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Aus: Ausgabe vom 16.01.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
EZLN

¡Viva el Común!

Ein Bericht aus dem mexikanischen Chiapas zum 30. Jubiläum des Aufstands der Zapatistas
Von Leonie Schwarz
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Auch die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) feierte vergangenen November ihr 40jähriges Bestehen

Die Reisebusse der internationalen Karawane schaukeln bereits seit Stunden durch die Berge von Chiapas. Hinter Ocosingo geht es langsam bergab in Richtung Selva Lacandona, der östlichen Regenwaldregion. Die Vegetation wird tropischer, die Straßen werden unbefestigter, die Blicke der Menschen am Straßenrand wirken überrascht und neugierig beim Anblick der großen Busse. Hin und wieder verkünden Schilder am Straßenrand den Sitz eines GAL, Abkürzung für »Autonome lokale Regierung«, die kleinste Einheit der neuen zapatistischen Verwaltungsstruktur. Schließlich die ersten Transparente, quer über die Straße gespannt, die uns zum 30jährigen Jubiläum des Aufstandes der Zapatistischen Armee der nationalen Befreiung, EZLN, willkommen heißen.

Auf den letzten wenigen hundert Metern stehen Kämpferinnen der EZLN in den typischen grün-braunen Uniformen Spalier. Die Feierlichkeiten finden im Caracol IX »Dolores Hidalgo« statt, einem der erst 2019 neu gegründeten Verwaltungszentren der zapatistischen Autonomie. Vom Eingang her öffnet sich der Blick über das weitläufige Gelände des Caracols, über die große Festwiese zur Bühne, dahinter das Tal mit Wäldern und Maisfeldern, am Horizont die nächste Bergkette.

Gut 5.000 Menschen sind zu dem Jubiläum angereist, der Großteil von ihnen Zapatistas, die von ihren Dörfern dorthin delegiert wurden. Auffällig ist die starke Präsenz der EZLN, die bei Feierlichkeiten in jüngerer Vergangenheit geringer war. Neben Internationalisten aus aller Welt (vor allem Europa) und solidarischen Gruppen aus Mexiko sind auch viele Mitglieder verschiedener Organisationen des Nationalen Indigenenkongresses (CNI) aus dem ganzen Land anwesend.

Das Programm beginnt mit Basket- und Volleyballspielen, dann folgt ein ganzer Tag mit Theater. Jede der zwölf Zonen der zapatistischen Selbstverwaltung präsentiert ein Stück, in dem ein Aspekt der zapatistischen Geschichte oder der aktuellen Entwicklungen dargestellt wird: von den Zuständen auf den Fincas, wo die Großeltern bis zum Aufstand als Sklaven lebten, zum aktuellen Eisenbahnprojekt, das zynisch »Maya-Zug« getauft wurde, und aktuell die Leute mit falschen Versprechungen lockt und doch nur Zerstörung bringt. Spielend erklären die Schauspieler die neue Verwaltungsstruktur, die seit einigen Wochen das System der »Räte der guten Regierung« abgelöst hat, und das »Común« (in etwa: Gemeinschaftliche, Gemeinsame). Das ist die neue Form von Gemeinschaftseigentum, die die Zapatisten im Kommuniqué Nr. 20 kurz vor dem Jubiläum eingeführt haben und mit dem sie dem fortschreitenden Landraub und der Umweltzerstörung begegnen wollen.

Nach den Theaterstücken geben die Zapatistas Lieder und Gedichte über Gemeinschaft, Widerstand, Rebellion und Mutter Natur zum besten. Die Mariachiband spielt sich vor dem Restaurant warm, und betritt dann die Bühne. Auf einer kleinen Seitenbühne wird von bis zu drei Personen gleichzeitig die Marimba gespielt, das traditionelle chiapanekische Instrument, das einem riesigen Xylophon gleicht. An jedem Abend des viertägigen Festes wird bis in die frühen Morgenstunden getanzt – immerhin ist es die erste Gelegenheit zum gemeinsamen Feiern seit Beginn der Coronapandemie und bei sich stetig intensivierenden Angriffen der Paramilitärs. Die »Milicianos« der EZLN mischen sich dabei unter die Menge der Tanzenden. Immer wieder fällt Mitgliedern der europäischen Delegation auf, wie überraschend wohl sie sich im Beisein der vielen Uniformierten fühlen, die sehr freundlich und zurückhaltend auftreten.

Auch der Abend des 31. beginnt mit Tanz, der jedoch ein, zwei Stunden vor Mitternacht unterbrochen wird, um die Festwiese für die Parade der EZLN frei zu machen. Mit der vielbeschriebenen Lautlosigkeit der zapatistischen Armee stehen plötzlich circa 1.000 Kämpferinnen in Reih und Glied auf dem Platz. Im Gleichschritt marschieren sie auf und schlagen ihre Stöcke aufeinander – begleitet von Cumbia. Zum mexikanischen Skaklassiker »La Carencia« springen die Frauen, bis dahin als Block den deutlich zahlreicheren Männern gegenüberstehend, plötzlich ausgelassen über die Wiese. Dann laufen alle vom Platz und bilden für die Dauer der folgenden Rede einen Ring um das Publikum.

Der Subcomandante Moisés, Sprecher der EZLN, spricht zuerst in Tseltal (eine der Maya-Sprachen), dann wiederholt er die Rede auf spanisch. Sie ist im gewohnten Stil direkt und deutlich formuliert, trotz des historischen Datums unerwartet kurz. Auch enthält sie wenig Neues, wenn man die Veröffentlichungen der letzten Wochen gelesen hat, um so klarer ist sie aber in ihrer Eindringlichkeit und der Schwerpunktsetzung: Das Común wird nochmals als dritte Form von Landbesitz thematisiert. Es gibt weiterhin das Eigentum von Familien an dem Land, das sie zu ihrem eigenen Lebensunterhalt brauchen, sowie das Kollektiveigentum der zapatistischen Organisation, etwa der Vieh- und Kaffeekooperativen. Beides – familiärer und kollektiver Besitz – bleibt unberührt. Aus bisher ungenutzten Teilen der beim Aufstand 1994 wiederangeeigneten Erde wird nun das »Común« geschaffen, auch »Erde von niemandem, Erde von allen« genannt. Nicht nur die Zapatistas, sondern alle im »Pueblo« (Volk, Dorf) bestimmen über ihre Nutzung. So soll auch über die zapatistische Organisation hinaus kollektives Arbeiten gelernt und gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl für Erde und Natur entwickelt werden, um dem Raubbau von Großkonzernen und Regierungen etwas entgegenzusetzen. Auch Menschen aus aller Welt werden eingeladen, gemeinsam mit den Zapatistas die »Tierra común« zu bearbeiten. Aber, so stellt Moisés noch einmal klar: »Wir brauchen niemanden, der kommt, um uns politischen Unterricht über den Kapitalismus zu geben – es ist so einfach und klar zu sehen, wie er wirkt, dass es die Verantwortung eines jeden selbst ist, wenn er es nicht sehen will.« Was hingegen willkommen ist, ist praktisches Wissen »für das Leben«.

Das ist der schöne Teil der Rede. Der andere Schwerpunkt ist deutlich düsterer. Er wird schon zu Beginn klar, als Moisés erklärt, dass keiner der Zapatistas bereits seine Pflicht erfüllt habe – nur die Gefallenen. Gegen Ende wird er noch deutlicher: »Wir müssen die Soldaten und schlechten Regierungen nicht töten, aber wenn sie kommen, werden wir uns verteidigen.« Diese Aussagen passen zur starken Präsenz der EZLN und ihrer großen Parade. Auch der Umstand, dass der für seine Poesie bekannte Galeano kürzlich vom Subcomandante (Sprecher) zum Hauptmann (El Capitán) umbenannt wurde und während der gesamten Feierlichkeiten nicht einmal das Wort ergreift, sondern nur Pfeife rauchend im Hintergrund sitzt – all das spricht eine deutliche Sprache: Die Zapatistas bereiten sich auf den »Sturm« vor, wie sie es nennen. Sie sehen schwere Zeiten auf sich zukommen und sind bereit – so sehr sie auch eine kriegerische Eskalation vermeiden wollen –, sich notfalls wieder mit Waffen zu verteidigen. Angesichts der Zuspitzungen und Angriffe der letzten Jahre scheint der Moment nicht mehr weit entfernt.

Am nächsten Tag, am 1. Januar 2024, genau 30 Jahre nachdem die Zapatistas mit ihrem Aufstand die Weltöffentlichkeit überrascht hatten, geht das Fest weiter. Nachdem alle zapatistischen Beiträge dargeboten sind, präsentieren die internationalen Gäste Lieder, Poesie, Tanz und Theaterstücke. Auch die europäische Delegation singt einige kämpferische Lieder, und die Frauenverteidigungseinheiten aus Şengal sowie die YPJ aus Rojava gratulierten mit Grußworten zu dem bedeutenden Jahrestag. Auch ein Lied in Erinnerung an den in Kurdistan gefallenen deutschen Internationalisten Şehîd Bager Nujîan (Michael Panser) wird vorgetragen. Seine Suche nach realen Utopien hatte ihn auch nach Chiapas und Mexiko gebracht. Kurz bevor er 2018 getötet wurde, hatte er einen Brief aus den kurdischen Bergen zum 25. Jahrestag des zapatistischen Aufstands gesandt, in dem er die Parallelen und Gemeinsamkeiten beider Kämpfe betonte.

Während der zweiten Parade der EZLN dreht auf der Bühne ein Kind mit einem kleinen Fahrrad seine Runden, fast gänzlich unbemerkt vom Publikum – doch ein starkes Symbol für die Zukunft der zapatistischen Pueblos, für die kommenden sieben Generationen, an die sie bei ihren aktuellen Planungen denken. Wie immer verlieren die Zapatistas bei aller Dunkelheit auch die Hoffnung nicht aus dem Blick und bringen mit dem »Común« wieder einmal einen überraschenden, konkreten Vorschlag, wie die voranschreitende Zerstörung nicht nur gebremst, sondern an ihrer Stelle etwas Besseres geschaffen werden kann. Denn nicht nur die Zapatistas, auch viele Mitglieder der Delegation sehen: Wieder in Verbindung mit der Erde zu kommen, das Land mit eigenen Händen zu bearbeiten und sich kollektiv verantwortlich zu fühlen, ist grundlegend dafür, dass die Naturzerstörung aufgehalten wird und sich Gemeinschaften nachhaltig organisieren und ein »kollektives Herz« entwickeln können.

Hintergrund: Drei Jahrzehnte Rebellion

Am 1. Januar 1994, mit Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zwischen Kanada, den USA und Mexiko, haben die Zapatistas dem mexikanischen Staat den Krieg erklärt, um sich gegen die damit einhergehende neoliberale Landnahme zu wehren. Nach einem zwölftägigen Aufstand im Bundesstaat Chiapas wurden die Gemeinden San Cristóbal de las Casas und sechs weitere Provinzstädte im Südosten Mexikos zu autonomen Gebieten erklärt. Der Konflikt endete schnell in einem Waffenstillstand, mit dem die an Guatemala grenzenden zapatistischen Gemeinden eine weitgehende Autonomie erlangten. Doch der Frieden war stets brüchig. Die Gebiete werden von der Bundesregierung nicht offiziell anerkannt und sind regelmäßig Angriffen von Paramilitärs, Gangs und Kartellen ausgesetzt.

Mit den Karawanen der Tausenden Migranten, die sich aus Südamerika in Richtung USA aufmachen, verändert sich auch die Sicherheitslage in dem an Guatemala grenzenden Gebiet. Schleusertum und Menschenhandel nehmen zu.

Trotz der Schwierigkeiten feierten die Zapatisten um den vergangenen Neujahrstag herum 30 Jahre Widerstand, in denen sie ihre Selbstorganisierung stärken konnten, Großgrundbesitz besetzten und eigene Schulen, Kliniken und politische und kulturelle Zentren errichteten. Im vergangenen November gaben sie ihre Neustrukturierung bekannt.

Seit 30 Jahren ist die Revolte Bezugspunkt globalisierungskritischer und antikapitalistischer Strömungen weltweit. Die Zapatistas machten in Europa zuletzt auf sich aufmerksam, als sich einige Delegierte im Mai 2021 mit einem Segelboot nach Spanien aufmachten, um sich mit diversen antikapitalistischen Basisbewegungen »von unten und links« zu vernetzen.

Die indigenen mexikanischen Aufständischen stehen in der Tradition der Mexikanischen Revolution (1910–1920) und ihres prominenten Anführers Emiliano Zapata. Ideologisch lassen sie sich bewusst nicht eindeutig zwischen freiheitlichem Sozialismus, Anarchismus und Marxismus verorten. (dw)

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