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Aus: Ausgabe vom 30.09.2022, Seite 16 / Sport
Leichtathletik

Botschafter und Botschaft

Äthiopiens Läufer und die Politik
Von Gabriel Kuhn
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Haile Gebrselassie beim OMV-Halbmarathon in Wien, 2013

Haile Gebrselassie ist eine äthiopische Laufikone. Von 1993 bis 2000 blieb er über 10.000 Meter bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ungeschlagen. Am vergangenen Wochenende eröffnete er in seinem Heimatland sein achtes Hotel, gleichzeitig wurde er als internationaler Botschafter für den Halbmarathon in Delhi vorgestellt.

Dass es für Gebrselassie gut läuft, ist auch Ausdruck dafür, dass sich die politische Lage in Äthiopien in den letzten Monaten etwas entspannt hat. Noch im November 2021 hatte Gebrselassie angekündigt, zur Verteidigung der Zentralregierung gegen die Tigray People’s Liberation Front (TPLF) in den Krieg zu ziehen. Der Athlet war wohl niemals wirklich an der Front, doch der Regierung gelang damit ein Propagandacoup. Und nicht nur dank Gebrselassie. Auch Feyisa Lilesa, Silbermedaillengewinner beim olympischen Marathon von Rio 2016, erklärte sich kampfbereit.

Gebrselassie und Lilesa sind Oromo, wie viele der erfolgreichsten Läufer Äthiopiens. Die Ethnie stellt mit ungefähr 35 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe des Landes. Von der Zentralmacht waren sie jedoch lange ausgeschlossen, weshalb sich 1973 die Oromo Liberation Front bildete. Die Oromo waren dabei nicht die einzige Bevölkerungsgruppe, die zur Verteidigung ihrer Interessen auf eine Unabhängigkeitsbewegung setzte. Die TPLF wurde 1975 gegründet, die Ogaden National Liberation Front 1985.

Im April 2014 wandten sich Oromo gegen neue regionale Grenzziehungen rund um die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba. Es kam zu den »Oromo-Protesten«, die bis 2016 anhielten. Viele Oromo meinten, dass die Zentralregierung immer noch von der TPLF dominiert werde. Der frühere TPLF-Vorsitzende Meles Zenawi war von 1995 bis 2012 äthiopischer Premierminister. Als die Proteste ausbrachen, waren die höchsten Posten im Staat jedoch nicht von Tigray besetzt. Die Demonstrationen dehnten sich aufs ganze Land aus, und nicht nur Oromo nahmen an ihnen teil. Die Zentralregierung antwortete mit harscher Repression. Rund 500 Menschen starben im weiteren Verlauf, viele mehr wurden eingesperrt. Das Überkreuzen der Handgelenke vor dem Gesicht wurde zum wichtigsten Symbol des Aufbegehrens.

Feyisa Lilesa zeigte die Geste, als er in Rio die Ziellinie überquerte. Es handelte sich um einen der deutlichsten politischen Proteste bei Olympia seit dem legendären Black-Power-Gruß der US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos 1968. Anders als bei Smith und Carlos, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOK) von den Spielen in Mexiko ausgeschlossen wurden, sah das IOK bei Lilesa von drastischen Strafen ab. Die äthiopische Regierung spielte den Vorfall herunter und versicherte jedem Journalisten, der es wissen wollte, dass der Läufer bei seiner Rückkehr nichts zu befürchten habe.

Lilesa hatte jedoch keine Absicht, nach Äthiopien zurückzukehren, wohl auch, weil er den Versicherungen der Regierung keinen Glauben schenkte. Sowohl sein Bruder als auch sein Schwager waren im Zuge der Oromo-Proteste inhaftiert worden. Er zog in die USA, wo er im Norden Arizonas gute Bedingungen zum Höhentraining vorfand.

Doch dann kam es im März 2018 zum Regierungswechsel in Äthiopien, der Oromo Abiy Ahmed wurde neuer Premierminister. Lilesa kehrte in sein Heimatland zurück und wurde endlich für seinen Erfolg in Brasilien geehrt. Zu nennenswerten Resultaten hatte es nach dem Marathon in Rio jedoch nicht mehr gereicht. Zu speziell mögen die Umstände für Lilesas Karriere gewesen sein.

Trotz der neuen Regierung blieb die Lage in Oromo instabil. Als im Juni 2020 der Oromo-Protestsänger Hachalu Hundessa erschossen wurde, kam es zu Aufständen, bei denen rund 300 Menschen ums Leben kamen. Zwei von Gebrselassies Hotels wurden geplündert.

Im November 2020 brach der »Zweite äthiopische Bürgerkrieg« aus. (Als erster gilt der Kampf diverser bewaffneter Gruppen gegen die Mengistu-Regierung von 1974 bis 1991.) Bewaffnete Einheiten der TPLF und der Zentralregierung bekämpften sich im Norden des Landes. Die Tigray meinten, unter der Regierung Ahmeds zunehmend marginalisiert zu werden.

m November 2021 verkündeten Gebrselassie und Lilesa, für die Front bereit zu sein. Dass sich die Regierung der beiden für Propagandazwecke bediente, ist kein Zufall. Erfolgreiche Langstreckenläufer sind in Äthiopien Volkshelden. Sämtliche der 58 olympischen Medaillen, die äthiopische Athleten bisher gewonnen haben, gingen an Langstreckenläufer.

Die erste Medaille, 1960 in Rom, hatte auch ein Oromo gewonnen: Abebe Bikila, Angehöriger der Leibwache des damaligen Kaisers Haile Selassie, siegte im Marathonlauf – barfuß. Vier Jahre später wiederholte er in Tokio seinen Erfolg, diesmal mit Schuhen. Nach dem Zieleinlauf machte er demonstrativ Gymnastikübungen, um seine Überlegenheit zu untermauern.

Während Haile Gebrselassie ungeachtet der Ereignisse 2020 seine Hotelkette weiter ausbaut, fehlt von Lilesa seit seiner Ankündigung Ende 2021, an die Front zu gehen, jede Spur. Nachfragen von jW bei Oromo-Organisationen und äthiopischen Behörden blieben ohne Resultat. »Ich möchte nicht, dass eine Bevölkerungsgruppe über eine andere herrscht; wenn die Macht nicht gleich verteilt ist und nicht alle politischen und religiösen Ansichten respektiert werden, dann wird es in Äthiopien keinen nachhaltigen Frieden geben«, erklärte Lilesa im September 2016 gegenüber dem katarischen Nachrichtensender Al-Dschasira. Eine Einschätzung, mit der er recht behalten dürfte.

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