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Aus: Ausgabe vom 22.12.2022, Seite 16 / Sport
Ski Nordisch

Katze beißt Schwanz

Das IOC möchte die Nordischen Kombinierer loswerden
Von Gabriel Kuhn
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Was heißt hier mangelnde Leistungsdichte? Gyda Westvold Hansen auf dem Weg zu neuen Siegen

Der Weltcup der Nordischen Kombinierer vollzieht sich, wie gewohnt, im Schatten der alpinen Skifahrer, Skispringer und Biathleten. Bisher wurden Wettkämpfe im finnischen Ruka (nur Männer), im norwegischen Lillehammer und in der Ramsau in Österreich abgehalten. Bei den Frauen gewinnt die Gesamtweltcupsiegerin des Vorjahres, die Norwegerin Gyda Westvold Hansen, alles, bei den Herren ihr Landsmann Jarl ­Magnus ­Riiber, Gesamtweltcupsieger der vergangenen vier Jahre, fast alles. Das DSV-Team hält tapfer mit, vor allem bei den Herren. Vinzenz Geiger trägt das Trikot des besten Langläufers und holte sich einen Sieg in der Ramsau, Julian Schmid gewann den allerersten Wettbewerb der Saison in Ruka. In der Weltcup-Gesamtwertung ist Schmid Dritter, Geiger Vierter. Beide gehen für den SC Oberstdorf 1906 an den Start. Bei den Damen zeigt die erst 16jährige Nathalie Armbruster vom SV-SZ Kniebis 1928, was sie kann. Dreimal wurde sie Dritte, in der Gesamtwertung liegt sie auf Platz vier. Nächster Weltcup-Stopp ist Anfang Januar Otepää in Estland, Ende Februar wartet mit der Nordischen Ski-WM in Planica der Saisonhöhepunkt. Der Team-Mixed-Wettbewerb in der Nordischen Kombination hat dort Premiere.

Doch Ergebnisse werden bei den Kombinierern im Moment wenig diskutiert, man hat andere Sorgen: Die Zukunft der Sportart ist in Gefahr. Das Internationale Olympische Komitee IOC spielt dabei eine unrühmliche ­Rolle. Dessen Exekutivkomitee beschloss im Juni 2022, die Frauen nicht bei den Olympischen Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo 2026 an den Start gehen zu lassen, was weitgehende Folgen hat. Es könnte bedeuten, dass die Nordische Kombination 2030 überhaupt aus dem Programm fliegt. Der Grund: Das IOC will nur noch Sportarten zulassen, in denen sowohl Männer als auch Frauen antreten. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Das Exekutivkomitee des IOC rechtfertigt den Ausschluss der Damen mit einem zu kleinen Teilnehmerfeld und einer zu geringen Leistungsdichte. Fadenscheinige Argumente. Als die Damen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 erstmals einen Skisprungwettbewerb austrugen, waren die Voraussetzungen ähnlich. Seither hat das Damenskispringen einen enormen Aufschwung erfahren. Ähnliches wäre bei den Kombiniererinnen möglich. Nichts trägt mehr zur Entwicklung einer Sportart bei als die Aussicht für Athleten, bei Olympia teilnehmen zu dürfen. Vor der Tagung des IOC-Exekutivkomitees im Juni 2022 meinte die zweifache Juniorenweltmeisterin Jenny Nowak von SC Sohland in der ARD: »Die Nordische Kombination ist mein Leben, seit ich sechs Jahre alt bin. Ich hoffe, dass ich die Sportart noch lange weiterführen kann und 2026 bei Olympia dabei bin.« Pustekuchen.

Es scheint so, als nutze die FIS die Gelegenheit, um die Nordische Kombination generell loszuwerden. Der US-Amerikaner Bill Demong, Olympiasieger 2010, erklärte Mitte Juni gegenüber der Presseagentur AP: »Ich habe laut und deutlich in den Hinterzimmern gehört, dass die Nordische Kombination aus dem Programm genommen werden soll.« Auch hier werden vom IOC Gründe vorgeschoben. Es seien nur noch europäische Nationen vertreten, es fehle die Spannung, auch bei den Männern sei die Leistungsdichte zu gering. So verweist das IOC darauf, dass bei den letzten beiden Olympischen Spielen nur vier Nationen in der Nordischen Kombination Medaillen gewannen. Im Bob waren es fünf. Und außer im Eiskunstlauf und Eisschnellauf gibt es nach wie vor kaum Medaillengewinner von außerhalb Europas und Nordamerikas – wenn nicht die Japaner im Skisprung reüssieren, was sie in der Nordischen Kombination genauso können, wie sie zuletzt mit zwei Medaillen in Beijing 2022 bewiesen. Was die Leistungsdichte bei Olympia angeht, so gewannen die kanadischen Eishockeyspielerinnen die Goldmedaille in Beijing mit einem Gesamttorverhältnis von 57:10. Im Finale spielten sie zum vierten Mal hintereinander gegen die USA.

Das Eishockeyturnier der Damen wird trotzdem nicht in Frage gestellt, was damit zu tun hat, dass genau diese Paarung für hohe Werbeeinnahmen in Nordamerika sorgt. Die Nordische Kombination generiert für das IOC schlicht zu wenig Geld. Es ist bezeichnend, dass man bei den Kombinierern verzweifelt nach Wettkampfformaten sucht, bei denen die Athleten während der Fernsehübertragungen öfter in Nahaufnahme zu sehen sind. Das zieht Sponsoren an, nichts anderes will das IOC. Das oft belächelte Curling hat es hier leichter, was zu seinen Gunsten spricht. Selbst wenn sich die Zuschauerzahlen in Grenzen halten, sind die Spieler bei einem Curling-Match im TV stundenlang aus nächster Nähe zu bewundern. Für Sponsoren ein Hit.

Dass die Nordische Kombination, die seit den ersten Olympischen Winterspielen 1924 ständig im Programm steht, mit ihrer Verbindung aus Schnellkraft (Skispringen) und Ausdauer (Langlauf) zu den anspruchsvollsten und faszinierendsten Wintersportarten zählt, spielt für das IOC keine Rolle. Fabian Rießle vom SZ Breitnau, vierfacher Medaillengewinner bei Olympia und sechsfacher bei Weltmeisterschaften, brachte es Ende November gegenüber der Rheinischen Post auf den Punkt: »Es geht halt nur um Zahlen, Zahlen, Zahlen. Was drumherum ist, die Tradition, zählt überhaupt nichts mehr. Es wird einfach nur noch geschaut, wer die meisten Social-Media-Follower oder so hat, und das ist das Wichtigste, und das hat eigentlich mit dem olympischen Gedanken überhaupt nichts mehr zu tun.«

Der Internationale Skiverband FIS, der qua Zuständigkeit zugunsten der Kombinierer beim IOC intervenieren sollte, hält sich zurück. »Ich denke, da sind andere Interessen wichtiger als die kleine Kombination, so sieht es zumindest aus«, erklärte der Bundestrainer der deutschen Kombinierer, Hermann Weinbuch, bei einer Presserunde in Herzogenaurach. Mag sein, dass sich die FIS auch deshalb kleinlaut gibt, weil sie es verabsäumt hatte, den Damen früher auf die Sprünge zu helfen. Erst im Dezember 2020 wurde der erste Weltcupwettbewerb für Kombiniererinnen organisiert.

Wenn sich nun Athleten wie der fünffache Gesamtweltcupsieger Eric Frenzel vom WSC Erzgebirge Oberwiesenthal dafür aussprechen, wieder mehr Weltcupwettbewerbe außerhalb Europas auszutragen, ist auch das ein Akt der Verzweiflung. Nachhaltige Wettkampfkalender dürfen nicht kommerziellen Zwängen geopfert werden. Die Nordische Kombination muss überleben, weil sie großartiger Sport ist, das sollte als Argument reichen. Dass es das in den Augen der mächtigen Sportverbände dieser Welt nicht tut, spricht Bände.

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