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Aus: Ausgabe vom 30.11.2023, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitssicherheit

Millionen schuften sich zu Tode

Zahl der berufsbedingten Sterbefälle nach Schätzungen der UN weltweit gestiegen
Von Gerrit Hoekman
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Im informellen Sektor sieht das anders aus (Waldarbeit in Niedersachsen)

Weltweit sterben derzeit berufsbedingt fast drei Millionen Menschen im Jahr, davon 330.000 durch Arbeitsunfälle, schätzt die International Labour Organization (ILO) der Vereinten Nationen. »Das ist ein Anstieg von mehr als fünf Prozent im Vergleich zu 2015«, teilte die ILO anlässlich des Weltkongresses für Arbeitssicherheit mit, der am heutigen Donnerstag nach vier Tagen in Sydney endet. Die Zahl der nicht tödlichen Arbeitsunfälle schätzt die ILO auf mehr als 395 Millionen im Jahr.

Die Zunahme tödlicher Arbeitsunfälle erklärt die ILO vor allem mit fehlendem Arbeitsschutz. Das betreffe insbesondere Werktätige, die nicht fest angestellt seien und schlecht bezahlt würden. In vielen Regionen der Welt müssten sich diese Arbeiter die elementare Schutzausrüstung selbst zulegen, seien dazu aber schon aus finanziellen Gründen nicht in der Lage. »Rund zwei Milliarden Menschen arbeiten in der informellen Wirtschaft«, konstatiert die ILO. Oft befänden sich diese Lohnabhängigen »außerhalb des Geltungsbereichs der Arbeitsschutzgesetze«.

In Asien gäbe es etwa in der Bekleidungsindustrie und in der Elek­tronikbranche einen großen Anteil an Heimarbeiterinnen und -arbeitern. Sie schuften am Anfang von Lieferketten, die oft nach Europa führen, und sind in offiziellen Arbeitsschutzstatistiken nicht erfasst. Darum sind die Schätzungen, die die ILO in ihrem neuen Bericht mit dem Titel »A Call for Safer and Healthier Working Enviroment« (»Ein Aufruf für ein sichereres und gesundes Arbeitsumfeld«) aufführt, recht grob. Von hohen Dunkelziffern ist auszugehen.

Viele Arbeitsunfälle finden, wenn überhaupt, nur in lokalen Medien Beachtung. Wer hat in Europa schon mitbekommen, dass in der vergangenen Woche im südamerikanischen Suri­name mindestens 15 Goldsucher in einer illegalen Mine verschüttet worden sind? Bergarbeiter ist, dem Bericht der ILO zufolge, einer der gefährlichsten Berufe. Im globalen Süden sind Stollen wie der in Suriname häufig kaum oder gar nicht gegen Einsturz gesichert. Ereignisse wie Grubenbrände oder Schlagwetterexplosionen gehören aber auch in unseren Breiten zum Berufsrisiko von Bergleuten. Die Zahl der Toten ist bei solchen Unglücken oft hoch.

Wer die Arbeit auf dem Pütt trotzdem bis zur Rente überlebt, kämpft in der Regel mit gesundheitlichen Spätfolgen. Fast jede Familie im Ruhrgebiet, in Essen, Bochum oder Gelsenkirchen hat einen Angehörigen, der an einer Staublunge zugrunde gegangen ist. Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und solche der Atemwege sind weltweit für mehr als Dreiviertel der arbeitsbedingten Sterblichkeit verantwortlich, heißt es in dem Bericht der ILO.

In Deutschland sind Grubenunglücke selten geworden, auch, weil der Unter-Tage-Bergbau an Bedeutung verloren hat. In anderen Weltregionen sind sie aber nach wie vor trauriger Alltag. Erst am Montag starben in einer Platinmine im südafrikanischen Rustenburg elf Bergleute, als der Förderkorb abstürzte. Im Bergwerk Kostenko in Kasachstan kamen im Oktober 42 Menschen ums Leben, vermutlich bei einer Explosion von Methangas.

Neben der Arbeit unter Tage gibt es die größten Gefahren für Leib und Leben auf dem Bau, in der Fischerei und in der Land- und Forstwirtschaft. Das Arbeiten mit mächtigen Mähdreschern oder Harvestern ist extrem risikobehaftet. Hinzu kommt das Arbeitsumfeld an sich: Wie das Fachblatt Agrarheute im Juli berichtete, verunglückte der Präsident der Landwirtschaftskammer Saarland bei Holzräumarbeiten in der Nähe seines Hofes tödlich, als ein Baum auf ihn stürzte. Jeder dritte tödliche Arbeitsunfall weltweit ereignet sich bei der Landarbeit, schätzt die ILO. Im Oktober starb in der Eifel eine Landwirtin, die von einer Landmaschine überrollt wurde. Vor zwei Wochen wurde ein Arbeiter auf einem Milchviehbetrieb im Allgäu vermutlich von Kühen totgetrampelt, als er die Herde auf die Weide treiben wollte.

»Ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld ist nicht nur ein grundlegendes Prinzip und Recht am Arbeitsplatz, sondern auch eine wesentliche Voraussetzung für die Förderung von Nachhaltigkeit und Inklusion«, so die ILO. Es gehe um produktive Vollbeschäftigung unter angemessenen Bedingungen, also um »menschenwürdige Arbeit für alle«.

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