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Aus: Ausgabe vom 30.03.2024, Seite 4 / Inland
Krieg und Propaganda

Alles raus an die Ostfront

Den Krieg schmackhaft machen: »Experten« und Medien spielen sich die Bälle zu. Von Susann Witt-Stahl
Von Susann Witt-Stahl
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Wachbataillon der Bundeswehr marschiert am Kanzleramt in Berlin (27.3.2024)

Grundsätzlich soll gar nichts mehr ausgeschlossen werden. »Über diese Dinge muss man doch mal nüchtern reden können«, bewarb der »Verteidigungsexperte« und Senior Fellow der sogenannten Münchner Sicherheitskonferenz Nico Lange vergangene Woche den Einsatz von NATO-Bodentruppen im Ukraine-Krieg. Dabei müsse man »nicht immer gleich Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg im Kopf« haben. Nach der Devise, warum in der Vergangenheit schwelgen, wenn man in naher Zukunft einen dritten Weltkrieg haben kann, präsentierte Lange eine pfiffige Idee: Die NATO könnte ihre Soldaten zur logistischen Unterstützung in die Ukraine entsenden, für Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten, für die Luftverteidigung im Westen des Landes und Sicherung der Grenze zu Belarus.

Es sei auch »sinnvoller«, die NATO-Militärausbilder »dahin zu bringen, als Tausende ukrainische Soldaten auf der ganzen Welt herumzufliegen«, erklärte Lange einem aufgeschlossenen Moderator der »Heute«-Nachrichten des ZDF, der selbstverständlich keine kritische Nachfrage hatte. Das galt schon, als Lange im Februar vorschlug, dass »unsere Luftverteidigungssysteme« an der NATO-»Ostflanke« russische Raketen, die in Richtung Ukraine fliegen, abschießen könnten – Deutschland also direkt mit Waffengewalt in den Krieg eingreifen könnte. »Das wäre vom Völkerrecht in jedem Fall gedeckt«, räumte Lange präventiv Bedenken aus; außerdem wäre »schulterzuckend zuzugucken ein großer Fehler des Westens«.

Die Bevölkerung wird sorgfältig auf alle möglichen Tabubrüche vorbereitet. »Und wenn Macron recht hat?«, fragte Spiegel-Korrespondentin Britta Sandberg unverbindlich, die die »maximale Härte« des französischen Präsidenten gegenüber Russland sowie seine Erkenntnis, dass dessen Niederlage »unerlässlich« ist, lobte, um schließlich den Kanzler zu tadeln: »Das sind Worte, die Olaf Scholz bis heute nicht in den Mund genommen hat.«

Was sich bei Emmanuel Macron als Pulverdampfgeschwätz erweisen könnte (zum Zweck der Ablenkung von der Tatsache, dass Frankreich im Ranking der Länder, die der Ukraine Militärhilfe leisten, abgeschlagen auf Platz 16 liegt), präsentierten deutsche Qualitätsmedien als Realität, mit der man sich anfreunden kann. Einige veranstalten Strategieplanspiele, andere lassen unkommentiert möglichst viele Hardliner zu Wort kommen: »Wir müssen stärker gestalten, und das bedeutet, man muss westliche Soldaten in die Ukraine bringen«, zitierte der WDR den Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel, Joachim Krause. Und die FR findet: »Immer mehr Stimmen unterstützen die Bodentruppeninitiative von Frankreichs Staatschef Macron.«

Solange noch keine Soldaten geschickt werden – so die Logik des Deals, auf den man aus ist –, muss wenigstens alles andere her: Der ­TAURUS, Boden-Boden-Raketen – alles muss raus an die Ostfront und das letzte bisschen »Nie wieder!« raus aus den Köpfen. Und so werden gemäß dem Credo des »Stahlgewitter«-Ästheten Ernst Jünger – »Wir wollen keine friedliche Welt, wir wollen die Welt mit ihrer vollen Summe von Möglichkeiten« – die Drückeberger in die Mangel genommen.

Mehr und mehr tritt der stellvertretende Bild-Chef Paul Ronzheimer als Exorzist zur Austreibung des von dem Zeit-Journalisten Michael Thumann diagnostizierten »Ausschließeritis-Syndroms« auf und spielt aus, was er nicht hat: das Wissen darüber, was eine Entgrenzung des Krieges wirklich bedeuten würde. »Sie wollen Angst machen offenbar«, beschuldigte Ronzheimer Ralf Stegner in seinem »Knallhart«-Podcast, nachdem dieser vor Eskalationsrisiken gewarnt hatte. Der SPD-Politiker trägt die »Zeitenwende« der Ampel vollständig mit, ist nur nicht zum äußersten bereit. Ronzheimers als »Interview« deklariertes Verhör gipfelte in der Frage: »Waren Sie schon mal an der Frontlinie irgendwo?« Als Stegner verneinte, belehrte Ronzheimer, der regelmäßig Kriegsjournalismus mit Tourismus verwechselt und sogar schon in Fernsehstudios mit Helm und Kombattantenweste aufgetreten ist, ihn darüber, wie es dort ist: Die ukrainischen Soldaten in den Schützengräben sind alle gegen Verhandlungen, weiß Ronzheimer. Und so versäumte er auch nicht, sein Gegenüber moralisch abzukanzeln: »Herr Stegner, es geht sehr klar um Gut und Böse.«

Jenseits davon bewegte sich die ehemalige »Tagesthemen«-Moderatorin Caren Miosga in ihrer Talkshow mit brisanten Enthüllungen zu der heftig skandalisierten »Einfrieren«-Rede des SPD-Fraktionsvorsitzenden: Es sei nicht das erste Mal, dass Rolf Mützenich »mehr Diplomatie« fordere, die schon längst vorangetrieben werde von Ländern, wie China und Brasilien, die »nicht auf unserer Seite sind«, klagte Miosga mit aufgeregter Empörung an und äußerte einen schrecklichen Verdacht: »Es fällt ja auf, dass die SPD sich als Friedenspartei profilieren möchte.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Jürgen K. (4. April 2024 um 12:08 Uhr)
    Sie sitzen in den Talkshows und Parlamenten, die bürgerlichen Umgangsformen wahrend, einander zulächelnd, wohlgenährt und gut gekleidet, intellektuell beflissen, die Hochsprache gebrauchend, sich staatstragend gebend, und fordern mehr Waffen, also: mehr Leichen, aufgerissene Leiber, durch Gesichtsverletzungen entstellte Menschen, abgerissene Gliedmaßen, verstümmelte, verbrannte, zerfetzte Leichen, abgerissene Köpfe, Menschen, die sich verzweifelt in die Erde wühlen, in der Hoffnung dort Schutz zu finden, den Geruch von Pisse, Kotze, Scheiße und Blut, herausquellende Gedärme, vor Schmerzen schreiende, brüllende Menschen, Kriegsblinde, Kriegszitterer, ein Heer von Ein- und Mehrfach-Amputierten, von Angst auf immer entstellte Gesichter, seelische Schäden, die einen bis an das Lebensende begleiten, zerstörte, vergiftete Felder, für abertausende Menschen nicht enden wollende quälende Erinnerungen, Witwen und Waise, zerstörte Familien, Menschen, die überlebten und doch innerlich gestorben sind.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (1. April 2024 um 11:28 Uhr)
    Das Marionettenspiel der Drahtzieher: In der düsteren Inszenierung des Krieges agieren die Drahtzieher im Hintergrund wie Puppenspieler, während die Medien die Rolle des Orchesters übernehmen, das die unheilvolle Melodie des Konflikts spielt. In einem makabren Schauspiel von Machtpolitik und Propaganda werden die Bürger auf eine Reise der Desensibilisierung geführt, während Experten und Journalisten sich die Bälle zuwerfen, um den Krieg als eine scheinbar unvermeidliche Realität zu verkaufen. Die Medien, einst als Wächter der Richtigkeit gedacht, haben sich in die Diener der Agenda der Mächtigen verwandelt. Sie orchestrieren eine Symphonie der Angst und Unsicherheit, während sie die Bevölkerung auf alle möglichen Tabubrüche vorbereiten. Einflussreiche Stimmen werden verstärkt, kritische Gedanken marginalisiert. Es ist ein perfekt choreografiertes Spiel der Desinformation, das die Köpfe der Menschen infiltriert und die Möglichkeit des Friedens verblassen lässt. Inmitten dieses düsteren Schauspiels bleiben die wahren Kosten des Krieges verschleiert, unbeachtet. Menschliches Leid, Zerstörung und Verlust werden zu abstrakten Begriffen, während die Gesellschaft in eine düstere Realität gezogen wird, die von Gewalt und Chaos geprägt ist.

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