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Aus: Ausgabe vom 22.12.2022, Seite 2 / Ausland
Ökologie

»Wir müssen das Netto-Null-Ziel erreichen«

Immer mehr naturbelassene Flächen gehen verloren. 2023 soll eine EU-Bodenschutzstrategie beschlossen werden. Ein Gespräch mit Manuela Ripa
Interview: Oliver Rast
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Siedlungen und Verkehrswege dringen immer tiefer in Wälder und Wiesen

Offiziell und amtlich heißt Flächenfraß »Flächenneuinanspruchnahme«. Wieviel Land, Ackerfläche, naturbelassene Areale etwa, gehen in Deutschland verloren?

Die amtliche Statistik sagt: In den vergangenen 60 Jahren hat sich die Fläche, die wir in Deutschland für Siedlung und Verkehr verbrauchen, mehr als verdoppelt. Jedes Jahr nehmen wir uns mehr Land von der ohnehin schon knappen naturbelassenen Fläche. Im Jahr 2020 waren das etwa 58 Hektar Land, das sind 81 Fußballfelder – pro Tag.

Lässt sich das aufschlüsseln, wofür Land gewissermaßen verbraucht wird?

Durchaus. 40 Hektar davon wurden für Wohnungsbau, Industrie, Gewerbe und öffentliche Einrichtungen aufgewendet, zwölf Hektar für Sport-, Freizeit- und Erholungsflächen und sechs Hektar für Verkehrsflächen.

Nun ist aber auch die Bevölkerungszahl in den zurückliegenden Jahrzehnten gestiegen …

Natürlich. In den vergangenen 60 Jahren ist die Bevölkerung in unserem Land stark angewachsen, doch das ist nicht der einzige Grund für die zusätzliche Flächennutzung. Beispielsweise nimmt auch die Fläche, auf der wir leben, immer weiter zu: von knapp 35 Quadratmetern pro Kopf im Jahr 1991 bis zu mittlerweile fast 48 Quadratmetern pro Person.

Ein weiteres Problem ist die Versiegelung ganzer Landstriche.

Sicher. Ein Beispiel: Im Jahr 2018 war der Anteil versiegelter Flächen in keinem Bundesland so hoch wie in Berlin: 34,64 Prozent der gesamten Fläche bestanden aus versiegelter Siedlungs- und Verkehrsfläche, während die übrigen Stadtstaaten Hamburg und Bremen Anteile von 29,13 beziehungsweise 28,1 Prozent versiegelter Siedlungs- und Verkehrsfläche aufwiesen.

Durch Flächenversiegelung gehen zum einen fruchtbare Böden verloren. Zum anderen ist die steigende Versiegelung ein relevanter Faktor bei der Entstehung von Hochwasser. Das Risiko ist bekannt. Niederschläge können nicht versickern und führen dadurch zu steigenden Wassermengen in Kanalisationen und Gewässern.

Der Flächenverbrauch soll laut Nachhaltigkeitsstudie der Bundesregierung bis 2030 auf 30 Hektar täglich sinken. Ein realistisches Ziel?

Dieses Ziel ist längst nicht ausreichend. Denn 30 Hektar pro Tag macht immer noch 10.950 Hektar pro Jahr – das sind mehr als 15.000 Fußballfelder, die als naturbelassene Fläche, beispielsweise als Wiese oder Wald verschwinden. Die EU hat das Ziel, bis 2050 ein Netto-Null-Flächenverbrauch zu erreichen, also dass bis dahin nur noch so viele neue Flächen beansprucht werden sollen, wie an anderer Stelle renaturiert werden.

Welche Instrumente sind notwendig, um diesem »Einsparziel« näherzukommen?

Handelbare Flächenzertifikate etwa. Neue Baugebiete oder zusätzliche Verkehrsinfrastruktur sollen an den Rückbau von Altbebauung oder die Aufhebung von Bauflächenausweisungen gekoppelt werden.

Und welche weiteren Maßnahmen?

Die EU-Kommission hat angekündigt, bis 2023 endlich einen Gesetzesvorschlag für den Schutz der EU-Böden vorzulegen mit dem Ziel, den Zustand der Böden bis zum Jahr 2030 deutlich zu verbessern und sie auf der gleichen rechtlichen Grundlage zu schützen wie Luft und Wasser. Das soll unter anderem durch die Sanierung kontaminierter Standorte, eine nachhaltige Bodennutzung, Vermeidung der Flächenversiegelung, einen Stopp der Entwässerung von Torfgebieten und verschärfte Überprüfungs- und Berichterstattungspflichten der EU-Länder realisiert werden.

Die Bodenschutzstrategie ist mehr als überfällig, denn 70 Prozent unserer Böden in Europa sind in einem schlechten Zustand. Außerdem ist Bodenschutz auch Klimaschutz. Gesunde Böden sind wichtige CO2-Speicher und die Grundlage für Artenschutz, gesunde Nahrungsmittel und Biodiversität.

Auf den Punkt gebracht, was ist Ihre zentrale Forderung?

Wenn Land in Anspruch genommen wird, muss sichergestellt werden, dass dies nicht mehr ist, als an anderer Stelle kompensiert wird – es also keinen »Nettoflächenverbrauch« mehr gibt. So könnten beispielsweise ungenutzte Flächen wieder bewirtschaftet oder renaturiert, also »entsiegelt« werden, damit sie mit echten Ausgleichsmaßnahmen wieder die Ökosystemleistungen unversiegelter Böden erbringen können. Diese Verpflichtung soll expliziter Teil der EU-Bodenschutzstrategie werden. Dafür setze ich mich ein.

Manuela Ripa sitzt für die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) im Europäischen Parlament

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