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Aus: Ausgabe vom 23.07.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Riesensprünge rückwärts

1916 setzte sich Lenin mit der These Rosa Luxemburgs in ihrer »Junius«-›Broschüre auseinander, im Imperialismus könne es keine nationalen Kriege geben. (Teil II)
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Umschlag vom nationalen Befreiungskrieg zum imperialistischen Angriff: Napoleon marschierte 1808 in Spanien ein (Olivier Pinot, 1850)

Von den irrigen Auffassungen Junius’ ist die erste in der 5. These der Gruppe »Internationale« festgelegt: »... In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen Kriege mehr geben. Die nationalen Interessen dienen nur als Täuschungsmittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu machen ...« Der Anfang der 5. These, die mit diesem Satz endet, ist der Charakteristik des jetzigen Krieges als eines imperialistischen gewidmet. Es ist möglich, dass die Verneinung nationaler Kriege schlechthin entweder ein Versehen oder aber eine zufällige Übertreibung bei der Betonung des völlig richtigen Gedankens ist, dass der jetzige Krieg ein imperialistischer und kein nationaler Krieg ist. (...)

Junius hat vollkommen recht, wenn er den entscheidenden Einfluss des »imperialistischen Milieus« im jetzigen Krieg hervorhebt, wenn er sagt, dass hinter Serbien Russland, »hinter dem serbischen Nationalismus der russische Imperialismus steht« und dass die Teilnahme beispielsweise Hollands am Krieg ebenfalls imperialistischen Charakter trüge (...).

Ein Fehler wäre es nur, wollte man diese Wahrheit übertreiben, von der marxistischen Forderung, konkret zu bleiben, abweichen, die Einschätzung des jetzigen Krieges auf alle im Imperialismus möglichen Kriege übertragen und die nationalen Bewegungen gegen den Imperialismus vergessen. Das einzige Argument zur Verteidigung der These »nationale Kriege kann es nicht mehr geben« ist, dass die Welt unter ein kleines Häuflein imperialistischer »Groß«mächte aufgeteilt ist und dass darum ein jeder Krieg, sei er auch ursprünglich ein nationaler Krieg, in einen imperialistischen Krieg umschlägt, da er die Interessen einer der imperialistischen Mächte oder Koalitionen berührt.

Die Unrichtigkeit dieses Arguments ist augenfällig. Selbstverständlich ist es ein Grundsatz der marxistischen Dialektik, dass alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind, dass es keine einzige Erscheinung gibt, die nicht unter gewissen Bedingungen in ihr Gegenteil umschlagen könnte. Ein nationaler Krieg kann in einen imperialistischen umschlagen und umgekehrt. Ein Beispiel: Die Kriege der Großen Französischen Revolution begannen als nationale Kriege und waren auch solche. Diese Kriege waren revolutionär, sie dienten der Verteidigung der großen Revolution gegen eine Koalition konterrevolutionärer Monarchien. Als aber Napoleon das französische Kaiserreich errichtete und eine ganze Reihe seit langem bestehender, großer, lebensfähiger Nationalstaaten Europas unterjochte, da wurden die nationalen französischen Kriege zu imperialistischen, die nun ihrerseits nationale Befreiungskriege gegen den Imperialismus Napoleons erzeugten.

Nur ein Sophist könnte den Unterschied zwischen einem imperialistischen und einem nationalen Krieg mit der Begründung verwischen, dass der eine in den anderen umschlagen kann. Die Dialektik hat mehr als einmal auch in der Geschichte der griechischen Philosophie als Brücke zur Sophistik gedient. Wir aber bleiben Dialektiker, wir bekämpfen die Sophismen nicht dadurch, dass wir die Möglichkeit jedweden Umschlagens überhaupt leugnen, sondern indem wir das Gegebene in seinem Milieu und seiner Entwicklung konkret analysieren.

Dass der gegenwärtige imperialistische Krieg, der Krieg von 1914 bis 1916, in einen nationalen Krieg umschlägt, ist deshalb in hohem Grade unwahrscheinlich, weil die Klasse, in der sich die Vorwärtsentwicklung verkörpert, das Proletariat ist, das objektiv danach strebt, diesen Krieg in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie umzuwandeln, ferner aber auch deshalb, weil die Kräfte beider Koalitionen sich nur unerheblich voneinander unterscheiden und das internationale Finanzkapital überall eine reaktionäre Bourgeoisie geschaffen hat. Aber man kann ein solches Umschlagen nicht für unmöglich erklären: wenn das Proletariat Europas auf 20 Jahre hinaus ohnmächtig bliebe; wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endete; wenn der außereuropäische Imperialismus (der japanische und der amerikanische in erster Linie) sich ebenfalls noch 20 Jahre halten könnte, ohne, z. B. infolge eines japanisch-amerikanischen Krieges, in den Sozialismus überzugehen, dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich. Das wäre eine Rückentwicklung Europas um einige Jahrzehnte. Das ist unwahrscheinlich. Es ist aber nicht unmöglich, denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.

Wladimir Iljitsch Lenin: Über die Junius-Broschüre. Sbornik Sozialdemokrata Nr. 1, Oktober 1916. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke Band 22. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 313–315

Teil I dieser Serie erschien in der jW-Wochenendbeilage vom 16./17. Juli

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