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Aus: Ausgabe vom 02.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Lieber allein

Könnte weh tun: Die traurigen Songs der melancholischen Band Husten
Von Christina Mohr
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Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und Tobias Friedrich von der Band Husten

Dass Gisbert zu Knyphausen einer der klügsten und deshalb auch melancholischsten, nein, sagen wir ruhig traurigsten Songschreiber hierzulande ist, weiß man seit Platten wie »Hurra! Hurra! So nicht« und seiner Zusammenarbeit mit dem vor zehn Jahren gestorbenen Nils Koppruch als Duo Kid Kopphausen. Es gibt vom Freiherr aus Eltville (ein Titel, auf den er keinen gesteigerten Wert legt) kaum ein Lied ohne Zweifel, Tod und Depressionen – und doch singt er »mit einer Haltung, die ihn an ein Morgen glauben lässt«, wie Sven Regener mal über Knyphausen befand.

In den Songs seiner »Supergroup« Husten, die neben ihm aus Moses Schneider und Der Dünne Mann aka Tobias Friedrich besteht, geht es trotz juxverheißendem Bandnamen ähnlich schwermütig zu. Oder, in den Worten von Gastsängerin Sophie Hunger über den gemeinsamen Song »Dasein«: »Das wird künftig bestimmt viel auf Beerdigungen gespielt.« Wurde ja auch Zeit, dass es eine Alternative zu »I Will Always Love You« oder »My Way« gibt.

Sah das ursprüngliche Konzept von Husten vor, jährlich lediglich eine EP zu veröffentlichen und niemals live zu spielen, kippt es die Band nun mit dem Album »Aus allen Nähten« selbst. Einzig die Konzerte stehen noch unter schlechten Vorzeichen, mussten aus gesundheitlichen Gründen abgesagt oder verschoben werden. Aber »Aus allen Nähten« ist sowieso eine Platte, mit der man lieber allein sein möchte, während man z. B. den Kleiderschrank des gerade verblichenen Vaters ausräumt oder ähnlich deprimierenden Dingen nachgeht. »Der hier wird wehtun« heißt das Lied für diese Situation, aber auch »Jeder zerbricht irgendwann« passt – Husten fischen aus einem unerschöpflichen Fundus schwieriger Themen, von denen andere gern die Finger lassen.

Knyphausen bringt Begriffe wie »Defibrillator« oder »gelbes Saab-Cabrio« unter, ohne den Flow dieses sehr gut funktionierenden Indierockentwurfs zu zerstören. Denn Rock ist es schon, was Husten musikalisch so machen – aber ähnlich wie Tocotronic, deren Produzent Schneider seit vielen Jahren ist, ohne Dicke-Eier-Verdacht, sondern schön abgefedert durch Klaviereinlagen oder klöngelnde Kirchenglocken wie in »Maria«, dem Lied für eine Tochter, die es noch gar nicht gibt.

Weil Knyphausen doch immer die Balance zwischen Abgrund und Weitermachen findet, beziehungsweise ein Morgen für denkbar hält (s. o.), fühlt man sich in/mit diesen Songs sehr gut aufgehoben. Und manchmal sogar zu Revolutionen angestachelt: In dem auch soundmäßig ziemlich aufmüpfigen »Ja im Sinne von Nein« fordern Husten dazu auf, sich aus Social Media nicht nur halbherzig zurückzuziehen, sondern komplett abzumelden. Was für viele Leute krasser sein dürfte als sterben.

Husten: »Aus allen Nähten« ­(Vikram)

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