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Aus: Ausgabe vom 20.08.2022, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Funkrock

»Ich bin es müde, nach hinten zu sehen«

Über 35 Jahre Die Zöllner, gute Musik in schlechter Weltlage und ihren Auftritt auf dem UZ-Pressefest. Ein Gespräch mit Dirk Zöllner
Interview: Thomas Behlert
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Dirk Zöllner

Die Zöllner begannen wenige Jahre vor 1989 richtig bekannt zu werden. Dann fiel die Mauer, und mit ihr verschwanden viele DDR-Musiker in der Versenkung. Wie haben Sie diese Zeit erlebt, und wie haben Sie es geschafft, kein Versicherungsvertreter zu werden oder Musikinstrumente anbieten zu müssen?

Die Öffnung der Mauer habe ich – wie die meisten Menschen – euphorisch begrüßt. Zwei Tage nach dem unglaublichen Ereignis feierte ich mit meiner Band Die Zöllner, Silly, Pankow, Nina Hagen, Melissa Etheridge, den Toten Hosen, Joe Cocker und vielen tausend Menschen das »Konzert für Berlin« in und vor der Deutschlandhalle. Meine euphorischen Illusionen zerbröckelten allerdings schon mit den Wahlergebnissen im März 1990. Hier habe ich vielleicht zum ersten Mal die Allmacht des bedruckten Papiers erahnt. »Kommt die D-Mark nicht zu mir, dann gehen wir zu ihr!« Der Traum war zu Ende. Doch auf die Idee, Versicherungsvertreter oder Verkäufer zu werden, bin ich nie gekommen. Das Leben als freischaffender Künstler ist für mich alternativlos, hier kann ich meine maximale Freiheit finden.

Und Sie waren in der DDR einige der wenigen Bands mit Funk- und Soulelementen. Hatten Sie Vorbilder? Und wen verehren Sie bis zum heutigen Tag?

Unser Vorbild war und ist die Musik der People of Color: Otis Redding, James Brown, Stevie Wonder, The Temptations, Prince, Mother’s Finest. Aber auch weiße europäische Musik von Peter Gabriel, Simply Red, Joe Cocker oder die deutschen Künstler wie Edo Zanki, Holger Biege, Stephan Trepte, Lift, Silly sind für uns Vorbild. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir lieben ganz einfach swingende Musik! Unsere Verehrung für diese Künstler ist anhaltend. Mein persönlicher Blick richtet sich aber eher auf meine Kinder Rubini und Egon, die in meine Fußstapfen getreten sind. Hier verfolge ich alles mit größtem Interesse, bin erstaunt und natürlich sehr stolz.

Es gibt aber nicht nur Musiker, die man liebt. Ärsche sind auch darunter, kennen Sie welche?

Oh, da muss ich echt überlegen! Ich finde deutsche Countrymusik nicht besonders prickelnd, überhaupt ist Volksmusik nicht so mein Ding. Santiano und diesen Herrn Gabalier und viele andere Schlagerinterpreten finde ich mitunter lächerlich oder auch peinlich, aber deshalb sind sie ja nicht gleich Ärsche. Ärgerlich finde ich Markus Lanz, Mario Barth und Heidi Klum. Aber die singen ja nicht, oder?

Zurück zu Die Zöllner: Ihr erstes Album erschien noch 1990 und war wohl die letzte Veröffentlichung von Amiga. Waren Sie damit glücklich, und konnten Sie dabei mitreden?

Wir hatten nicht gedacht, dass da noch ein Album bei Amiga erscheinen würde und waren nicht so glücklich darüber. Hatten ja auch schon einen Vertrag bei einer westdeutschen Plattenfirma unterschrieben und ihr unser beim Rundfunk der DDR produziertes Material verdealt. Also so ziemlich dasselbe, was auch die Leute von Amiga herausbringen wollten. Wir konnten dann vertraglich festhalten, dass die Auflage auf 5.000 Stück limitiert wurde. Unser erstes Album ist heute ein begehrtes Sammlerstück. Kurz darauf erschien »Café Größenwahn« mit fast identischem Material beim Label Musicolor. Es hat sich immerhin auch noch mal 25.000fach verkauft. Wir hatten also einen ganz guten Start in die neue Welt.

So waren Dirk Zöllner und Band gerettet. Was hätte außerdem in die neue Zeit gerettet werden können?

Unterstützung für alternative Künste, außerhalb der üblichen Musikverwurstung. Die gab es in den 90er Jahren noch, da der knallharte Kapitalismus noch längst nicht so fortgeschritten war. Ach, was hätte gerettet werden können? Ich bin es müde, nach hinten zu sehen, und kann nur sagen, dass ich ganz vieles nicht brauche von diesem ganzen Klimbim, der mich heute umgibt. Der mich regelrecht belästigt. Immer mehr. Unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten ist schwachsinnig.

Werden Sie immer noch als Ostrocker bezeichnet, und nervt die Bezeichnung mittlerweile?

Mich hat das mal genervt, doch jetzt ist es mir völlig schnurz. Die Leute, die Medien brauchen Schubladen. Und wenn es dabei behilflich ist, nicht in diesem ganzen Kladderadatsch der Bedeutungslosigkeit zu versinken, soll es mir sogar recht sein.

Im Radio finden Dirk Zöllner und Co. leider nicht statt, obwohl Sie mit mehreren Projekten punkten könnten. Die einzigen Gruppen, die noch ab und an gespielt werden, sind City, Karat und die Puhdys. Sollte das verboten werden, und sollte man dafür die Zöllner oder die 3HIGHligen in die Rotation einfügen?

Ja, das sollte unbedingt verboten werden. Polizeilich! Aber mal im Ernst: Wir leben im fortgeschrittenen Kapitalismus, und an allen privaten Musikabspielstationen sind natürlich die drei verbliebenen Majorlabel irgendwie beteiligt und bestimmen, was gespielt wird. Die öffentlich-rechtlichen Medien können nicht gegenhalten und übernehmen einfach die Programme der privaten Sender, damit sie nicht endgültig in der Bedeutungslosigkeit versinken. Ihr Gegenprogramm ist maximal die Nostalgie: Sie baden die Alten im Soundtrack ihrer Jugend und erreichen so die über Leben und Tod bestimmende Quote. Ich und meine Musik taugen nicht wirklich zur DDR-Nostalgie, denn Die Zöllner gibt es ja erst seit 1988. Wir waren die letzten Newcomer, hatten genau zwei Lieder im Land vor unserer Zeit laufen: »Käfer auf’m Blatt« und »Viel zu weit«.

Zwei Projekte von Ihnen hatte ich eben erwähnt, außerdem spielen Sie im Duo mit dem Sohnemann. Wie entstehen die Ideen, und wie kam die Zusammenarbeit mit Dirk Michaelis und André Herzberg zustande, mit denen Sie bekanntlich als Die 3HIGHligen musizieren?

Die Auftritte mit meinem Sohn Egon sind sporadisch. Meine Tochter Rubini war dagegen bis vor kurzem Backgroundsängerin bei Die Zöllner, hat es aber vorgezogen, während der Pandemie ein Baby zu bekommen, mich also zum Opa zu machen. Finde ich klug und gut! Die Ideen kommen von Gott, und manchmal sind sie so gut, dass man sich daran festhält. Der Ursprung der Zusammenarbeit mit André Herzberg und Dirk Michaelis heißt Freundschaft. Vor allem in den 90er Jahren haben wir viel Zeit miteinander verbracht, Pläne geschmiedet und eben die 3HIGHligen gegründet. Wir touren meist im Januar. Mittlerweile sehen wir uns nur noch auf diesen Konzerttouren. Wir sind nicht nur musikalisch sehr unterschiedlich, sondern auch charakterlich. Man sagt, der Mensch wird im Alter toleranter. Eine Volksweisheit, an die ich nicht glaube.

Jetzt sind Sie mit acht Musikern unterwegs, das gemeinsame Dach heißt Die Zöllner. Die Größe der Band ist schon ungewöhnlich. Kann jeder mitreden, oder ist der Namensgeber der Chef?

Ja, es kann jeder mitreden, und das ist mitunter recht anstrengend. Ich bin trotzdem der Chef, aber ein sehr guter. Habe ich denn eine Alternative? Ich verfüge leider nicht über genug bedrucktes Papier, um mir Untertanen zu kaufen.

Wie entstehen überhaupt die Songs, und kann bei Die Zöllner jeder seine Ideen einfließen lassen?

Jeder kann Ideen einbringen. Aber da kommt leider nicht viel. Wenn ich nicht dränge oder ab und zu selbst etwas schreibe, passiert eigentlich nichts. Es ist so wie bei fast allen alten Säcken: Man muss sich von seinem harten Leben erholen und allmählich in die Dämmerung gleiten. Nein! Die anderen Kollegen arbeiten hart als Studiomusiker und Lehrer und spielen nebenher auch noch in anderen Projekten. Ich bin ein Spätpubertierender und muss immer noch gegen den Strom ankämpfen. Zur Zeit aber lieber als Alleinsegler: schreibe Kolumnen, Geschichten, Bücher und arbeite gerade an einem Text für einen Comic.

Sie wohnen in Berlin und erleben gerade eine Bundesliga mit zwei Hauptstadt-Mannschaften. Union oder Hertha? Wobei Union Berlin seit längerem die Nummer eins der Hauptstadt ist.

Ich komme aus dem Osten und wohne dazu noch seit acht Jahren in Köpenick, also in unmittelbarer Nähe zur Alten Försterei. Noch Fragen?

Irgendwie sind Sie 60 Jahre geworden. Macht das Alter angst, und sind Sie mit der Musik des jungen Dirk Zöllner noch einverstanden?

60 ist schon ’ne Hausnummer. Eine Ansage, die ganz schön wuchtig daherkommt! Vieles kann man nicht mehr so selbstverständlich wegstecken, und was man sich sonst so sorglos eingeworfen hat, das ganze Gequalme, die Rotweinverklappung, lässt die roten Lampen angehen. Ich leide seit einem Monat unter einem Drehschwindel, der Körper sehnt sich nach Ruhe und sendet Notsignale. Der junge Dirk will ich nicht mehr sein, denn ich bin musikalisch als auch charakterlich gewachsen.

Wer so erfolgreich Musik macht wie Sie, der könnte sich doch als Star fühlen. Oder stehen Sie eigentlich lieber im Hintergrund und machen alles gemeinsam mit dem Team?

Ich bin lieber Teamplayer. Vor allem mit meinem Keyboarder André Gensicke bin ich sehr verbunden. Für die technischen und organisatorischen Dinge brauche ich Betreuung, also ein Team, das hinter den Kulissen an einer Idee arbeitet. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid ist halbes Leid. Natürlich habe ich ein ausgeprägtes Ego, wie fast alle halbwegs erfolgreichen Selbstdarsteller.

Zum Rockmusiker gehören wohl auch Drogen, so wollen es uns bestimmte Pressorgane und TV-Programme einreden. Welchen Drogen geben Sie den Vorzug?

Meine Hauptdroge ist der Rotwein. Leider rauche ich immer noch, aber nicht stoisch. Wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, nur noch in Maßen. Probiert habe ich vieles, aber vor den harten Drogen habe ich Angst und meide Menschen, die glücksbringende Drogen vorrätig haben. Ganz kann ich den Versuchungen nicht widerstehen, und so ist ein gelegentlicher Joint okay.

Wie erwähnt, machen Sie nicht nur Musik, sondern schreiben mittlerweile auch Bücher …

Vor zehn Jahren erhielt ich ein Angebot vom Eulenspiegel-Verlag für die Veröffentlichung einer Biographie. Mein Ehrgeiz war geweckt, und ich schrieb die Biographie selbst. Es wurde also autobiographisch. Während des Schreibens entdeckte ich die therapeutische Wirkung dieser Arbeit und sehe darin die einzige Alternative zu meiner Arbeit als Musiker.

Die Band Die Zöllner ist mit großer Besetzung beim UZ-Pressefest in Berlin dabei. Wie kam es dazu, gerade bei der kommunistischen Wochenzeitung aufzutreten?

Wie die meisten kreativen Künstler verorte ich mich am ehesten links. Kunst ist auf der Suche nach unbetretenem Land, und das sind die Linken eben auch. Ich spreche nicht von der Partei selben Namens.

Was können die Gäste bei dem DKP-Fest erwarten? Beschränken Sie sich auf das neue Album »Alles auf Anfang«? Oder kommen auch Songs vom musikalischen Anfang?

Es werden Songs aus allen Zeiten zum Vortrage kommen, die in die Zeit passen. Da ist Aktuelles dabei, aber natürlich auch »Best of Zöllner«. Aus dem Land vor unserer Zeit sind vielleicht die beiden bekannten Titel dabei. Mal sehen!

In Sachen Politik kann ein Musiker in dieser Zeit einfach nicht wegsehen. Es herrscht Krieg in der Ukraine, Coronaleugner sind immer noch unterwegs, und die AfD fängt gerade in Ostdeutschland Anhänger. Sehen Sie einen Ausweg? Wie sehen Sie die Lage, und ist der Auftritt bei einem UZ-Fest der erste Schritt in eine ganz neue Richtung?

Kunst ist offen. Und Offenheit ist notwendig, um neue Wege zu beschreiten. Hier sehe ich auch die dringende Aufgabe, die die Linken zu bewältigen haben. Nicht in irgendwelchen persönlichen ideologischen Überzeugungen zu verharren, sondern in der Unendlichkeit des Universums zu suchen. Fakt ist, dass unsere Erde endlich und das unendliche Wachstum damit widersinnig ist. Es geht um die Ideensuche, um die Integration der Schwachen, um Gerechtigkeit. Allen soll es gutgehen und nicht wenigen Menschen immer besser. Aufrüstung und Waffenlieferungen sind nach meiner Überzeugung kein Mittel, um Frieden zu schaffen. Frieden ist alles. Die Egozentrik des Nationalismus ist nicht dazu geeignet, einen Frieden herzustellen, weder im Kleinen noch im Großen.

Mittlerweile gibt es zwölf Alben von Ihnen – ist ein Lieblingswerk darunter oder ein Lieblingssong?

Meine Lieblingsalben sind »Uferlos« von 2012, »In Ewigkeit« von 2015 und »Dirk & Das Glück« von 2017. Mein derzeitiger Lieblingssong ist ein neuer, er heißt »Machandeltal«, und das Antikriegslied »Bleifrei«, mit einem Text von Werner Karma, halte ich derzeit für sehr wichtig.

Was war der schlechteste Job, den Sie machen mussten?

Das Engagement am Neuen Theater Halle 2015 war nicht so leicht für mich. Ich hatte die Rolle eines ehrgeizigen Schauspielstudenten in »Fame«. Die konnte ich meines Erachtens nicht so ganz ausfüllen, und so wurde die Berufung zur Arbeit. Allerdings war ich auch nicht so recht bei der Sache, denn ich litt parallel unter Liebeskummer.

Gibt es in Ihrem Leben etwas zu bereuen?

Es gibt vielleicht Dinge, die ich bedauere. Da ich aber sehr viel Glück hatte und nicht in kriminelle Abgründe gezwungen wurde, gibt es auch nichts zu bereuen.

Dirk Zöllner

Im Herbst 1987 spielten in Berlin der Ex-Chicorée Musiker Dirk Zöllner gemeinsam mit Andrè Gensicke im Duo Lama, um dann nach einem Auftritt im Vorprogramm von James Brown die vielköpfige Band Die Zöllner zu gründen. Seitdem gibt es schwer groovenden, nordamerikanischen Funkrock mit deutschen Texten. Am Sonntag, 28. August, spielt Die Zöllner Bigband um 16 Uhr auf der Hauptbühne des UZ-Pressefest in Berlin-Mitte, der Eintritt ist frei. Zur Einstimmung auf das Konzert seien die energiegeladenen Songs des Albums »Zack! Zack! Zessions« von 2019 empfohlen. Im November soll das neue Album »Alles auf Anfang« erscheinen.

https://die-zoellner.de/

Zuletzt erschien von Dirk Zöllner im September 2020 das Buch »Herzkasper« (Eulenspiegel Verlag, 192 Seiten, 15 Euro). Es sind die philosophischen und zeitdokumentarischen Betrachtungen eines optimistischen Träumers.

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