentlichen aus »Ungedienten« gebildet, die eine entsprechende Ausbildung bekommen.

Ziel sei es, Reservekompanien oder Reservebataillone so auszustatten und auszubilden, dass sie nahtlos in die Operationsführung einer Brigade eingebaut werden könnten. »Wenn man in die Ukraine guckt, sind wir einfach nicht durchhaltefähig und aufwuchsfähig so, wie wir momentan dastehen«, dozierte der Offizier. Dafür brauche es eine Reserve, »die in der Lage ist, Kräfte auch komplett zu ersetzen«. Gebraucht würden Spezialisten, aber »schlicht auch Masse«, beispielsweise für Aufgaben im Heimatschutz, also für die Sicherung der Infrastruktur, Verkehrswege und Militäranlagen in Deutschland.

Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte am Freitag erklärt, die Reserve der Bundeswehr müsse deutlich aufgestockt werden. Am Mittwoch will der Minister seinen Vorschlag für ein Modell der Wehrpflicht vorstellen.

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