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Aus: Ausgabe vom 30.09.2022, Seite 12 / Thema
Deutsche Außenpolitik

Der unbekannte Genozid

Die indonesische Militärjunta unter Suharto tötete ab Mitte der 1960er Jahre Hunderttausende Kommunisten. Die Bundesrepublik hatte davon genauestens Kenntnis
Von Emrah Cilasun
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Die Militärs um General Suharto versuchten die kommunistische Bewegung in Indonesien auszurotten – ein vermeintlicher Sympathisant der Kommunistischen Partei wird von Soldaten abgeführt (November 1965)

Auf der Documenta 15 lösten sie einen Skandal aus: »Antisemitische« Figuren auf dem Wimmelbild »People’s Justice« der indonesischen Gruppe Taring Padi. Dabei ging völlig unter, was der Hintergrund der Arbeit war: der Massenmord an Hunderttausenden Kommunisten und anderen Regimegegnern unter General Suharto in den 1960er Jahren. Von dem war aber die westdeutsche Regierung nicht nur bestens informiert – sie half Suhartos Schergen auch noch tatkräftig. Eine neue Filmdoku von Redfish nimmt sich dieses verdrängten Kapitels der jüngeren Geschichte an. (jW)

Am 1. Oktober 1965 putschte sich in Indonesien eine von General Haji Mohammed Suharto ­(1921–2008) geführte Militärjunta an die Macht. Der bis dahin amtierende Präsident Ahmed Sukarno (1901–1970), der sich 1963 zum Präsidenten auf Lebenszeit hatte wählen lassen und einer Einheitsregierung aus Nationalisten, Islamisten und Kommunisten vorstand, wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Er blieb zwar offiziell im Amt, musste aber die Militärs gewähren lassen, die ihn im März 1967 schließlich ganz absetzten. Die Putschisten verboten umgehend die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI), damals die drittgrößte Kommunistische Partei der Welt. Die repressiven Maßnahmen betrafen ebenso alle direkt oder indirekt mit der PKI verbundenen Organisationen.

Zwischen Oktober 1965 und den frühen 1970er Jahren ließ die Junta Anführer, Mitglieder und Sympathisanten der Partei in Konzentrationslager sperren und ermorden. Nach Angaben von Sarwo Edhie (1925–1989), damals Befehlshaber der »Elitetruppe« RPKAD, belief sich die Zahl der Hingerichteten auf »zwei oder drei Millionen« Menschen.¹ Obwohl dieses Verbrechen gewissermaßen einen Genozid an Kommunisten darstellt, ist es der Welt weitgehend unbekannt geblieben.

»Vollständig vernichten«

Recherchen im politischen Archiv des Auswärtigen Amts haben ergeben, dass die Bundesrepublik Deutschland von Anfang an vollständige Kenntnis von dem mit den USA koordinierten Massaker in Indonesien besaß.² So war dem Bonner Außenministerium bekannt, dass »die indonesischen Streitkräfte die kommunistische Partei vollständig vernichten«, wie Legationsrat Hilmar Bassler am 3. Dezember 1965 berichtete.³ Die Dokumente belegen zudem, dass die westdeutsche Regierung die Militärdiktatur in Jakarta vorbehaltlos unterstützt hat – politisch, ökonomisch und militärisch.

Ein Dokument vom 17. August 1965 weist aus, dass die Bundesrepublik Deutschland bereits 1965 insgesamt 22 Industrie-, 18 Handels- und zwei Transportkonzessionen in Indonesien besaß – Kapitalexport für billige Rohstoffe und Arbeitskräfte.⁴ Dokumente vom 19. Januar 1965 zeigen, dass die Bundesregierung beschlossen hatte, Indonesien einen »Sonderplafond« in Höhe von 100 Millionen DM zu gewähren⁵, aus Dokumenten vom 17. Mai 1968 wiederum geht hervor, dass ein »Kapitalhilfevertrag« abgeschlossen wurde.⁶ Die Behauptung, Bonn habe damit der »dritten Welt« geholfen, wäre hier gänzlich fehl am Platz. Es ging vielmehr um neokoloniale Abhängigkeitsverhältnisse.

Interessant ist es, die Botschafter der Bundesrepublik in Jakarta genauer in den Blick zu nehmen. Die Bonner Beamten, die dort zwischen 1952 und 1970 ihren Dienst taten – Werner Otto von Hentig (1886–1984), Helmut Allardt ­(1907–1987), Dietrich von Mirbach (1907–1977), Gerhart Weiz (1906–1983), Luitpold Werz ­(1907–1973) und Hilmar Bassler (1907–1971) – hatten allesamt bereits im Auswärtigen Dienst zwischen 1933 und 1945 Karriere gemacht, standen also auch während des Faschismus im aktiven Dienst unter Reichsaußenminister Joachim Ribbentrop. Ihre Nazivergangenheit war für sie in Bonn – man möchte fast sagen: selbstverständlich – nie zu einem Problem geworden. Werner Otto von Henting, 1952/53 der erste Botschafter der Bundesrepublik in Indonesien, hatte als Beamter des Auswärtigen Amtes dem ehemaligen Mufti von Jerusalem und Nazikollaborateur Mohammed Amin Al-Husseini am 6. April 1945 erfolgreich zur Flucht aus dem besiegten Nazideutschland verholfen. Hilmar Bassler, zwischen 1968 und 1970 Botschafter, war im Zweiten Weltkrieg für die Nazipropaganda in Ostasien verantwortlich gewesen. Bonn schickte also Diplomaten mit Vorkenntnissen und Verbindungen in das asiatische Land mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit.

Die Botschafter und das ihnen unterstehende Personal erhielten teilweise detaillierte Kenntnis von den Verbrechen des Suharto-Regimes. So berichtete der Militärattaché der Botschaft in Jakarta, Meyer, an das Verteidigungsministerium in Bonn mit Datum vom 8. Januar 1965 nonchalant, sein indonesischer Ansprechpartner, der Generalmajor Ibrahim Adjie, habe ihm erzählt, er habe 1.400 kommunistische Plantagenarbeiter »vorsorglich und probeweise festnehmen lassen«, um die Reaktion der kommunistischen Partei zu testen. Später habe man 400 von ihnen freigelassen, »die übrigen wurden beerdigt«.⁷

Geheimdienstlicher Austausch

In einem Schreiben der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Jakarta an das Auswärtige Amt in Bonn vom 12. Oktober 1967, versehen mit dem Vermerk »Geheim«, wird die antikommunistische Kooperation auf höherer Ebene deutlich:

»betr. Nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit indonesischen heeresstellen

militärattaché hat mit schreiben an bmvtg (Bundesverteidigungsministerium; jW) (…) ausbildung indonesischer nachrichtenoffiziere beim bnd und zusammenarbeit bzw. nachrichtenaustausch über kommunismus befürwortet.«⁸

Natürlich beschränkte sich die Zusammenarbeit nicht nur auf den Austausch von Informationen. So rechtfertigten beispielsweise Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in Bonn am 26. Oktober 1965, während das Massaker auf Hochtouren lief, die »Ausfuhr von Pistolengriffen«: »Es wäre nicht zu vertreten, wenn wir der indonesischen Armee, die zur Zeit gegen die kommunistische Partei mit Waffengewalt vorgeht, diese indirekte Hilfe verweigern würden.« Es solle lediglich darauf geachtet werden, »dass die Pistolengriffe kein Kennzeichen als deutsches Produkt erhalten«.⁹

Das Aktenmaterial gibt gleichwohl viel mehr preis als nur den Verkauf von Pistolengriffen. Das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes beheimatet zahlreiche Dokumente, die den Export von Waffen und Munition »made in Germany« nach Indonesien belegen.

Am 28. Januar 1966 wird in einem Bericht der Abteilung III des Auswärtigen Amtes die Ausfuhrgenehmigung für die Lieferung von »15 kompletten Anlagen zur Herstellung von Sprengstoffen« im Wert von 40 Millionen DM an die indonesische Armee beantragt. Die »Gesamtanlage« der Firma Ferrostaal habe, so das Dokument, eine »Monatskapazität von fast 2.000 Tonnen Sprengstoffen, Pulver und Zwischenprodukten, 1.100 km Zündschnur und 1,1 Millionen Sprengkapseln«. Zur Begründung heißt es unter anderem: »Es liegt ferner in unserem Interesse, die Armee bei ihren Bemühungen um eine politische und wirtschaftliche Stabilisierung zu unterstützen. Eine Ablehnung von Aufträgen der indonesischen Armee hätte zur Folge, dass wir die Kräfte, die wir stützen wollen, schwächen und damit den noch vorhandenen kommunistischen Elementen indirekt in die Hände arbeiten.«¹⁰

»Keine Bedenken«

Am 1. Februar 1966 stellte die Firma Rheinstahl Hanomag beim Bundesverteidigungsministerium einen Antrag auf »Genehmigung für die Aufnahme der Werbetätigkeit« für Schützenpanzer, »in erster Linie Jagdpanzer KANONE«¹¹, den das Auswärtige Amt am 8. Juli 1966 in einem Schreiben an das Verteidigungsministerium mit »keine Bedenken« beantwortete.¹²

Am 30. Juni 1966 leitete das Bundeswirtschaftsministerium einen Antrag an das Auswärtige Amt weiter, wonach die Firma Fritz Werner um die Genehmigung des Kaufs von 255.800 Kilogramm Nitroglycerin von der Firma Dynamit Nobel zum Versand nach Indonesien bat¹³, worauf das Auswärtige Amt am 4. Juli antwortete: »keine Bedenken«.¹⁴

In einem »Schnellbrief« vom 24. Juni 1968 bat das Bundeswirtschaftsministeriums das Auswärtige Amt sowie das Verteidigungsministerium um Genehmigung für die Lieferung von 10.000 »G3«-Gewehren von Heckler und Koch an die indonesische Armee. Am 27. Juni 1968 kamen die Genehmigungsunterlagen des Auswärtigen Amtes. Erneut hieß es: »keine Bedenken«.¹⁵

In einem Schreiben vom 12. November 1968 bat das Bundeswirtschaftsministerium das Auswärtige Amt für die Firma Industriewerke Karlsruhe AG um eine Genehmigung für die Ausfuhr von »20.000.000 Patronen 7.62 mm, ohne NATO-Markierung« nach Indonesien. Die Antwort des Auswärtigen Amtes vom 19. November 1968 lautete: »keine Bedenken«.¹⁶

Ohne Frage stand hinter den Krediten und Waffenverkäufen an Indonesien zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine politische Absicht. Das Argument, das im »Aktionsplan«-Protokoll der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland am 22. Dezember 1964 in Jakarta festgehalten wurde, lautete, wie ein Kurzprotokoll in indirekter Rede widergibt: »Indonesien gelte als Barriere oder Sprungbrett des Kommunismus nach Australien. Unser nationales Interesse, unsere Präsenz in Indonesien zu wahren, erfordere Opfer finanzieller Natur, denen allerdings Grenzen gesetzt seien. Indonesien sei ein entscheidender Testfall.«¹⁷

Dies war die Grundlage der westdeutschen Indonesien-Politik. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges gestalteten sich die Beziehung Bonns zur Regierung Sukarno, der einen blockfreien dritten Weg verfolgte, recht holprig. Doch seit dem 1. Oktober 1965, nach dem blutigen Putsch, hatte Indonesien bewiesen, dass es eine »Barriere« gegen den Kommunismus geworden war.

Das war von solchem Gewicht, eingedenk der wirtschaftlichen und politischen, aber auch militärischen Interessen, dass es sogar im Protokoll des Treffens zwischen US-Präsident Lyndon B. Johnson und Bundeskanzler Ludwig Erhard am 27. September 1966 festgehalten wurde:

»Andererseits meine er (Präsident Johnson; jW), während des Herrn Bundeskanzlers und seiner eigenen Regierungszeit habe der Kommunismus einen großen Verlust eingesteckt, der nicht genügend ausgenutzt worden sei: Indonesien. Hier sei ein Volk von hundert Millionen für den Kommunismus verlorengegangen. Wenn die übrige Welt sehen würde, dass der Kommunismus nicht auf dem Vormarsch, sondern auf dem Rückzug sei, dann werde es auch weniger Druck in Berlin geben. Ob es nun gelinge, die Kommunisten aus Indonesien herauszuhalten, sei abhängig davon, wie schnell die freie Welt handle. Er habe am Vormittag ein Gespräch mit dem indonesischen Außenminister gehabt, der ihm gesagt habe, die Kommunisten seien verjagt, aber die wirtschaftlichen Probleme seien ungeheuer. Indonesien erarbeite fieberhaft einen Wirtschaftsplan. Amerika gebe sehr viel wirtschaftliche Unterstützung, technische Hilfe, und liefere Nahrungsmittel. Er selbst habe den indonesischen Außenminister gefragt, wer denn sonst noch seinem Lande helfe, und dieser habe geantwortet: Deutschland, das vor allem durch Lieferung von Maschinen sehr viel tue. Er hoffe, daß der Herr Bundeskanzler mit deutschen Industriellen und mit Regierungshilfe die derzeitigen Führer in Indonesien unterstützen könne.

Der Herr Bundeskanzler bemerkte, selbstverständlich habe sich auch die deutsche Haltung verändert, seitdem Sukarno in Indonesien nicht mehr der Allmächtige sei, der dieses Land nicht nur dem Kommunismus zugeführt, sondern es auch in wirtschaftliche Unordnung gebracht habe. Er glaube jedoch, daß jetzt der Boden für größere Aktivität bereitet sei.

Der Präsident sagte, vielleicht könnte der Herr Bundeskanzler sich mit den deutschen Exportfirmen zusammentun, die in Indonesien Interessen hätten, und auch dafür sorgen, daß Regierungskredite zur Verfügung gestellt würden. Dies wäre höchst hilfreich. Gleichzeitig würde dadurch der Druck auf Amerika verringert, wenn Deutschland mit Amerika stehe. Es würde auch für Amerika dann leichter sein, in Deutschland präsent zu sein, denn eine solche Zusammenarbeit zeige, daß die Deutschen Schulter an Schulter mit den Amerikanern stünden in der Hilfe für die Dritte Welt.«¹⁸

Die praktische Konsequenz dieser Worte war der brutale Vernichtungsfeldzug gegen die Kommunisten und ihre Verbündeten in Südostasien, der 1965 in Indonesien begann und bis in die frühen 1970er Jahre andauerte.

Umfängliche Kooperation

Nach Recherchen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes wissen wir heute, dass Bonn vor, während und nach dem Völkermord die Reisen indonesischer Armeeoffiziere nach Deutschland finanzierte,¹⁹ die Minister bestach, die die deutschen Interessen in Jakarta vertraten (indem sie deren Söhne mit Stipendien ausstatteten und in Deutschland studieren ließen),²⁰ und dem indonesischen Geheimdienst erlaubte, Dissidenten in Deutschland zu überwachen.²¹

Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Von Beginn des Völkermordes an wurde Bonn fast täglich über alle Entwicklungen informiert, auch darüber, wie viele Menschen wo und wann getötet wurden. Im folgenden einige Beispiele.

Da ist zunächst der bereits erwähnte Militärattaché der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Jakarta, Meyer, der am 25. Oktober 1965 in seinem Bericht mit dem Titel »Die Entwicklung der militärischen und politischen Lage bis zum 25. Oktober 1965« feststellt, dass die indonesische Armee eine »Salamitaktik« gegen die Kommunistische Partei eingeleitet habe.²² Am 29. November 1965 gibt Botschafter Werz in einem dreiseitigen Bericht mit dem Titel »innenpolitische situation« unter anderem folgende Information an Bonn weiter: »nach einer vertraulichen information von armeeseite ist pki-Chef aidit am 21. november bei Solo in mitteljava vom militair gefasst und am folgenden Tag erschossen worden.«²³

Seinen Bericht vom 14. Dezember 1965 mit dem Titel »Verluste der indonesischen Bevölkerung seit dem 1. Oktober diesen Jahres«²⁴ beginnt Botschafter Werz mit den Worten: »Der Kampf der Armee und der Moslems gegen die Kommunisten wird außerhalb Jakartas mit verbissener Härte und zum Teil unmenschlicher Grausamkeit, geführt.« Weiter heißt es: »Die staatliche Nachrichtenagentur Antara veröffentlicht zwar täglich Meldungen über die Gefangennahmen und Tötungen widerstandleistender Kommunisten, doch stehen die dabei genannten Ziffern nach den bisherigen hier vorliegenden Informationen weiter hinter der Wirklichkeit zurück. Die wahren Verlustzahl übertreffen die offiziellen Angaben um ein Vielfaches.« Werz bietet anschließend eine erste Bilanz des Völkermordes in den verschiedenen Teilen des Landes:

»Ostjava: rd. 50.000 Tote (meist Kommunisten); Mitteljava: rd. 40.000 Tote (Kommunisten und nicht Kommunisten); Westjava (einsch. Djakarta): rd. 10.000 Tote (weitaus überwiegend Kommunisten); Nordsumatra: rd. 20.000 Tote (weitaus überwiegend Kommunisten); Atjeh: rd. 3.000 Tote (ausschließl. Kommunisten); Madura: rd. 2.000 Tote (ausschließl. Kommunisten); Bali: rd. 3.000 Tote (überwiegend Kommunisten).«²⁵

»Vollständig ausgerottet«

Die Summe der von Werz genannten Ermordeten für den Zeitraum zwischen dem 1. Oktober und dem 14. Dezember 1965, dem Zeitpunkt der Abfassung des Berichts, beläuft sich auf 128.000 Tote. Spätestens seit dem 14. Dezember 1965 war der Bundesrepublik Deutschland also das Ausmaß des Massakers an den Kommunisten in Indonesien bekannt.

In einem Schreiben des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Rolf Otto Laar vom 17. Dezember 1965 unter dem Titel »Situation in Indonesien« ist auch der Bonn-Besuch eines der Putschgenerale, Achmed Sukendro, festgehalten. Darin werden nicht nur Werz’ Zahlen wiedergegeben, sondern es ist darin auch der folgende Satz zu lesen: »In Atjeh und Madura ist die kommunistische Partei bis auf die Wurzeln vollständig ausgerottet.«²⁶

Wie dargelegt, hielt das die Bundesrepublik Deutschland nicht davon ab, umfänglich mit dem indonesischen Regime zu kooperieren. Die mörderische Politik des Antikommunismus der Militärjunta rund um Suharto war vielmehr der Grund für die Zusammenarbeit Bonns mit Jakarta.

Anmerkungen

1 Vgl. Florian Tömmel: Bonn, Jakarta und der Kalte Krieg. Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Indonesien von 1952 bis 1973, Berlin/Boston 2018, S. 242, Anm. 605

2 Dennoch haben die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland in ihren Antworten auf schriftliche Anfragen im Parlament stets darauf bestanden, dass ihnen die Situation in Indonesien zwischen 1965 und 1970 nicht bekannt war, und den Begriff »Völkermord« ausdrücklich nicht verwendet. Jüngstes Beispiel dafür ist die Antwort der Bundesregierung auf 19 Fragen der Bundestagsfraktion Die Linke zu Indonesien von Andrej Hunko, Jan van Aken und Sevim Dagdelen vom 27. Mai 2014. Vgl. Deutscher Bundestag, 18. Wahlperiode, Drucksache 18/1554, 2014.

3 Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (AA PA) B 37 REF. IB5 173

4 Ebd.

5 Ebd. Ein Kreditplafond (plafond, frz. Decke) ist eine allgemeine Kreditzusage mit einer bestimmten Obergrenze.

6 AA PA: B 57 REF. 405/IIIA4 104

7 AA PA: B 37 REF. IB5 169 A

8 AA PA: B 130 VS-REG 903

9 AA PA: B 57 REF. 405/IIIA4 122

10 Ebd. Der Antrag wurde mit Blick auf die Konfrontation zwischen Indonesien und Malaysia, das sich 1963 für unabhängig erklärt hatte, abgelehnt. Man wollte die malayische Schutzmacht Großbritannien nicht verstimmen: »Es wird empfohlen die Angelegenheit etwa in zwei Monaten erneut aufzugreifen«, heißt es in einem Schreiben aus Bonn vom 22.2.1966, vgl. ebd.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd. In dem Genehmigungsschreiben heißt es, »eine Ablehnung würde zu einer Belastung der deutsch-indonesischen Beziehung führen und praktisch nur die subversiven Kräfte begünstigen«.

15 A. a. O.

16 A. a. O., 122

17 AA PA: B 37 REF. IB5 171

18 Gespräch des Bundeskanzlers Erhard mit Präsident Johnson in Washington, 27. September 1966, in: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, hg. im Auftrag des Auswärtigen Amtes vom Institut für Zeitgeschichte, München 1997, Dok. 302, S. 301 f.

19 AA PA: B 37 REF. IB5 176, Telegramm des Botschafters Luitpold Werz an das Verteidigungsministerium, 2.3.1965

20 AA PA: B 130 VS-REG 2586 A. Am 21. April 1966 schickte die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Jakarta ein Fernschreiben an das Auswärtige Amt in Bonn, in dem um ein Stipendium für den Sohn des indonesischen Außenministers Adam Malik gebeten wird. Die Finanzierung sollte aus Sondermitteln des Auswärtigen Amtes oder des Bundeskanzleramtes erfolgen. In dem Schreiben heißt es: »wenn wir Malik im jahr 1965, als er in persönlicher schwierigster position unsere interessen im kabinett verteidigte, stipendium für seinen sohn zusagten, so müssen wir diesen wunsch nach seinem aufrücken in schlüsselpositionen der regierung erst recht erfüllen.«

21 AA PA: B 130 VS-REG 2586

22 AA PA: B 37 REF. IB5 170

23 Ebd.

24 Ebd. In dem Bericht des Botschafters finden sich auch Informationen wie die folgende: »Nach Angaben der US-Botschaft beläuft sich die Zahl der in Java getöteten Menschen auf 100.000. (…) Ansor (Führer der muslimischen Jugendorganisation, jW) gab in einer Rede die Zahl in Ostjava mit 70.000 an. (…) Zuverlässigen Quellen zufolge wurden allein in Nordsumatra 2.000 Kommunisten getötet. (…) Laut einer lokalen Zeitung auf Bali beläuft sich die Zahl der in Negara getöteten Menschen auf 1.506. (…) 2.000 der in Jakarta inhaftierten Kommunisten wurden getötet«.

25 Ebd.

26 A. a. O., 172

Emrah Cilasun ist Autor und Journalist.

Die Dokumentation steht ab dem 30. September 2022 auf der Website https://redfish.media zur Verfügung.

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  • Leserbrief von Armin Christ aus Löwenberger Land ( 4. Oktober 2022 um 06:46 Uhr)
    Bei monthlyreview.org finden sich unter dem Stichwort: »Indonesia« zahlreiche Artikel über die Hintergründe und westlichen Machenschaften des »Wertewestens«. Empfehlenswert, wenn auch in Englisch.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (29. September 2022 um 22:31 Uhr)
    Zum Thema Genozid in Indonesion siehe auch folgende (Dokumentar)Filme: The Year of Living Dangerously, The Act of Killing von Joshua Oppenheimer, The Look Of Silence von Joshua Oppenheimer, 40 Years of Silence: An Indonesian Tragedy – Genocide (https://www.youtube.com/watch?v=kLT6G8FD3E4)

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