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Aus: Ausgabe vom 27.07.2022, Seite 4 / Inland
Energieversorgung

Debatte um Comeback von Moorburg

Hamburg: Senatoren uneins über Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerk
Von Kristian Stemmler
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Damals stand das Kohlekraftwerk Moorburg noch unter Dampf – bald womöglich wieder (Hamburg, 25.2.2015)

Die Aufregung darüber, dass die EU-Sanktionspolitik gegenüber Russland Auswirkungen auf die Versorgung mit Gas hierzulande haben könnte, hat längst auch Hamburg erreicht. Im »rot-grünen« Senat der Hansestadt ist ein offener Disput darüber ausgebrochen, ob das erst im vergangenen Jahr stillgelegte Kohlekraftwerk Moorburg wieder hochgefahren werden soll. Die Protagonisten sind der parteilose Wirtschaftssenator Michael Westhagemann und der Umweltsenator Jens Kerstan (Bündnis 90/Die Grünen).

Westhagemann hatte im Interview mit der Welt am Sonntag erklärt, dass er im Falle eines Lieferstopps von russischem Erdgas eine Wiederinbetriebnahme des stillgelegten Steinkohlekraftwerks Moorburg für denkbar halte. Dem Springer-Blatt sagte er: »Spätestens, wenn wir feststellen, dass russisches Erdgas längerfristig nicht mehr fließt, würde ich auch nach Moorburg schauen.« Hamburgs Industrie brauche zwingend sehr viel Energie, Erdgas wie auch Strom. Gasbefeuerte Anlagen, etwa zur Erzeugung von Prozesswärme in der Industrie, ließen sich teilweise auf den Betrieb mit Strom nachrüsten, so der Wirtschaftssenator. Das ergebe aber nur dann Sinn, wenn die Stromversorgung sichergestellt sei.

Mit seinen Äußerungen liegt Westhagemann nicht weit von der Linie des Bundeswirtschaftsministers und Grünen-Politikers Robert Habeck entfernt. Der verkündet seit Wochen, dass die BRD aufgrund des Ukraine-Kriegs weniger Gas aus Russland importieren müsse und dafür Kohlekraftwerke gebraucht würden. In Hamburg zeigte sich Habecks Parteifreund Kerstan allerdings verärgert über Vorstoß seines Kollegen Westhagemann. »Wir brauchen Moorburg auch in dieser krisenhaften Zeit für eine sichere Stromversorgung in Norddeutschland nicht«, erklärte er am Montag gegenüber jW. Schließlich werde derzeit genug Strom produziert, der müsse sogar »abgeregelt« werden, wenn zuviel davon durch Windkraft entstehe. Der Umweltsenator verwies darauf, man könne »überschüssigen Strom aufgrund fehlender Leitungen auch nicht nach Süddeutschland transportieren«.

Das Kraftwerk Moorburg war im Juli 2021 außer Betrieb genommen worden. Seitdem wurden wesentliche Komponenten bereits ausgebaut oder technisch funktionsunfähig gemacht. Der Umweltsenator wies darauf hin, dass das »hochqualifizierte, auf dem Arbeitsmarkt schwer zu findende Personal« nicht mehr vorhanden sei. »Eine Wiederinbetriebnahme der Anlage würde technisch und mit Blick auf die hohen Kosten einem Neubau gleichkommen, und sei damit ausgeschlossen«, konstatierte der Grüne. Er sei sich in dieser Frage mit dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) einig.

Ein weiteres Argument: An dem Standort seien energiepolitische Zukunftsprojekte geplant, »die unverzichtbar und für den Wasserstoffstandort Hamburg von enormer Wichtigkeit sind«. Diese Planungen seien mit engen Zeitschienen verbunden, die ebenfalls eine Wiederinbetriebnahme von Moorburg ausschließen. Kerstan richtete sich auch direkt an seinen Senatskollegen: »Das sollte Senator Westhagemann eigentlich wissen«, sagte er. Am Dienstag sollte das Thema im Senat besprochen werden. Bis jW-Redaktionsschluss lagen noch keine Ergebnisse vor.

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