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Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 6 / Ausland
Kriegsspiele im Mittelmeer

Sardinien unter NATO-Herrschaft

Marinemanöver des Kriegsbündnisses in Italien: Protest gegen militarisierte Insel und Folgen für Mensch und Natur
Von Gerhard Feldbauer
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Militarisierter Alltag auf Sardinien: Ein BRD-Kriegsschiff liegt in Cagliari vor Anker (13.8.2016)

Unter starken Protesten der Bevölkerung findet seit dem 3. Mai das bisher größte Marinemanöver Italiens im Rahmen der NATO-Übung »Navy Open Sea 22« auf Sardinien statt. Am Kap Teulada an den südlichen Ausläufern der Insel üben mit Italien insgesamt sieben Mitgliedsländer mit mehr als 65 Kriegsschiffen, U-Booten, Flugzeugen, Hubschraubern und 4.000 Soldaten bis Freitag Landeoperationen. Amphibieneinheiten trainieren auf schweren Landungsfahrzeugen das Eindringen in fremde Territorien. Die Kräfte simulieren »hochintensive und sich schnell ändernde Szenarien, anhand derer die Interventionskapazitäten in verschiedenen Bereichen überprüft werden«, berichtete bereits am 17. Mai die staatliche Nachrichtenagentur ANSA. Dazu gehörten »neue Kombinationen des Einsatzes«, darunter die »Expeditionary Advanced Base Operations« (Expeditionskriegführung) der US-Marine, um den Aktionsradius der Seestreitkräfte und damit die Kontrolle strategischer Meere zu erweitern. Die sardische Zeitung Il Riformista verwies auf den unweigerlichen Zusammenhang des Anwachsens der Spannungen zwischen »dem Atlantischen Bündnis und Moskau«.

Höhepunkt des Widerstandes war am Wochenende eine Demonstration von über 600 Menschen in Sant’Anna Arresi bei Teulada. Unter der Losung »Gegen Militärbasen, gegen Waffenfabriken, gegen die NATO und gegen Kriege« forderten Vertreter antimilitaristischer Bewegungen und der sardischen Unabhängigkeitskräfte ein Ende der Kriegsspiele und die Schließung der Truppenübungsplätze auf Sardinien. Angeprangert wurde, dass die Strände während der Gefechtsübungen mit »scharfer Munition« kilometerlang gesperrt seien, Schiffen aller Art der Verkehr verboten ist, echte Bomben und Raketen explodierten und damit die Strände verwüstet würden. Gegenüber der Zeitung L’Unione Sarda kritisierte der Aktivist Mauro Aresu, dass der Krieg in der Ukraine »wahrscheinlich auch teilweise hier auf Sardinien vorbereitet« worden sei, »da die ukrainische Armee hier in den letzten Jahren genau im Hinblick darauf geübt« habe.

Kommunisten, darunter die Kommunistische Wiedergründungspartei PRC, kritisierten, dass Italien »zu einer militärischen Plattform der USA und der NATO im Mittelmeerraum geworden« sei und Sardinien darunter seit Jahren besonders leide. Mit den Militärpolygonen Quirra-San Lorenzo, Capo Frasca und Teulada bestehen dort die größten Stützpunkte des westlichen Kriegsbündnisses in Europa. Auf der Insel haben unter anderem das »Joint Force Command Naples« und das »Rapid Deployable Corps« ihren Sitz. Die parteilose sardische Abgeordnete und Rechtsanwältin Mara Lapia sprach im Parlament von einer »demütigenden Kriegssimulation« und forderte Premierminister Mario Draghi auf, das Land von diesem »sinnlosen Akt der Gewalt«, der die kilometerlangen Küsten in eine »Hölle verwandelt, zu befreien«.

Die Einwohner Sardiniens erinnern sich noch gut daran, dass in den 60er Jahren die deutsche und die italienische Luftwaffe einen gemeinsamen Waffenstützpunkt in Salto di Quirra unterhielten und dazu auf einem etwa 120 Quadratkilometer großen Sperrgebiet der militärische Ernstfall geprobt wurde, beispielsweise der Einsatz in Afghanistan. Dabei wurden neue Waffensysteme getestet, die hochgiftige und krebserregende Stoffe freisetzten, die unter den Anwohnern zu hohen Krebsraten und Missbildungen bei Menschen und Tieren führten. Die Zeitung Antimafia konkretisierte am 18. Mai: Im Zeitraum zwischen 2008 und 2016 seien in dem betreffenden Gebiet 860.000 Schüsse abgefeuert worden, davon 11.875 Raketen, was einer »Menge von 556 Tonnen hochgiftigem Kriegsmaterial« entspreche.

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  • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (26. Mai 2022 um 12:12 Uhr)
    Rüstungsbetrieb gewinnt an Image, titelt der Südkurier (24. Mai 2022) und setzt seine Lobeshymne auf das Rüstungsunternehmen Diehl Defense fort, das seinen Standort Überlingen (Bodensee) beständig erweitert. Zu viele Linke wandeln im Gleichschritt des »Wenn Waffen, dann nur zur Verteidigung«. Vom Vorbehalt, die Lieferung in Kriegsgebiete zu verweigern, hat sich die Ampel in jeweils wechselnden Koalitionen verabschiedet und so darf europaweit und deutschlandweit herumgebombt werden. Solange der Ballermann-Strand, auch als europäische Urinwüste bezeichnet, oder Sylt und Hiddensee nicht betroffen sind. »Ukrainische Frauen können alles stemmen«, jubelt die Tagesschau am 17. Mai 2022 und wertet das Hausfrauenimage auf. Sie putzen die Reste weg, ohne sie unter den Rasen zu kehren. Dafür lassen sie sich die Ukrainerinnen im Kosovo zu Minensucherinnen gegen heimtückische Todesfallen ausbilden. Ukrainische Frauen für diese Aufgabe einzusetzen, war die beste Idee, fabuliert die Tagesschau weiter und lobt: »Ukrainische Frauen können alles stemmen, absolut alles.« Minensuchen statt Studium: Anstasia hat eine neue Aufgabe für sich gefunden – auch um Kinder zu schützen. Heldenmütter wie Lady Di. Ich erinnere an die Opfer von Übungs- und Streumunition, an Menschen, die lebenslang Prothesen tragen müssen. »Noch heute gibt es rund 40 Minenfelder im Kosovo. Relikte aus den Kriegsjahren Ende der 1990er-Jahre«, meldet die Tagesschau und berichtet, dass im August 2010 die »Internationale Streubomben-Konvention in Kraft trat, die Staaten verpflichtete, ihre Lagerbestände zu vernichten.« Nun wissen wir, die Entsorgung der Restbestände findet durch Putin und Selenskij in der Ukraine statt und ist damit auf den ersten Blick die kostengünstigste Konversions-Variante. Mir ist über wirkungsvolle Einmalzahlungen oder Kriegsopferrenten für die Frauen, Angehörigen und gegebenenfalls Hinterbliebenen nichts bekannt. Und sonst? Brennen Felder und Wälder in jedem Jahr nach Krieg und Übungsgeschehen.

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