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Aus: Ausgabe vom 02.07.2022, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Wann, wenn nicht jetzt?

Tarifverhandlungen für Lufthansa-Beschäftigte vertagt. Zeitpunkt für Streiks selten günstig
Von Alexander Reich
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»Bundesweit fehlen 5.000 Leute«: Lufthansa-Mitarbeiterin am Flughafen München

Der Kranich legt es offenbar darauf an, die Flügel gestutzt zu bekommen. Am Donnerstag wurde in einem Hotel am Flughafen Frankfurt am Main über die Löhne der rund 20.000 Lufthansa-Beschäftigten am Boden verhandelt, ohne Ergebnis. Bis zur vorverlegten zweiten Gesprächsrunde am 13. Juli (statt Anfang August) solle der Konzern ein »verhandlungsfähiges Angebot vorlegen«, forderte am Abend Christine Behle, die Verhandlungsführerin von Verdi.

Die Gewerkschaft fordert 9,5 Prozent mehr Lohn, dabei für jeden mindestens 350 Euro mehr im Monat und einen Mindestlohn von 13 Euro. Laufzeit: zwölf Monate. Sollte die Lufthansa weiter mauern, würden Warnstreiks wohl so manchen Flughafen endgültig kollabieren lassen. Die Friedenspflicht ist seit Donnerstag vorbei.

Der Mangel an Bodenpersonal hat die deutschen Flughäfen ins Chaos gestürzt. Flüge werden gestrichen oder nach ewigen Stunden in Warteschlangen verpasst. Frust wird an den Servicekräften abgelassen, die mit der Abfertigung nicht hinterherkommen. Verdi konstatiert hier »eine drastische Zunahme an psychischer und physischer Gewalt«.

Den Bodendienstleistern fehlen nach Rechnung der Gewerkschaft bundesweit 5.000 Leute. Die Arbeitsverdichtung lässt viele ausfallen. Zur Zeit liegt der Krankenstand bei etwa 20 Prozent. Immer weniger Leute sind immer gestresster. Man kennt diesen Teufelskreis aus anderen Branchen. Aber es gibt Besonderheiten.

Als in der Coronapandemie kaum jemand fliegen wollte oder durfte, strichen Fluggesellschaften Subventionen ein und entließen massenhaft Beschäftigte. Lufthansa erhielt neun Milliarden Euro und baute 35.000 Stellen ab, davon 13.000 in der BRD. In dieser Woche tat Konzernchef Carsten Spohr sich als reumütiger Briefeschreiber hervor. Gegenüber der Belegschaft räumte er die folgenschwersten Fehler ein, als wären es Kavaliersdelikte: »Haben wir es (…) mit dem Sparen an der ein oder anderen Stelle übertrieben? Sicher auch das.« Bei den Kunden konnte er sich »nur entschuldigen« für die verfahrene Situation, die sich »kurzfristig kaum verbessern« ließe, sondern erst zum Winter hin, in dem womöglich wieder kaum geflogen wird.

Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaft ist in dem Tarifkonflikt also selten groß. Die Lufthansa verweist auf ihre hohen Schulden und den hohen Kerosinpreis, mahnt eine »maßvolle Balance« an. Verdi hält dagegen, dass die Beschäftigten nach drei Jahren ohne Lohnerhöhung, zum Teil auch nur mit Kurzarbeitergeld, besonders brutal von der Inflation betroffen sind. Und Verhandlungsführerin Behle hat Einblick in die Geschäftsbücher. Sie ist stellvertretende Vorsitzende nicht nur bei Verdi, sondern auch im Aufsichtsrat der Lufthansa.

Zuletzt hat Verdi einige Arbeitskäm­pfe in der Branche eskalieren lassen. Bei Easyjet in Berlin wurde gestreikt. Am gestrigen Freitag kam es zu einem 24stündigen Ausstand des Wartungspersonals am Flughafen Hamburg. Und im übrigen stehen die Zeichen in halb Europa auf Sturm. British Airways, Ryanair, Brussels Airlines – überall wird zum Teil ausdauernd gestreikt. Gut möglich, dass sie sich in zwei Wochen da einreihen, die so lange zu kurz gekommenen 20.000 Beschäftigten von Lufthansa AG Boden, Lufthansa Technik, Lufthansa Systems, Lufthansa Technik Logistik Services (LTLS), Lufthansa Cargo und Lufthansa Servicegesellschaft (LSG).

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