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Aus: Ausgabe vom 15.09.2022, Seite 8 / Inland
Atomstrom

»AKW sind sicherheitstechnisch im Blindflug«

Atomkraftwerke wurden mit Blick auf Laufzeitende lange keiner Sicherheitsüberprüfung mehr unterzogen. Ein Gespräch mit Armin Simon
Interview: Fabian Linder
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Die Bundesregierung hat angekündigt, zwei der drei verbliebenen AKW im Reservebetrieb weiterzubetreiben. Was bedeutet das?

Der Vorschlag von Bundeswirtschaftsminister Habeck war, die Anlagen in Betriebsbereitschaft zu halten und im Dezember oder den darauffolgenden Monaten noch mal zu sehen, ob eine Situation eintritt, wo es aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums sinnvoll wäre, die Meiler weiterlaufen zu lassen beziehungsweise wieder anzuwerfen. Der Vorschlag lässt allerdings den tatsächlichen Zustand der AKW außer acht.

Was sind die kritischen Punkte beim Weiterbetrieb?

Grundsätzlich fahren die AKW seit 2009 im sicherheitstechnischen Blindflug. Da hat die letzte große Sicherheitsüberprüfung stattgefunden. Die nächste reguläre Überprüfung hätte 2019 stattfinden müssen. Sicherheitsmängel, die man da erkannt hätte, hätten zu einer Nachrüstung führen müssen. Deswegen entsprechen die Kraftwerke schon heute nicht mehr dem vom Bundesverfassungsgericht geforderten Stand von Wissenschaft und Technik. Dass die Meiler dennoch bis Ende dieses Jahres weiterlaufen dürfen, ist bereits ein Sicherheitsrabatt, den die Betreiber schon bekommen haben. Es kann nicht sein, dass der noch vergrößert wird.

Wieso fand die Überprüfung 2019 nicht statt?

Im Atomgesetz gibt es einen Passus, dass auf diese Überprüfung verzichtet werden kann, wenn die AKW spätestens Ende 2022 vom Netz gehen. Ein Beispiel für sicherheitsrelevante Mängel, die man nicht durch Nachrüstung behoben hat, sind die seit fünf Jahren auftretenden Risse im AKW Neckarwestheim. Diese Spannungsrisskorrosionen sind Risse derselben Art, die gerade zum Abschalten der französischen AKW führen. Diese Risse wachsen unvorhersehbar schnell. In Neckarwestheim sind etwa 16.000 sehr dünnwandige Rohre betroffen. Wenn auch nur eins davon aufgrund dieser Risse abreißt, wäre das bereits ein nur schwer zu beherrschender Störfall, der sich bis zum Super-GAU entwickeln kann. Diese Risse treten aufgrund der korrosiven Verhältnisse in den Dampferzeugern der Kraftwerke auf. Das hätte Gegenstand einer solchen Sicherheitsüberprüfung sein müssen. Es gab auch in anderen AKW weltweit solche Risse. Der Umgang weltweit damit war, die betroffenen Dampferzeuger auszutauschen. Das ist ein großer Aufwand, kostet einen dreistelligen Millionenbetrag und ist auch nicht von heute auf morgen erledigt. Aber genau solche Konsequenzen hätte eine Sicherheitsüberprüfung haben müssen – und zwar nicht nur in Neckarwestheim.

Habeck begründet den Notbetrieb unter anderem mit dem europäischen Energiemarkt unter Verweis auf Frankreich.

Da gerät in der Diskussion viel durcheinander. Wenn man sich den Stresstest genau ansieht, wird klar, dass die Stromversorgung in Deutschland gesichert ist, selbst unter extremen Bedingungen. Die Situationen, die identifiziert wurden als die angeblich kritischsten für die Energieversorgung, beziehen sich gar nicht auf die Versorgung hierzulande. Etwa das Starkwind/Starklast-Szenario. Wenn sehr viel Windstrom in Norddeutschland produziert wird, decken sich auch viele Großkunden aus dem Ausland an der Börse damit ein. Für diesen Strom, der dann ins Ausland transportiert werden müsste, fehlen die Leitungen zum Teil innerhalb Deutschlands, aber auch über die Grenzen hinweg. Das hat zur Folge, dass die Netzbetreiber Windkraftanlagen im Norden abstellen und als Ersatz dafür in Süddeutschland oder hinter der Grenze sogenannte Redispatchkraftwerke anschmeißen. In solchen Situationen gibt es unter Extrembedingungen dann rechnerisch Kraftwerksengpässe.

Von FDP und Union kommt die Forderung nach dem Bau neuer Meiler. Welche Gegenvorschläge gibt es?

Die Zukunft liegt klar im Ausbau der erneuerbaren Energie. 2011 hatten wir einen Zubau von sieben bis acht Gigawatt bei den Solarzellen pro Jahr. Die damalige Bundesregierung hatte nichts Besseres zu tun, als diesen Ausbau auf zwei Gigawatt zu drücken. Darüber hinaus finanziert keine private Bank mehr neue Atomkraftwerke, weil sie die mit Abstand teuerste Form der Stromerzeugung darstellen.

Armin Simon ist aktiv in der Antiatomorganisation »Ausgestrahlt«

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