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Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 15 / Antifa
Rechte Gewalt gegen Geflüchtete

Tief sitzender Rassismus

Tagelange pogromartige Ausschreitungen in Arbeitervorort Mannheim-Schönau jähren sich zum 30 Mal. Basisinitiativen mahnen
Von Henning von Stoltzenberg
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Der Kampf um das Grundrecht auf Asyl hält an. Demonstrierende in Bonn (26.5.1993)

Im Zuge des Anschlusses der DDR kam es bundesweit in vielen Städten zu rassistischen Angriffen auf Unterkünfte von Geflüchteten. Am kommenden Wochenende jähren sich die pogromartigen Ausschreitungen von Mannheim-Schönau zum 30. Mal. In der Nacht vom 27. zum 28. Mai 1992 hatten sich mehrere hundert Personen in dem von Armut geprägten Arbeitervorort an der als Geflüchtetenunterkunft dienenden Gendarmerie-Kaserne versammelt. Aus der Menge wurden rechte Parolen skandiert und das Gebäude angegriffen.

Der damalige Oberbürgermeister Gerhard Widder (SPD) hatte in einer Stellungnahme jenen Mob als »beunruhigte Bürger« bezeichnet und Maßnahmen wie die Verstärkung des Pförtnerdienstes gegen »Provokationen und Lärmbelästigung« seitens der Geflüchteten angekündigt. Provokateure und Angreifer wurden nicht belangt. Antifaschistische Demonstrationen hingegen wurden sowohl in Schönau als auch der Innenstadt Mannheims verboten. Eine trotzdem abgehaltene Demonstration am 6. Juni wurde von Polizeikräften zerschlagen. Zuvor war es auch zu Auseinandersetzungen zwischen Antifaschisten und Rechten vor der Unterkunft gekommen.

Michael Dandl, Sprecher der VVN-BdA Baden-Württemberg, hat die Ereignisse noch gut vor Augen. Er reiste damals mit weiteren Antifaschistinnen und Antifaschisten aus Heidelberg an, um sich schützend vor die Unterkunft zu stellen. Dazu kam es nicht, da seine Bezugsgruppe schon auf dem Weg dorthin von rechten Schlägern angegriffen und vertrieben wurde. »Damals kamen Massenhaftigkeit und Entschlossenheit einer wütenden, rassistisch motiviert agierenden Menge vor Ort mit dem durch die ›Wiedervereinigung‹ gepushten deutschnationalen Taumel zusammen. Die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl sollte auf der Straße entschieden werden«, erinnerte sich Dandl am Montag im Gespräch mit junge Welt.

Widder habe damals die propagandistische Linie vorgegeben, nach der die einzige Gefahr von den Geflüchteten ausgegangen sei. Die lokale Presse wie der Mannheimer Morgen habe diese Politik durch ihre damalige Berichterstattung unterstützt. Die Frage, ob es inzwischen eine angemessene städtische Erinnerungskultur in Mannheim gäbe, verneinte Dandl gegenüber jW ausdrücklich. Alle Aufarbeitungen seien antifaschistischen Gruppen und engagierten Einzelpersonen zu verdanken.

Die rassistischen Hetzreden, Angriffe und Ausschreitungen hätten damals einen tief sitzenden Rassismus in der Gesellschaft offenbart, erklärte die Mannheimer Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut (Die Linke) gegenüber jW. In der Folge seien das Asylbewerberleistungsgesetz und die faktische Abschaffung des Asylrechts beschlossen worden. »Als Sprecherin für Migration der Linksfraktion im Bundestag kämpfe ich noch heute gegen die Auswirkungen«, sagte die Abgeordnete am Montag. Es werde Zeit, dass das Recht auf Asyl wiederhergestellt wird, »denn Schutzsuchende brauchen unsere Hilfe und einen gesicherten Aufenthalt«. Das Erstarken der AfD seit 2015 zeige deutlich, dass Rassismus »immer noch tief sitzt bei uns«. Die Antwort darauf könne nur konsequenter Antifaschismus sein.

Die Lokalpolitik tut sich dagegen schwer. Wortgleiche Anträge der Fraktionen Die Linke, Die PARTEI und Tierschutzpartei, des Migrationsbeirats, von Bündnis 90/Die Grünen und SPD sahen eine Gedenktafel vor Ort sowie eine städtische Gedenkveranstaltung vor. Doch die Behandlung der Anträg wurde auf der Sitzung des Hauptausschusses am 5. April von Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) mit Verweis auf die Kurzfristigkeit des Anliegens in die Zukunft verschoben. Verwiesen wurde auf die Aufführung »Brennstoff« am Nationaltheater sowie einen Stadtspaziergang mit Zeitzeugen am Jahrestag.

Unerwähnt blieb die Gedenkveranstaltung »Schönau 92 – nicht vergessen« am 11. Juni von antifaschistischen Gruppen, DIDF, Flüchtlingsrat und weiteren Initiativen. Dort soll in Workshops die Frage gestellt werden, wie Alltagsrassismus bekämpft und Erinnerungskultur sinnvoll gestaltet werden kann, bevor auf dem Podium Betroffene von damals zu Wort kommen.

Details zur Gedenkveranstaltung: schoenau92-nichtvergessen.de

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