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Aus: Ausgabe vom 29.12.2022, Seite 16 / Sport
Skispringen

Wie weiter ohne Winter?

Auftakt der Vierschanzentournee: Das Skispringen bangt um seine Zukunft
Von Gabriel Kuhn
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Favorit Dawid Kubacki in Aktion

Heute beginnt mit dem Springen in Oberstdorf die 71. Vierschanzentournee. Im Laufe von zehn Tagen wird die Skisprung-Elite vier Wettbewerbe entlang der deutsch–österreichischen Grenze abhalten, in den Stadien werden sich mehr als 100.000 Menschen sammeln. Nach dem Auftakt in Oberstdorf geht es zum legendären Neujahrsspringen in das Wintersportzentrum Garmisch-Partenkirchen, dann über die Grenze in den Hexenkessel der Innsbrucker Bergiselschanze, und schließlich nach Bischofshofen im Bundesland Salzburg, wo die Tournee auf einer der größten Naturschanzen der Welt ihren Abschluss findet.

Nur ein Sieg in der Gesamtweltcupwertung, bei einer Weltmeisterschaft oder bei den Olympischen Spielen ist mit einem Tourneesieg vergleichbar, den manche Springer aufgrund der Tradition und der anspruchsvollen Schanzen sogar am allerhöchsten werten. Rekordsieger ist der Finne Janne Ahonen mit fünf Siegen, dahinter rangiert ein Deutscher: Jens Weißflog gewann 1984 und 1985 für die DDR, 1991 und 1996 für die BRD. Weißflog ist auch der einzige Springer, der die Tour sowohl im Parallel-Stil als auch im V-Stil gewann.

Der letzte deutsche Tourneesieg liegt 20 Jahre zurück: Sven Hannawald triumphierte 2002. Mittlerweile fiebert der Sachse, im Jahr seines Sieges zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, als Experte im Ersten mit. Einen neuerlichen deutschen Gesamtsieg wird er auch in diesem Jahr kaum bejubeln können. Bei den bisherigen acht Weltcupspringen gab es für den Deutschen Skiverband (DSV) genau eine Podestplazierung: Karl Geiger (SC Oberstdorf) sprang in der Wälderstadt Titisee-Neustadt auf Platz drei. In der Weltcupgesamtwertung ist er als bester Deutscher Siebenter; Pius Paschke (WSV Kiefersfelden) liegt auf Rang acht. Die Favoriten auf den Tourneesieg sind Dawid Kubacki aus Polen (derzeit Weltcupführender) sowie sein erster Verfolger Anze Lanisek aus Slowenien. In sieben der bisherigen acht Weltcupspringen errang einer der beiden Platz eins. Kubacki gewann die Tournee bereits 2020, Lanisek wäre der erste slowenische Sieger seit Peter Prevc 2016.

Die Damen, die seit Jahren um eine Teilnahme an der Vierschanzentournee kämpfen, müssen weiter zusehen. Mitte Dezember wurden sie aufs Neue vertröstet. Nachdem im April 2022 angekündigt worden war, dass sie in der Saison 2023/24 erstmals bei der Tournee an den Start gehen dürften, wurde dieser Beschluss wieder rückgängig gemacht. »Frühestens 2024/25« heißt es nun von Seiten des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV). Der DSV wäscht seine Hände in Unschuld. Skisprung-Teammanager Horst Hüttel erklärte in der Rheinischen Post: »Wir haben uns zusammen mit den deutschen Tourneeorten klar zur Frauentournee bekannt. Dass der ÖSV es doch nicht für 2023/24 schafft, hatten wir befürchtet, aber gehofft, dass es anders kommt.«

Die Skispringerinnen selbst verbergen ihre Frustration nicht. »Es ist schon ärgerlich, wenn man von Jahr zu Jahr eine neue Ausrede hört«, erklärte die Nummer eins im DSV-Team, die Oberstdorferin Katharina Althaus, im Tagesspiegel. Noch deutlicher wurde Luisa Görlich vom WSV 08 Lauscha in ihrer Kolumne auf sport.de: »Vor diesem Hintergrund ist es eine Unverschämtheit, im Zeitalter der Gendergerechtigkeit die Entscheidung auf eine eigene Tour wieder verschoben zu haben!« Die sogenannte »Silvestertournee« mit vier Springen entlang der österreichisch–slowenischen Grenze (je zwei in Villach und Ljubno) ist für die Damen ein schwacher Trost. Görlich dazu: »Während die Herren sich der Vierschanzentournee zuwenden, haben wir unseren nächsten Wettkampf in Villach. Während Karl Geiger & Co. vor 40.000 Zuschauern Weiten um 140 Meter abliefern, springen wir von der Normalschanze in Kärnten, was beim Kameraschwenk im Vergleich gleich mal derart verniedlichend wirkt, dass man eben nur beschmunzelt wird.«

Nicht nur die Zukunft des Damen-Skispringens wird jedoch im Moment heftig diskutiert, sondern die des Skisprungsports überhaupt. Viel Aufmerksamkeit erregten die Kommentare des norwegischen Cheftrainers Alexander Stöckl anlässlich der Weltcupspringen im schweizerischen Engelberg Mitte Dezember. Der Tiroler, der seit 2011 für den Norwegischen Skiverband arbeitet, meinte in einer Presserunde: »Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir versuchen, ein Ganzjahresdenken reinzubringen. Entweder wir nennen uns weiter Wintersport und sterben im Winter – weil den gibt es irgendwann nicht mehr. Oder wir nennen uns Extremsport und sind offener für neue Destinationen. Wie wäre das, wenn in zehn Jahren Kinder auf der ganzen Welt davon träumen würden, 250 Meter auf Ski zu fliegen?«

Stöckls Aussagen stützen sich auf ein offenes Geheimnis: Von allen traditionellen Wintersportarten ist das Skispringen am besten dafür gerüstet, ohne Schnee zu überleben. Für die Anlaufspuren wird seit langem Keramik verwendet, und im Auslauf funktionieren Kunststoffmatten genauso gut wie Schnee. Im polnischen Wisla wurden Anfang November die ersten beiden Weltcupspringen auf Mattenschanzen abgehalten. Der Sommer-Grand-Prix des Internationalen Skiverbandes FIS findet seit 1994 statt.

Dabei dauerte es seine Zeit, bis man feststellte, dass Kunststoffmatten für Skispringer die beste Alternative zum Schnee darstellen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde alles Mögliche als Schneeersatz probiert: Kokosmatten, Tannennadeln, Stroh, Borax-Polituren. Doch erst als in der DDR im nordischen Skisport mit PVC-Platten experimentiert wurde, gelang der Durchbruch. Der Legende zufolge ließ im Jahr 1954 der renommierte Skisprungtrainer Hans Renner vom SC Motor Zella-Mehlis eines Nachts PVC-Platten vor seiner Haustür stehen. Am nächsten Morgen stellte er fest, dass der Tau diesen eine ausgezeichnete Gleitfähigkeit verlieh. Er ließ die Platten in Fäden schneiden, die Fäden zu Matten bündeln und mit diesen eine Kleinschanze in Zella-Mehlis ausstatten. Nach den ersten Probesprüngen war Renner so begeistert, dass er seine Erfindung patentieren ließ. Ein kluger Schritt, denn bis zu seinem Tod 1970 verdiente er an den Lizenzgebühren für seine Matten, die bald auf Skisprunganlagen weltweit verwendet wurden. Auch der Staat verdiente mit, da das Patentrecht anfangs nur die Produktion in der DDR erlaubte. Erst Ende der 1960er Jahre machten Matten aus der damaligen Tschechoslowakei Konkurrenz, ab Mitte der 1970er Jahre dann auch aus dem Westen. Heute befindet sich der Marktführer in Finnland.

Hans Renner als Retter des Skisprungsports? Hätte er damals wohl selbst nicht gedacht. Den Vaterländischen Verdienstorden und das Banner der Arbeit erhielt er trotzdem.

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