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Aus: Ausgabe vom 08.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Opfer des Tages: Der alte weiße Mann

Von Felix Bartels
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Der Kabarettist Dieter Nuhr in seinem Element (Köln, 25.10.2016)

Was ist er? Eine Fiktion? Ein Gag? Ein Kampfbegriff? Ein Kosename für den ranzigen Knecht Broder? Zumindest ein Paradoxon. Obwohl es den alten weißen Mann nach eigener Aussage nicht gibt, ist er nach eigener Aussage vom Aussterben bedroht. Gern redet er darüber, dass er nicht mehr vorkomme, mitkomme, zum Zuge komme. Die Welt dreht sich weiter und er sich um sich. Ihm wird schwindlig, also schwindelt er. »Ick kann det Tempo nich vertragen«, sang Otto Reutter 1929.

Ganz wichtig hier: Manifeste. Das sind die Dinger, die man nur im Stehen lesen kann, weil sie auch immer im Stehen geschrieben werden. Die CDU-nahe Denkfabrik »Republik 21« kann ebenfalls Manifest: »Wokes Deutschland – Identitätspolitik als Bedrohung unserer Freiheit?« Das Fragezeichen war natürlich rhetorisch. Denn »unser demokratisches Gemeinwesen« wird durch »extremistische Rechte ebenso wie durch woke Linke« bedroht. Dieses »ebenso« ist so charmant, man möchte fast vergessen, dass Wokeness gar kein genuines Merkmal der Linken ist. Viel verbreiteter nämlich scheint sie ausgerechnet in jener Mitte der Gesellschaft, die sich hier einmal mehr vom Hufeisen bedroht sieht.

Und sich bedroht sehen ist vielleicht das einzige, was der alte weiße Mann richtig gut kann. Er hat nie erfahren, was es bedeutet, wirklich unterdrückt zu sein und nicht vorzukommen. Den langsamen Verlust seiner Privilegien empfindet er folglich als Benachteiligung. Jede Ausladung, jeder Shitstorm, jede Kritik wird als Vernichtungsfeldzug gedeutet. Und dann redet er am besten vor einem Millionenpublikum zur Primetime darüber, dass er in diesem Land nicht vorkomme.

Wer jetzt an Dieter Nuhr denkt – also genau alle –, denkt richtig. Er hat am Montag in Berlin an einem Kongress teilgenommen. Einem von »Republik 21« veranstalteten mit eben jenem Titel: »Wokes Deutschland«.

Es passt immer alles.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg Altona ( 8. November 2022 um 20:07 Uhr)
    Nuhr ist fleischgewordene Ruhr.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 8. November 2022 um 16:24 Uhr)
    Wenn es einen gibt, auf dem das Sprichwort: »Wes’ Brot ich fress, des Lied ich sing’« zutrifft, dann ist es Nuhr. Dieser Mensch ist Teil dieser Medienkultur hierzulande, der sich zur Verfestigung bestehender Machtverhältnisse missbrauchen lässt. Dass dieser Typ an einer Zusammenrottung einer CDU-nahen Denkfabrik teilnimmt, deklassiert ihn als selbsternannten Kleinkulturmatador. Nu(h)r natürlich, dass er sich berufen fühlt, die regierende Machtstrukturen zu feiern und Andersdenkende in die rechte Ecke zu verbannen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Oettern ( 8. November 2022 um 15:55 Uhr)
    Dieter Nuhr läuft immer mehr nach rechts. Das fällt seit langer Zeit auf und ist auch durch noch so viele sachlich zutreffende und scharfsinnige Pointen bei manchem, was er anspricht, kaum noch zu überdecken. Was das mit der Metapher von dem alten weißen Mann zu tun hat, erschließt sich mir nicht recht, auch wenn er sie des Öfteren gebraucht. Ohnehin verkleistert dieser Begriff deutlich mehr, als er helfen könnte, die Welt wirklich zu verstehen. Ich denke, gerade aus diesem Grund wurde er geprägt und wird bewusst immer wieder durch die Medien breitgetreten. Wir sind ja aber eigentlich nicht gezwungen, ihn zu verwenden. Oder Dieter Nuhr zuzuhören.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Stephan K. aus 92348 Neumarkt i.d.OPf. ( 8. November 2022 um 06:49 Uhr)
    Der alte weiße Mann hat mehrheitlich erfahren, was Ausbeutung ist und was es bedeutet, mit seinen Anliegen, Problemen, Forderungen nicht vorzukommen. Der alte weiße Mann ist mehrheitlich Arbeiterklasse. Jetzt wird der alte weiße Mann und die alte weiße Frau sowie die Mehrheit aller Menschen, unabhängig von Hautfarbe und ethnischer Herkunft oder Geschlecht, häufig um den halbwegs sicheren Lebensabend betrogen und ihnen wird von privilegierten – meist weniger alten und meist weißen Frauen und Männern erzählt, der Russe sei schuld. Vermutlich hat die Sache nichts oder nur marginal mit Hautfarbe, Geschlecht und Alter, aber viel mit Klassengegensätzen und Eigentumsverhältnissen zu tun. Vermutlich ist Nuhr in dieser Angelegenheit dichter an der Realität, als woke und überwiegend weiße Frauen und Männer aller Altersgruppen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum ( 7. November 2022 um 22:00 Uhr)
    Kann mir altem weißen Mann wer erklären, was Woke ist? Ist das die Mehrzahl von Wok? Sollen jetzt alle DeutschInnen ihr Essen in Gefäßen zubereiten, die keinen Unterschied zwischen Boden und Wand kennen? Das ist doch bodenlos! Da kann ja nur Identitätseinheitsbrei herauskommen.

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