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Aus: Ausgabe vom 15.06.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Soldaten als Fahrer

Lkw-Lenker-Streik in Südkorea: Regierung setzt Armee ein, damit Lieferketten nicht zusammenbrechen
Von Bernd Müller
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Lkw-Fahrer streiken am Dienstag in Gwangju

Die Lkw-Fahrer in Südkorea streiken und bringen das Land gehörig durcheinander. Erstmals setzte die Regierung am Montag nun das Militär ein, damit die Lieferketten nicht zusammenbrechen. Mit etwa 100 Lastkraftwagen sind seitdem Soldaten auf den Strecken von und zu wichtigen Häfen unterwegs (siehe Meldung in jW vom 11.6.). Vor allem Container werden transportiert.

Zum Streik aufgerufen hatte die rund 22.000 Mitglieder zählende Cargo Truckers Solidarity Union. Angesichts der stark gestiegenen Kraftstoffpreise fordert sie zum wiederholten Mal höhere Honorare und eine Mindesteinkommensgarantie sowie niedrigere Spritpreise. Vier Verhandlungsrunden mit der südkoreanischen Regierung hatten zu keinem Ergebnis geführt. Schließlich begann der Ausstand am 7. Juli.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters beteiligten sich am Montag mehr als 7.000 Fahrer am Ausstand. Das südkoreanische Verkehrsministerium erklärte demnach, die Gespräche mit der Gewerkschaft fortsetzen zu wollen, um die Situation zu entschärfen.

Mit dem Arbeitskampf wollen die Trucker unter anderem erreichen, dass die Regierung eine Maßnahme aus dem Jahr 2020 fortsetzt, mit der Mindestlöhne auch bei steigenden Spritpreisen angehoben werden. Als Selbständige könnten sie sich sonst kaum noch über Wasser halten. Reuters berichtete von einem Fall, bei dem die Spritkosten eines Truckers um 1.000 US-Dollar pro Monat anstiegen. Bei einem Monatseinkommen von rund 2.300 US-Dollar bleibt dann kaum noch etwas für den Lebensunterhalt und die Familie.

Bislang zeigt sich der konservative Präsident Yoon Suk Yyeol aber wenig geneigt, auf die Forderungen einzugehen. Seine Regierung verwies auf das Parlament und betonte, es sei dessen Aufgabe, die Gesetzgebung zu ändern.

Der Streik hat bereits in wichtigen Industriesektoren deutliche Spuren hinterlassen. Laut Reuters sei nach Schätzungen der Regierung bereits ein Schaden von mehr als 1,2 Milliarden US-Dollar wegen Produktionsausfällen und nicht erfolgter Lieferungen entstanden.

Das nährt wiederum die Sorge um die Auswirkungen des Streiks auf die internationalen Lieferketten. Beim Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) gehe man davon aus, dass die »Störungen in Südkorea« auch bald in Deutschland zu spüren sein könnten, hieß es am Freitag im Handelsblatt. Schließlich sei Südkorea »außerhalb des geografischen Europas der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands«, noch vor Mexiko oder Kanada.

Die organisieren Lkw-Fahrer machten am Montag allerdings deutlich, dass sie sich nicht einfach vertrösten lassen wollen: Sie drohten damit, Kohlelieferungen an ein Kraftwerk zu blockieren, sollte die Regierung ihre Forderungen ablehnen. »Wir denken an eine vollständige Blockade«, sagte der Gewerkschaftsführer Kim Jae Gwang gegenüber Reuters und bezog sich dabei auf die Kohletransporte für ein Kraftwerk in Gunsan.

Bei der Belieferung von petrochemischen Anlagen wollen die Aktivisten etwas nachsichtiger sein. Man wolle hier vorerst etwas Verkehr zulassen, sagte Kim. Man wolle verhindern, dass diese Anlagen geschlossen werden müssten, denn die Wiederaufnahme ihres Betriebs würde viel Zeit und Geld kosten. Sollte sich die Regierung aber nicht verhandlungsbereit zeigen, dann würde die Organisation ihre Haltung »überdenken«.

Auf die heimische Wirtschaft hat der Streik erhebliche Auswirkungen. In der Hafenstadt Incheon wurden nur noch etwa 20 Prozent der Waren transportiert, im Hafen des Industriezentrums Ulsan kam der Containerverkehr vergangene Woche vollständig zum Erliegen. Und in der größten Fabrik des Autobauers Hyundai musste bereits die Produktion halbiert werden. Der Stahlriese Posco musste schon Werke schließen, weil es an Platz für fertige Produkte mangelte.

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