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Aus: Ausgabe vom 06.03.2024, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

»Berlin ist für viele ein Ort des Durchgangs«

Über das flüchtige Leben in einer Großstadt und ihr Archivprojekt »Berliner Zimmer«. Ein Gespräch mit Sonya Schönberger
Interview: Matthias Reichelt
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Wie leben Menschen miteinander? Was haben sie für eine erinnerte Vergangenheit?

Die Künstlerin Sonya Schönberger arbeitet seit 2018 unter dem Titel »Berliner Zimmer« an einem Archiv von Videointerviews mit Menschen, die in dieser Stadt leben. Allmählich fügen sich die gesammelten Interviews zu einem einzigartigen Porträt Berlins. Unser Autor sprach mit Sonya Schönberger anlässlich einer Ausstellung im Schloss Biesdorf, in der fünf neue Videointerviews mit aus der DDR stammenden Künstlerinnen und Künstlern zusammen mit deren ausgewählten Werken präsentiert werden. (jW)

Seit 2018 arbeiten Sie an Ihrem Videoarchiv »Berliner Zimmer«. Warum dieser Titel?

Mit meiner Arbeit versuche ich, Gesellschaft zu verstehen und zu spiegeln. Wie leben Menschen miteinander? Was haben die Menschen für eine erinnerte Vergangenheit? Wie ist ihr Blick auf die Zukunft? Der Titel »Berliner Zimmer« eignet sich gut, weil ich das wie einen Raum verstehen wollte, in dem die Menschen miteinander umgehen und sich auseinandersetzen. Warum bin ich so, wie ich bin? Warum bist du so? Und wenn wir das voneinander wissen, können wir vielleicht auch anders miteinander umgehen? Mir war wichtig, ein Abbild dieser Stadt zu liefern, weil Berlin sich so schnell verändert, und über die Bilder kann man diese Veränderung minimal dokumentieren. Es sind Blicke durch die Lupe auf eine bestimmte Situation, auf den Görlitzer Park oder auf ein Wohnzimmer. Wie sieht man aus, wie lebt man da? Welches Sofa kauft man sich, welche Tapete hängt an der Wand? Ich habe mich bei dem Titel »Berliner Zimmer« nicht unmittelbar auf die Architektur bezogen, aber man könnte das so verstehen, dass Berlin für viele Menschen auch ein Ort des Durchgangs ist.

Wie suchen Sie die Menschen aus, gibt es ein Raster aus soziologischen Parametern wie Klasse, Schicht, Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, Berufsgruppen, Alter? Und wie kommen Sie zu den Personen?

Nein, gibt es nicht. Ich selbst habe kein Raster in mir für diese Interviews, es könnte praktisch jeder sein. Das »Berliner Zimmer« geht Partnerschaften ein mit Institutionen und Vereinen, die neue Kontakte einbringen. Es gibt eine Mischung aus vorgeschlagenen Personen oder Leuten, die in ein bestimmtes Projekt, zu einem Themenfeld passen und aber auch Interviews, weil mich eine Person aus irgendeinem Grund interessiert.

Die Dauer des Archivprojekts »Berliner Zimmer« ist mit dem Stadtmuseum für 100 Jahre vereinbart. Es ist also explizit ein »Work in progress«?

Genau, weil es mich nicht interessiert, so ein Projekt zu machen, das nach kurzer Zeit wieder beendet ist. Berlin zu betrachten ist nur sinnvoll mit einem langen Zeitrahmen der Produktion sowie des Archivierens. In den sechs Jahren seit Beginn dieser Arbeit ist schon so viel passiert, wie zum Beispiel die Pandemie. Deshalb ist es für mich sehr wichtig, dass dieses Archiv weiter wächst und aufsammelt, was für Themen evident werden. Die Interviews sind immer eine Mischung aus Lebensgeschichte: Wo kommst du eigentlich her, wie bist du aufgewachsen, warum bist du hier und wie ist dein Alltag? Und dann natürlich auch die aktuellen Dinge, die dazukommen.

Stellen Sie standardisierte Fragen in einer bestimmten Reihenfolge?

Nein, das ist eine Unterhaltung, die sehr unterschiedlich verläuft, abhängig von meinem Gegenüber.

Die Situation und der Raum für das Interview werden von den Interviewten bestimmt?

Ja, und ob öffentlicher oder privater Raum, oder ein Ort, mit dem die Person eine schöne, wichtige oder auch unschöne Erinnerung verbindet. Es ist eine Mischung aus Innen- und Außenaufnahmen. Die Leute bestimmen auch, wie sie gefilmt werden, es wird aber weder gezoomt noch gibt es Schnittbilder und die Kamera hat eine feste Einstellung.

Wie lange dauert so eine Sitzung? Wie lange drehen Sie?

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In der Regel mindestens eine Stunde, manchmal auch bis zu drei. Das passiert, wenn ich Menschen treffe, die wirklich viel zu berichten haben.

Die Videos sind auch als Psychogramm der Personen zu lesen. Sprache, Gestik, Zögern, Pausen, Phrasen. Manche erzählen nur von ihren Erfolgen und was sie geleistet haben, ohne Brüche zu erwähnen, während andere eher bescheiden sind. Die Mehrheit der Personen ist aus dem Kunst- und Kulturbereich. Soll sich das ändern?

Ja, auf jeden Fall. Im Rahmen des 50jährigen Jubiläums des Bethaniens als Kulturort wurden alleine 40 Interviews geführt für eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg. Und es ist mein Arbeitsumfeld als Künstlerin. Aber das Ziel ist es, den Fokus zu erweitern. Die kleinen Perlen oder Ausflüge in andere Bereiche gibt es, aber der Kulturbereich dominiert im Augenblick noch.

Die Sicht auf eine weit zurückliegende Geschichte ist klarer als das, was in zeitlicher Nähe stattfindet. Machen Sie auch diese Erfahrung?

Ich glaube, der Mensch ist nicht in der Lage, die zeitlich nahen Ereignisse in ihrer Komplexität zu verstehen. Das geht mir ja auch so. Wenn ich aber zurückschaue, habe ich eher die Möglichkeit zu reflektieren. Dennoch gibt es nicht die eine Realität, die eine Wahrheit.

Die Videos zeigen, wie viele Menschen aus anderen Ländern oder mit Migrationshintergrund hier leben, wie viele in der DDR aufgewachsen sind. Subjektive Erinnerung vermittelt keine objektive Wahrheit. Spielt das eine Rolle bei Ihnen?

Es ist ein Kunstprojekt und weder eine ethnologische Untersuchung noch ein journalistisches Projekt mit Fußnoten und Belegen. Hier wird Raum gegeben, die eigene subjektive Erinnerung auszubreiten, ob das jetzt stimmt oder nicht, und dass die Menschen überhaupt mal über sich sprechen können. Dabei sind auch Leute, die wissen ganz genau, was und wie sie etwas erzählen wollen und auch perfekt formulieren. Andere sind nicht so geschult, und das Gespräch zwischen uns wird zu einem Weg des Erinnerns. Da passiert viel und die Menschen bekommen den Raum, den sie normalerweise nicht haben. Meine Fragen zielen immer auf die Lebensgeschichte, und da kann ich mit jedem reden. Es gibt eine große Empathie in mir für Menschen und deshalb funktioniert das auch.

Sie machen den Schnitt selbst?

Ja, das muss ich auch, denn ich weiß genau, was ich drin haben möchte und was mir erstmal nicht so wichtig ist. Das Archiv existiert auf der Webseite berliner-zimmer.net. Die Partnerschaft mit dem Stadtmuseum Berlin bin ich 2018 bewusst eingegangen, denn als Teil dessen Sammlung wird das Material geschützt, konserviert und archiviert. Es soll in der Zukunft auch Zugang zum Rohmaterial geben. Das ist die Aufgabe des Stadtmuseums.

Wie werden die fünf neuen Interviews im Schloss Biesdorf gezeigt? Ist das eine Gruppenausstellung?

Ich suche immer neue Konstellationen, die interessante Blickwinkel eröffnen, und hier ist es die Kooperation zwischen der Graphischen Sammlung des Stadtmuseums Berlin und dem Archiv in Beeskow, wo die im Rahmen von DDR-Staatsaufträgen entstandene Kunst aufbewahrt wird. Werke von Linde Bischof, Volker Henze, Walter Herzog, Wolfgang Leber und Ursula Strozynski aus beiden Archiven werden mit meinen Videointerviews zusammen gezeigt.

»Einen Ausdruck finden für dieses Leben. Gespräche mit Linde Bischof, Volker Henze, Walter Herzog, Wolfgang Leber und Ursula Strozynski.« Schloss Biesdorf 26. Februar bis 12. Mai 2024

schlossbiesdorf.de/de/ausstellungen/aktuell/

berliner-zimmer.net

Sonya Schönberger, Jg. 1975, ist Künstlerin und lebt in Berlin.

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