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Aus: Ausgabe vom 30.09.2022, Seite 8 / Ansichten

Roulettespielerin des Tages: Elizabeth Truss

Von Simon Zeise
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Kurze Politkarriere? Parteifreunde wollen die Premierministerin spätestens Weihnachten absägen

Die Queen wird sich im Grabe umdrehen. Kaum dahingeschieden, geht ihr Königreich vor die Hunde. Premierministerin Elizabeth Truss und Schatzkanzler Kwasi Kwarteng haben sich in den Kopf gesetzt, das Land zu ruinieren. Als Reaktion auf die in der vergangenen Woche verabschiedete Steuersenkung für Superreiche, die Millionären rund 45 Milliarden Pfund in die Taschen spülen soll, folgte der Absturz. Hedgefonds wetten auf den Verfall der Währung, die Bank of England musste am Mittwoch abend 65 Milliarden Pfund zur »Stabilisierung der Märkte« nachschießen. In den Straßen Londons raunt es, Liz spiele »Trussian Roulette«.

Der frühere US-Finanzminister Lawrence Summers nimmt bereits einen »Vertrauensverlust« der Spekulanten wahr, den er zuvor nur bei »Entwicklungsländern«, nach dem »Volcker-Schock« oder – noch schlimmer – bei sozialistischen Hasardeuren wie dem französischen Präsidenten François Mitterrand und dem deutschen Finanzminister Oskar Lafontaine beobachtet habe. Spätestens mit Summers letztem Satz läuteten bei den Tories die Alarmglocken: »Die Finanzkrise in Großbritannien wird die Lebensfähigkeit Londons als globales Finanzzentrum beeinträchtigen.«

Am Donnerstag versuchte Truss in einem Interview-Marathon mit BBC-Lokalsendern den Scherbenhaufen zusammenzukehren. Die Steuersenkungen seien notwendig gewesen, um Familien durch den Winter zu helfen. Das wiederum kauft ihr niemand mehr ab. Selbst der IWF hat dezent darauf hingewiesen, dass die Regierungsmaßnahmen die Ungleichheit vergrößern dürften. Kurz vor dem am Sonntag beginnenden Parteitag weht ihr der Wind heftig entgegen. Die Sunday Times zitierte einen Tory-Abgeordneten mit den Worten, Truss sei an Weihnachten weg – es klappe nur nicht früher, weil die Fraktion nicht wisse, wer sie ersetzen solle.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (30. September 2022 um 11:01 Uhr)
    Kleinbritannien hat offenbar nur noch Kasperköpfe und Hasardeure in seiner politischen »Elite«. Schlimmer geht immer, ist die Marschroute. Das selbsternannte »Vereinigte Königreich« ist weder vereinigt noch ein Reich – auf der nach oben offenen Skala der verrücktesten Entscheider, Kriegstreiber und Menschenfeinde kämpft Truss gegen den durchgeknallten Boris um die Poleposition. Die Halbwertzeit ihrer Amtsinhabe könnte darauf hinweisen, dass sie gute Chance hat, als Sieger vom Thron zu fallen. Bis der nächste Amtsinhaber ins Rennen einsteigt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Holger L. (29. September 2022 um 22:56 Uhr)
    Die Steuersenkung von 45 auf 40 Prozent bei hohen Einkommen war vielleicht dumm. Sie wird kaum dazu führen, dass sich nun mehr Reiche ansiedeln. Was der Artikel jedoch vernachlässigt, ist, dass der Mindeststeuersatz von 20 auf 19 Prozent gesenkt und eine harte Gaspreisbremse eingeführt wurde, die zusammen wohl mehr kosten werden als die verminderte Reichensteuer. Was die gute Liz dabei nicht eingerechnet hat ist, dass man das Kapital immer mit Samthandschuhen anfassen soll. Es ist ja so ein scheues Reh. Es dermaßen zu verärgern, muss ja in die Hose gehen. Aber immerhin hatte sie den Mut, es zu probieren.

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