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Aus: Ausgabe vom 27.07.2022, Seite 8 / Inland
Infektionskrankheit

»Ganze Schwulen-Community wurde mit Stigma belegt«

Berlin ist Hotspot für die sogenannten Affenpocken, hat aber zuwenig Impfstoff. Ein Gespräch mit Christopher Schreiber
Interview: Gitta Düperthal
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Ruf nach Impfstoff auf dem Christopher Street Day (Berlin, 23.7.2022)

Die als »Affenpocken« bekannte Infektionskrankheit ist seit Mai auch in Deutschland virulent. Die einen kritisieren, die Erkrankung werde hauptsächlich Schwulen zugeordnet. Andere wiederum monieren, die Krankheit werde nicht effektiv genug bekämpft, eben weil sie eher Homosexuelle betreffe. Wie werten Sie den Umgang damit?

In der Anfangsphase war es chaotisch. Zum Beispiel hieß es im Mai vom Robert-Koch-Institut, Männer, die Sex mit Männern haben, sollten bei Hautveränderungen »unverzüglich eine medizinische Versorgung aufsuchen«. Das ist Panikmache und stigmatisierend. Denn das Virus interessiert sich nicht dafür, welche sexuellen Vorlieben ein Mensch hat: ob er beispielsweise schwul oder bisexuell ist. Mit dieser unglücklichen Formulierung wurden Stichwörter für die sozialen Medien geliefert. Dort war dann die Rede davon, »die nächste Schwulenpest« gehe um. Tatsächlich geht es aber um das individuelle Sexualverhalten; also um sexuell aktive Menschen mit wechselnden Partnern.

In der Folge wurde die ganze Schwulen-Community mit einem Stigma belegt, ähnlich wie im Fall von HIV oder auch dem Blutspendenverbot für Männer, die Sex mit Männern haben. Auch das wurde später differenzierter gefasst. Dennoch kann man nicht die Augen davor verschließen, dass das Hauptrisiko bei Männern liegt, die häufig gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr haben.

Inwieweit ist die Bezeichnung »Affenpocken« problematisch?

Wir finden den Namen »Affenpocken«, der auf die erste Übertragung des Erregers auf Affen zurückgeht, diskriminierend. Denn damit tun sich Assoziationen mit Tieren und Dreck auf, was dann wiederum mit Schwulen in Verbindung gebracht wird. Wir nutzen statt dessen den aus dem Englischen abgeleiteten Fachbegriff MPX. Wenn sich seitens der Politik nicht genug um effektive Maßnahmen gegen eine Infizierung bemüht wird, könnte das zur Folge haben, dass viele denken: Es trifft ja nur Schwule!

Mit Stand 25. Juli wurden bundesweit mehr als 2.300 MPX-Fälle ans Robert-Koch-Institut übermittelt. Zum Eindämmen soll laut Ständiger Impfkommission zunächst die erste Dosis eines aktuell knappen Impfstoffes verabreicht werden. Wie läuft die Impfkampagne in Berlin an?

Mehr als die Hälfte der bundesweiten Fälle wurden in der Bundeshauptstadt registriert, aber nur 8.000 von insgesamt 40.000 Dosen wurden in einer ersten Tranche an Berlin geliefert. Die Nachfrage ist groß, Schwerpunktimpfpraxen haben nicht genug Stoff. Berliner fahren nach Hamburg, Bayern oder Nordrhein-Westfalen, um sich impfen zu lassen. Gesundheitssenatorin Ulrike Gote von den Grünen steht in der Kritik. Sie muss dafür sorgen, dass die Stadt bei der Verteilung priorisiert wird. Berlin ist ein Hotspot.

Für wie gefährlich erachten Sie die Krankheit?

In den meisten Fällen verläuft sie mild, es besteht kein Grund zur Panikmache. Zum detaillierten Verlauf haben wir keine speziellen Kenntnisse, weil wir nicht medizinisch tätig sind. Zu hören war: Teilweise gibt es grippeähnliche Symptome wie Fieber und Schüttelfrost, die nicht zwangsläufig mit Hautveränderungen einhergehen. Vergleichbar mit Corona ist, dass es mit der Impfung einen milderen Verlauf geben könnte.

Wie könnte besser über die Krankheit aufgeklärt werden, um präventiv zu schützen, ohne zu stigmatisieren?

Gut wäre es, lange im Gesundheitswesen tätige Institutionen und Verbände in die Kommunikation der Impfkampagne einzubeziehen. In Berlin sind das beispielsweise die Deutsche AIDS-Hilfe, die Schwulenberatung und Testcenter von Community-Projekten. Bereits einbezogen ist Checkpoint Berlin, ein Kooperationsprojekt der Berliner AIDS-Hilfe, der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter und der Schwulenberatung Berlin. CSD-Berlin informiert online. Was aus der Community kommt, kommt dort gut an. Rationale Aufklärung sollte mit der Impfung einhergehen.

Christopher Schreiber ist Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin/Brandenburg

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