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Aus: Ausgabe vom 25.05.2024, Seite 10 / Feuilleton
Film

Der erstickte Widerstand

Eine Hamburger Tagung setzt sich mit den Filmen des Schriftstellers Christian Geissler auseinander
Von Stefan Ripplinger
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Wird Zeit, dass wir rauchen: Christian Geissler

Hörspiel und Film können das Schaffen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern verlängern, aber auch ergänzen. Ungewöhnlich ist das Verhältnis bei Christian Geissler, der lange fürs Fernsehen arbeitete; zwischen 1962 und 2002 entstanden drei Dutzend Filme, immer nach seinem Buch, manchmal auch in seiner Regie. Anders als sein literarisches Werk beschäftigt sich das filmische kaum mit dem politischen Widerstand, sondern mit all dem, was Widerstand verhindert und erstickt. Eine Hamburger Tagung widmet sich nun diesem Teil des Werks; der Schriftsteller Dietmar Dath hält den Eröffnungsvortrag, im Anschluss brilliert Irmgard Kootes in »Immer nur Fahrstuhl ist blöde« (1969, Regie: Rolf Busch). Über die Schauspielerin heißt es im Internetlexikon, ihre Spur verliere sich in den Achtzigern …

Der einzige von Geissler geschriebene Film, der auch ins Kino kam, ist Christian Rischerts »Kopfstand, Madam!« (1967). Er handelt in einem an Herbert Vesely erinnernden neusachlichen Stil, der oft genug nicht sachlich genug ist, von der Emanzipation. Eine Frau (Miriam Spoerri) will aus dem »Nichts« der Ehe raus, doch interessanter als sie sind in diesem Film, der immerzu auf der Stelle tritt, die beiden Männer, die immerzu auf der Stelle treten. Der eine ist der Patriarch (Herbert Fleischmann), der das gekochte Ei köpft und erwartet, wie seine Frau spottet, dass »Ladys klopfen und zupfen«. Der andere, ihr Geliebter, ist ein Schöngeist (Heinz Bennent), der meint: »Besser einsam oben als unten blöd und dumpf wie all die andern«. Als typische Gestalt Geisslers erwidert die Frau, sie möge »all die andern« ganz gern. Die Frau, sagt dieser Film, bleibt unverwirklicht, solange sie nicht arbeitet.

Die Doku »Platz 219« aus demselben Jahr, ebenfalls in Rischerts Regie, sagt exakt das Gegenteil. Über die Arbeit, die die porträtierte Frau im Akkord verrichtet, urteilt ihr Ehemann, ein Werkzeugmacher, der gern Offizier geworden wäre, sie sei zu »stupide« für einen Mann. In den Kerker von Arbeit und Armut gesperrt, fürchtet sich die Frau doch vor der »Krise«, die Arbeitslosigkeit bringt. Sie muss die Fortdauer der Verhältnisse erhoffen, die sie unterjochen.

Im Kapitalismus kann die Utopie nur jenseits der Arbeit liegen. Wie die Arbeiterin aus »Platz 219« gern ans Meer oder nach Moskau will, will die Altenhelferin in »Gezählte Tage« (1972) mit ihrer Familie für 14 Tage nach Bayern. 2.000 Mark kostet diese erste gemeinsame Reise, 300 Mark verdient die Helferin im Monat, ihr stets angespannter Mann (»ich möchte bloß wissen, wo die Alpen sind«) bringt bei täglich elf Stunden 1.500 nach Hause. Es wird sich zeigen, dass auch im Urlaub die Arbeit, die alles zerrüttet, nicht abzuschütteln ist.

Ein »verbindliches Verhältnis zur Arbeit« will eine Jugendstrafanstalt vermitteln, die 1970 auf dem Gelände des KZ Neuengamme errichtet wird. Doch für ihre Arbeit kriegen die Häftlinge bloß ein paar Groschen. Die Langzeitbeobachtung »Ein Jahr Knast« (1971; mit Hajo Dudda und Lothar Janssen) ist ein Höhepunkt. Geissler tritt selbst auf, befragt den Anstaltsleiter, die Wärter, die Häftlinge. Aus dem teilnehmenden Beobachter wird im Laufe des Jahres ein beobachtender Teilnehmer, auch ein Anwalt der übrigens sehr eloquenten Gefangenen. Als solcher muss er erkennen, dass er sie ebenso im Stich lässt wie alle andern auch, er hat niemandem eine Wohnung, niemandem einen Job besorgt. »Die Isolation funktioniert.« Sie ist ein Hauptgrund für das Scheitern des Widerstands oder auch nur politischer Arbeit. Ein weiterer ist das Fortwirken faschistischer Muster von Ordnung und Gewalt.

Egon Monk hat drei Lehrstücke Geisslers inszeniert, von denen die ersten beiden Nazismus und Holocaust angehen. »Die Anfrage« (1962), nach Geisslers bekanntestem Roman, ist ein moralisches Experiment: Was, wenn die Mitläufer des Naziregimes sich bekennten? Was, wenn sie ihre Angst vor Repressalien ebenso geständen wie ihre Lust am Mittun, ja sogar am Krieg? »Eines Tages sagt man ›innere Wehrhaftigkeit‹ und glaubt daran.« Dann ginge es nicht um Vergangenheit, sondern um »unbewältigte Gegenwart« und selbst noch um unsere. Monk war Brechtianer, doch fehlte ihm Bertolt Brechts Sinn für Dialektik. Der woke Antifaschist des Films steht den vielen Opportunisten, ja sogar einem aus den USA angereisten Juden (»Lesen Sie Pound!«) statisch gegenüber, es gibt keine Ableitung, keine Entwicklung, keine Spannung, nur ein Nebeneinanderher von Moral und faulem Pragmatismus.

Dass er komplexer dachte als Monk, bewies Geissler in einer vom Stern abgelehnten Reportage und in einer Rede, aus denen der Fernsehfunk der DDR das zweiteilige filmische Pamphlet »Wer Macht gewinnt« (1966) produziert hat (Regie: Lothar Bellag). Der im zweiten Teil an den Nürnberger Prozessen demonstrierte Widerspruch ist, dass die herrschende Klasse eines Landes derjenigen eines andern kein Auge aushackt, auch wenn es manchmal so aussieht. So konnten, ja mussten, aus Anklägern Täter werden. »Amerika hat mit den hingerichteten Nazigeneralen seine tüchtigsten militärischen Berater verloren« – für Vietnam. Schon damals war die Rede der Invasoren, sie führten einen »Angriffskrieg zum Besten der Opfer«. Der Film, montiert aus Text (gesprochen von Eberhard Esche), Bericht, Bild, Chor und Lied (Reiner Schöne, Ernst Busch), ist ein Fresko von hoher Aktualität.

Der Widerstand oder auch nur die Wünsche der Frauen, der Gefangenen, der Beherrschten – wir erkennen, wie sie entstehen, wir erkennen auch, was sie (meistens) hintertreibt. Das filmische Werk Christian Geisslers ist die nüchterne Rückseite seiner vitalistisch gestimmten Romane.

»›Glücksgefühle am Schneidetisch?‹ Christian Geisslers Arbeit für Film und Fernsehen«, Tagung der Christian-Geissler-Gesellschaft, Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, Kino 3001, Hamburg, 30. Mai bis 1. Juni 2024

christian-geissler-gesellschaft.de/filmtagung

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