75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 8. August 2022, Nr. 182
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 27.07.2022, Seite 2 / Ausland
Westlicher Einfluss

»Die Rechte der Tamilen werden nicht anerkannt«

Sri Lanka: Auch nach Rücktritt des Präsidenten halten Proteste an. Tamilische Bevölkerung ist außen vor. Ein Gespräch mit Gajendrakumar Ponnambalam
Interview: Henning von Stoltzenberg
2021-03-23T1228SRI-LANKA-RIGHTS-UN.JPG
Proteste von Tamilen auf Sri Lanka, deren Familienmitglieder während des Bürgerkriegs verschwunden sind (Jaffna, 27.10.2013)

Die Proteste in Sri Lanka halten auch nach dem erzwungenen Rücktritt des Präsidenten Gotabaya Rajapaksa an. Wie erklären Sie sich die Repression gegen die Demonstranten so kurz nach der Ernennung des neuen Präsidenten Ranil ­Wickremesinghe?

Wickremesinghe hat keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Er wurde einfach vom Parlament ernannt und gewählt, davon abgesehen fehlt ihm die Legitimation. Die Menschen im Land sind zu Recht beunruhigt, weil ­Wickremesinghe nur infolge geostrategischer Manipulation der neue Präsident werden konnte. Seine Loyalität gehört nicht der Bevölkerung, sondern seinen Unterstützern in anderen Ländern. Daher zögert er nicht, die Protestcamps und Demonstrierenden angreifen zu lassen.

Wie stark war der Einfluss westlicher Staaten bei der Entstehung der Proteste?

Die Rajapaksas waren nie Fans des Westens, sie haben sich Richtung China orientiert. Indien und der Westen sind in hohem Maße strategische Konkurrenten in der Region und speziell für Sri Lanka. Diese Staaten wollten Gotabaya Rajapaksa zu Fall bringen und ein Regime haben, dass ihnen nahesteht. Daher ist es durchaus möglich, dass Teile der Proteste von westlichen Ländern unterstützt worden sind. Es könnte das Interesse des Westens sein, in Zukunft eine sehr schwache Regierung in Sri Lanka zu haben, weil sie dann alle Zusagen bekommen, die sie wollen. Indien und der Westen trauen den Rajapaksas nicht, sie kontrollieren aber noch immer das Parlament.

Sie sind der Meinung, dass die Rajapaksa-Famile immer noch großen Einfluss hat?

Absolut. Die Regierung von Ranil Wickremesinghe kann nicht einen Tag ohne sie existieren.

Wie ist die Situation der tamilischen Bevölkerung in dieser Krise?

Sie ist von der Entwicklung vielfach betroffen. Während des Bürgerkrieges gab es einen Genozid an den Tamilen, und nach dem Krieg wurden wir bewusst in Armut gehalten. Der Staat hat keine Hilfe geleistet. Die tamilischen Gebiete im Norden und Ost waren jahrzehntelang vom Bürgerkrieg betroffen. Die lokale Wirtschaft wurde in der Folge zerstört, es gab keinen Schutz mehr. Der Staat erlaubte es den Singhalesen im Süden nach Kriegsende, die tamilischen Gebiete mit ihrem Kapital wirtschaftlich zu übernehmen. Wir sind in einer sehr schlechten Situation angesichts der Wirtschaftskrise. Ohne die Unterstützung aus der Diaspora würden die Menschen verhungern.

Warum hat sich die tamilische Bewegung nicht an den Protesten beteiligt?

Es ist bekannt, dass sich die singhalesische Bevölkerung bei den Wahlen vor zwei Jahren mit einem überwältigenden Ergebnis für Gotabaya Rajapaksa als Präsidenten ausgesprochen hat. Die tamilische Bevölkerung hatte gegen ihn gestimmt. Eigentlich sollten wir in der ersten Reihe der Proteste stehen, aber aktuell spielen unsere Interessen dort keine Rolle. Ich wünschte, der Protest würde inklusiv wirken und das gespaltete Land vereinen. Unglücklicherweise ist das nicht passiert. Die Protestierenden kommen aus dem Süden und treten für ihre Belange ein.

Die meisten Demonstranten erkennen nicht, warum Sri Lanka in dieser Situation ist: der Schuldenberg, Misswirtschaft, Korruption, Inflation und dazu der falsche Fokus auf eine militärische statt eine politische Lösung der tamilischen Frage. Die Rechte der Tamilen unter anderem auf Selbstbestimmung werden bei den Protesten nicht anerkannt.

Welche Botschaft wollen Sie der internationalen Öffentlichkeit und linken Bewegungen in Europa vermitteln?

Die progressiven Bewegungen auf der Welt sollten ihre Augen öffnen für den Kampf des tamilischen Volkes. Die Ironie ist, dass die Länder mit fortschrittlichen Regierungen die auf Genozid orientierte Politik der Rajapaksas in der Vergangenheit unterstützt haben. Das war und ist vollkommen falsch. Daher muss die globale Linke ihre Strategie in Sri Lanka überdenken. Unser Recht auf Selbstbestimmung wurde untergraben, was auch gegen internationales Recht verstößt. Die Welt soll wissen, dass Gotabaya Rajapaksa vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Völkermordes angeklagt werden muss.

Gajendrakumar Ponnambalam ist Präsident der TNPF (Tamil National Peoples Front) und ­Abgeordneter im Parlament von Sri Lanka

Sommerabo

Die Tageszeitung junge Welt ist 75 Jahre alt und feiert dies mit dem Sommeraktionsabo. Du kannst 75 Ausgaben für 75 Euro lesen und täglich gut recherchierte Analysen zu tagesaktuellen Themen erhalten. Schenke dir, deinen Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen oder Verwandten ein Aktionsabo und unterstütze konsequent linken Journalismus.

Regio:

Mehr aus: Ausland