3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Februar 2023, Nr. 30
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 05.12.2022, Seite 2 / Inland
Schwangerschaftsabbrüche

»All diese Drohungen sind einschüchternd«

Militante Abtreibungsgegner bedrohen immer wieder Ärztinnen und Ärzte. Ein Gespräch mit Kersten Artus
Interview: Gitta Düperthal
imago88862644.jpg
Demonstration in Dortmund gegen den Paragraphen 219a

Abtreibungsgegner bedrohen die Ärztin Gabie Raven, die am 2. November in Dortmund eine Tagesklinik zur Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen eröffnet hat. Wer steckt dahinter?

Die Szene der fundamentalistischen Abtreibungsgegner ist heterogen. Darunter sind auch Personen, die regelrecht einen Krieg gegen Ärztinnen und Ärzte führen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Besonders in Erscheinung tritt dabei derzeit Karl Noswitz, der auf seiner Webseite als »Blogger über die Abtreibungsindustrie« auftritt.

Die Ärztin wird dort in übler Weise vorgeführt und beleidigt, um sie in einen schlechten Ruf zu bringen. Versucht diese Szene so, ihre gerade eröffnete Dortmunder Klinik in die Schließung zu treiben?

Ja, so muss man es wohl sehen. Unverhohlen gedroht wird auf besagter Internetseite auch Menschen, die sich auf offene Stellen in der Klinik bewerben wollen: Sie könnten bis nach Hause verfolgt werden. Man greift den Vermieter der Räume an, die R-+-V-Versicherung, und diffamiert deren Vorstandsvorsitzenden, in die »Abtreibungsindustrie« eingestiegen zu sein. Zudem gibt es Aktionen vor der Klinik. Vergangenen Sonnabend nahmen etwa 60 Menschen an einer »Gebetsmahnwache« teil. Für Mittwoch wurde erneut mobilisiert. Aber die Dortmunderinnen und Dortmunder haben zusammen mit dem bundesweiten Pro-Choice-Netzwerk schnell gehandelt und eine solidarische Kundgebung organisiert. Die Abtreibungsgegner kamen diesmal nur zu dritt, an ihrem Auto hing ein Transparent mit der Aufschrift »Abtreibung ist Babycaust«. Die Polizei forderte sie auf, es abzuhängen.

Sie konstatieren inzwischen auch eine »lebensgefährliche Bedrohung« für die Ärztinnen und Ärzte. Worin zeigt die sich?

Die Drohungen sind geistige Brandstiftungen. Kristina Hänel und Gabie Raven haben immer wieder Morddrohungen erhalten und wurden mit Tötungsphantasien konfrontiert. Zudem sind all diese Drohungen insgesamt und die öffentliche Präsenz vor Kliniken und Praxen einschüchternd und könnten ungewollt Schwangere abhalten, sich beraten zu lassen oder den Termin zum Schwangerschaftsabbruch wahrzunehmen. Das ist aus meiner Sicht Nötigung. Eine Schwangerschaft zwangsweise austragen zu müssen oder ungewollt zu gebären, kann schwerste gesundheitliche Folgen haben – körperlich und seelisch.

Welche Erfahrungen haben Sie selber mit den Initiatoren dieser Anfeindungen?

Weil ich öffentlich zu meinen Schwangerschaftsabbrüchen stehe, wurde ich als sechsfache Mutter tituliert, die vier ihrer Kinder tötete. Ich solle »in der Hölle schmoren« und würde »meine gerechte Strafe bekommen«. Vor drei Jahren wurde ich von einem Abtreibungsgegner auf Unterlassung verklagt, weil ich seinen Namen öffentlich genannt hatte. Den Prozess hat er verloren.

Wie kann diesen Abtreibungsgegnern politisch Einhalt geboten werden?

Der Kampf um sexuelle und reproduktive Rechte ist ein demokratischer Kampf gegen diese antifeministische Szene, die immer wieder auch Querverbindungen zu Neonazis, Reichsbürgern, Antisemiten aufweist. Wesentlich ist öffentlicher Druck durch unsere breiten Netzwerke, bei denen von antifaschistischen Akteuren über Feministinnen, Christinnen und Christen, Pro Familia, Humanistische Union, auch Parteien wie Die Linke bis hin zur SPD und Bündnis 90/Die Grünen mitmachen. In Dortmund, Münster, Passau, Hamburg, Berlin und anderen Städten ist zu sehen, dass sie vor allem auf lokaler Ebene gut wirken. Auch juristisch muss es Konsequenzen geben. Die ­Bundesfamilienministerin Elisabeth Paus von den Grünen hat angekündigt, ein Gesetz gegen ­Gehsteigbelästigungen durch Abtreibungsgegner auf den Weg zu bringen. Wir brauchen ein modernes Gesetz zu reproduktiven Rechten. Solange Abtreibungen nicht vollständig legal sind, können Ärztinnen und Ärzte, Beraterinnen und ungewollt Schwangere unter Druck gesetzt werden. Das beste Zeichen gegen die religiösen Fanatiker ist daher die Streichung des Paragraphen 218 aus dem Strafgesetzbuch.

Kersten Artus ist stellvertretende Vorsitzende des Vereins Pro Choice Deutschland

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland

Startseite Probeabo