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Aus: Ausgabe vom 27.07.2022, Seite 12 / Thema
75 Jahre jW

»Suchend und selbstbewusst in Sujets und Sprache«

Die Renaissance der Lyrik in der DDR. Ein Gespräch mit Gerhard Wolf
Interview: Burga Kalinowski
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Im Jahr 1964 brachten Sie »Sonnenpferde und Astronauten« heraus, Untertitel: »Gedichte junger Menschen«.

Das ist die zweite Anthologie gewesen, die erste heißt »Bekanntschaft mit uns selbst«, 1961 war das. Da ist der Werner Bräunig drin, Heinz Czechowski, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Karl Mickel. Volker Braun war dann in »Sonnenpferden und Astronauten« dabei – mit Uwe Greßmann, Sarah Kirsch, Klaus Möckel, auch Wolf Biermann gehörte dazu. Das war das einzige Mal, glaube ich, dass Biermann in einer Anthologie war. »Sonnenpferde« ist eine Metapher von ihm, die »Astronauten« sind von jemand anderem. Beide Anthologien kamen im Mitteldeutschen Verlag heraus.

Da war viel Bewegung.

Ja, eine neue Generation meldete sich. Das waren die, die den Krieg als Kind erlebt hatten, in Nachkriegszeit und DDR-Aufbau erwachsen geworden waren, die lebten mitten im DDR-Alltag und setzten sich mit seinen Alltäglichkeiten und Ansprüchen, mit den Widersprüchen ihres Landes auseinander. Suchend und selbstbewusst in Sujets und Sprache. Die wollten was. Die sahen den Aufbruch zu einem richtigen Sozialismus, kurz, dass eine neue Zeit anbricht, auch eine Zeit für große Talente. So war das. Die konnte ich alle beim Mitteldeutschen Verlag herausgeben, erst diese beiden Anthologien, und die wichtigsten Autoren kriegten dann alle Einzelbände.

Zum Beispiel?

Das war Volker Braun, Bernd Jentzsch, Heinz Czechowski, die Kirschs, Karl Mickel, Adolf Endler, Reiner Kunze.

Das ist ja die Sächsische Dichterschule.

Die ganze Sächsische Dichterschule sowieso und was noch da drumrum war. Das konnte ich alles verlegen.

Da haben Sie schöne Sachen gemacht.

Da konnte man gute Sachen machen. Da kamen auch gute Sachen. Das waren junge Leute, die studierten noch oder arbeiteten. In Arbeitsgemeinschaften junger Autoren und Zirkeln schreibender Arbeiter gestalteten sie zum ersten Mal die DDR als Thema. Engagiert und kritisch. Man konnte »Provokation für mich« von Volker Braun bringen, es war provokativ – und möglich. Oft gab es Schwierigkeiten wegen eines Gedichts. Manchmal hat man dann ein Gedicht rausgenommen, um den Band zu retten. Oder man musste sich einsetzen, um ein Gedicht durchzusetzen, was dann meistens, Gott sei Dank, auch gelang.

War das im Sinne von: Jetzt bauen wir die DDR auf?

Das wäre mir zu einfach. Es war ein Versuch, tatsächlich Wirklichkeit zu erfassen, auch mit kritischen Akzenten und allem, was so passierte. Und da kamen zum ersten Mal diese Talente alle zu Wort. Deswegen die beiden Anthologien. Da war diese Autorengeneration gebündelt. Da sind sicher auch drei bis vier Namen drin, die man heute überhaupt nicht mehr kennt, aber es waren die wichtigen Leute dabei.

Was kennzeichnet DDR-Lyrik?

Die war sehr viel thematischer und gebunden an die Probleme und Konflikte, die sich im Land – und in der Welt – abspielten. Schon 1957 machten wir dazu in der Volksbühne eine Veranstaltung mit Peter Huchel, Stephan Hermlin und Erich Arendt. Von Huchel gab es einen Gedichtband, von Hermlin kam in den 1960er Jahren bei Reclam »Kontur eines Dichters« heraus, als es ihm gar nicht so gut ging. Später erschienen die jüngeren Autoren wie Rainer Kirsch oder Günter Kunert. Überhaupt, der Reclam hat riesige Verdienste, weil er von den wichtigsten Autoren Bücher gemacht hat, die in großen Auflagen dort erschienen und gut gekauft wurden. Bei Lyrik hat man immer gesagt, wenn man 2.000 verkauft, ist man zufrieden. Wenn die zweite Auflage kam, dann war man froh, dass es noch mal weiterging.

Als das Datum für den Beginn der Lyrikwelle in der DDR wird der 11. Dezember 1962 genannt, die Lesung in der Akademie der Künste.

Das war Stephan Hermlin, der dort die Gedichte von jungen Leute vortrug. Die Lesung führte noch am selben Abend zu großartigen Diskussionen, brachte ihm anschließend einigen Ärger ein – und später Lorbeeren.

Worin bestand der Wert dieser Lesung?

Es war die erste, mit der die DDR lyrisch ein Gesicht bekam – in und mit gültigen Gedichten, um es auf einen Satz zu bringen. Was Hermlin da ausgewählt hatte, konnte man alles gelten lassen. Deswegen hatte die Veranstaltung auch so einen Vorbildcharakter.

Was war aus Ihrer Sicht der Impuls für diese Generation?

Dass sie sich mit der Wirklichkeit kritisch auseinander- und gleichzeitig aber für einen besseren Sozialismus, sagen wir mal so, einsetzten. Es war nie ein antisozialistischer Tenor, sondern es war ein kritischer Impuls. Der wurde manchmal natürlich eben gerade verdächtigt, weil er kritisch war. Bei Biermann hat es sich dann in dieser Weise entwickelt, wie wir es gesehen haben. Mit den Jahren wurde die Kritik immer schärfer – bei seinem großen Konzert 1976 in Köln forderte er: Jetzt oder nie, die DDR braucht sozialistische Demokratie.

Und auch: »So oder so, die Erde wird rot.«

Ja, und dann konnte er nicht mehr zurück ins Land. Man hätte den umarmen müssen, hätte ihm einen Preis gegeben – und gut wär’s gewesen. Aber es war so: Wenn irgendwelche Einwände kamen, das hatte selten mit Lyrik zu tun. Es war albern zum Teil, meistens aus einer engstirnigen politischen Sicht, wenig souverän.

Was für ein gesellschaftliches Biotop brauchen junge Leute, um zu dieser Art von Lyrik zu kommen. Was muss passieren?

Auseinandersetzungen. Aufbruch. Die Anstöße damals entstanden auch aus der Abrechnung mit dem Stalinismus durch Chruschtschow auf dem XX. Parteitag und der folgenden Tauwetterperiode. Eine politische Welle, die schließlich auch in der DDR anbrandete. Ihr folgte die große Lyrikwelle in der Sowjetunion, wo öffentliche Dichterlesungen am Majakowski-Denkmal in Moskau mit 50.000 Menschen stattfanden, Tausende junge Leute hörten Jewtuschenko oder dem Dichter Wosnessenski zu und deklamierten die Verse mit – stellen Sie sich das vor. Das fand überall statt, in Stadien, Konzerthallen und Universitäten. Sehr eindrucksvoll.

Auch ein Beispiel für hier?

Auf jeden Fall. Und: Der neue Ton aus der Sowjetunion wirkte über die Literatur hinaus in die Gesellschaften hinein. Ich glaube, diese Entwicklungen übten damals Druck auf den Machtapparat in der DDR aus. Das schwappte über, und plötzlich gab es eine ganze Reihe von Talenten hier, die alle ein bisschen getragen wurden von diesem Ethos: Abrechnung mit Stalin, mit Zensur und überhaupt. Aufbruch eben.

Es gibt ein Archiv, in dem von etwa 100.000 jungen Leuten Briefe und ihre Gedichte aufgehoben sind. So entstand überhaupt die »Poetensprechstunde« der Jungen Welt und daraus die Poetenbewegung.

Ja, die FDJ hat versucht, diese Lyrikbewegung zu übernehmen – zum Teil ist es gelungen, zum Teil nicht. Manchmal waren es ganz gute Veranstaltungen – und auch eine Menge tagespolitischer Schrutz. Darunter wird eine Reihe von Talenten gewesen sein. Das Gros wäre nie zu einer großen Stimme gekommen.

Als Dichterschmiede war das auch nicht gedacht, mehr so als Möglichkeit.

Ja, das auch. Aber ich meine, von der FDJ wurde das instrumentalisiert. Das war politische Lyrik im Sinne der braven DDR. Versuche, die Konflikte, die Wirklichkeit und die Widersprüche in den Vers zu bringen, um das wieder mit so einem einfachen Satz zu sagen.

Dichtung: seine Liebe, seine Arbeit – sein Leben lang. Das wird jetzt schwierig: Ein Leben so vielwegig, offen und grade, soviel erlebt, soviel getan, soviel bewirkt. Hier die Kurzform: Jahrgang 1928, Rilke-Verehrer, 1949 Studium, 1951 Heirat mit Christa Wolf, Brotverdienst als Rundfunkredakteur, Germanistik-Diplom, seit 1957 Schriftsteller, Kritiker, Verleger, 1989/1991 betreut Wolf die Arbeiten der im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ansässigen Gruppe von Lyrikern und DDR-Dissidenten. 1991 gründet er den Verlag »Gerhard Wolf Janus Press«. Schon 30 Jahre zuvor fördert er als Lektor im Mitteldeutschen Verlag junge Lyriker.

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