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Aus: Ausgabe vom 17.06.2022, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Folgen des Ukraine-Kriegs

Gas wird knapp

Nord Stream 1 könnte ausfallen. Habeck ruft erneut zum Energiesparen auf
Von Raphaël Schmeller
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Kommt hier bald nichts mehr an? Gasempfangsstation der Pipeline Nord Stream 1 in Lubmin

Die Situation in Sachen Gasversorgung wird langsam »ernst«. Das gab am Donnerstag auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grüne) zu. Seinem Ressort zufolge ist die Versorgung momentan weiter gewährleistet. »Aktuell können die Mengen am Markt beschafft werden, wenn auch zu hohen Preisen«, hieß es auf eine dpa-Anfrage aus dem Ministerium. Aber auch die Bundesnetzagentur zeigte sich »besorgt«.

Hintergrund ist, dass der russische Energiekonzern Gasprom seine Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland weiter reduziert hat. Gasprom hatte am Mittwoch angekündigt, ab Donnerstag täglich nur noch maximal 67 Millionen Kubikmeter statt der vorgesehenen 167 Millionen Kubikmeter durch die Leitung pumpen zu können. Begründung: Wartungsarbeiten an einer Gasturbine durch den deutschen Konzern Siemens Energy können aufgrund der westlichen Sanktionen nicht rechtzeitig abgeschlossen werden.

Die Lage dürfte sich weiter verschärfen. Am Donnerstag meldeten nach der BRD weitere EU-Staaten »Unregelmäßigkeiten« bei Gaslieferungen aus Russland. Ein Sprecher des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV teilte mit, Gasprom habe über eine Reduzierung informiert. Der tschechische Versorger CEZ berichtete von Einschränkungen, die mit technischen Problemen zusammenhingen. Und der slowakische Gasimporteur SPP hatte bereits eine Reduzierung von rund 30 Prozent festgestellt.

Der russischen Nachrichtenagentur RIA zufolge könnten die Gaslieferungen in die BRD durch Nord Stream 1 komplett ausgesetzt werden. Die Agentur zitierte dementsprechend den russischen Botschafter bei der EU. Auch hier wurde zur Begründung auf Probleme bei Reparaturen verwiesen.

Angesichts der Lage rief Habeck erneut zum Energiesparen auf. In einem am Mittwoch abend über Twitter verbreiteten Video sagte er: »Es ist jetzt der Zeitpunkt, das zu tun. Jede Kilowattstunde hilft in dieser Situation.« Der Bundeswirtschaftsminister vermutet hinter der Drosselung der Gaslieferungen eine »politische Entscheidung« Moskaus. »Wir müssen wachsam sein. Wir müssen konzentriert weiterarbeiten. Vor allem dürfen wir uns nicht spalten lassen. Denn das ist das, was Putin vorhat.«

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (17. Juni 2022 um 10:45 Uhr)
    Habecks Weitsichtigkeit und fundierte Wirtschaftspolitik beweist: »Der Bundeswirtschaftsminister vermutet hinter der Drosselung der Gaslieferungen eine ›politische Entscheidung‹ Moskaus. ›Wir müssen wachsam sein.‹« Ihm fällt nicht ein, dass ausgerechnet an dem Tag, an dem Olaf Scholz und Mario Draghi Kiew besuchen, Russland die Gaslieferungen nach Deutschland und Italien verringert. Es ist kein Zufall, schließlich ist die betroffene Turbine bereits seit längerem ausgefallen, und bis jetzt gab es nicht das kleinste Problem, die Liefermengen trotzdem aufrechtzuerhalten. Zudem hätte Russland natürlich die Möglichkeit, die Lieferungen über andere Routen zu kompensieren. Was ist aber, wenn die Gaslieferungen in die BRD durch Nord Stream 1 komplett ausgesetzt werden? Sparen allein reicht bei weitem nicht aus. Dann erweisen sich die Westsanktionen gegen Russland als selbst verbocktes Eigentor, weil beim Energiepoker Moskau die besseren Karten hat. Darum wird Russland mit ihrer Energiemacht Verunsicherung weiter schüren und treibt dabei die Gaspreise hoch in der Hoffnung, dass die Westverbraucher irgendwann nicht mehr bereit sind, ihn zu zahlen. Denn dann würde Deutschland bei einer weiteren Gasreduzierung mit einem Energiedefizit konfrontiert, das die gesamte Wirtschaft und alle Haushalte betreffen würde und könnte in Notversorgungslage landen. Das ist längst bekannt, das weiß aber auch Putin.
  • Leserbrief von Volker Möller aus 10717 Berlin (17. Juni 2022 um 10:14 Uhr)
    Es wird jedenfalls im nächsten Winter noch spannend werden, wenn unser fachlich über alle Zweifel erhabener Wirtschaftsminister vor dem Hintergrund der betriebsbereiten Nord-Stream-2-Pipeline seine Exzellenz weiterhin auf Putin-astrologische Deutungsversuche und duschkopf-strategische Realsatire fokussieren wird, während sich zugleich die verbliebenen und personell unterbesetzten Krankenhäuser nicht nur wieder mit den neuen Coronaopfern unserer Profite-über-Leichen-Politik, sondern darüber hinaus auch mit den Erfrierungssymptomen unserer russophoben Energiepolitik auseinandersetzen müssen.

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