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Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 1 / Titel
Krankes Kliniksystem

Warteschleife statt Sprechzimmer

Ärzte warnen vor Profitorientierung des Gesundheitssektors. McKinsey sieht großes Kürzungspotential. Beschäftigte wehren sich
Von Simon Zeise
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Digitalisierung als Renditetreiber: Patienten sollen sich per App selbst behandeln

Kapitalismus ist lebensgefährlich. Investoren wollen für ihre Beteiligungen an Kliniken, Praxen und Pflegeheimen hohe Profite erzielen, auf Kosten von Kranken und Personal. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, warnte am Dienstag vor weiter wachsendem wirtschaftlichen Druck auf die Patientenversorgung. Preiswettbewerb, Kosteneffizienz und Renditestreben bestimmten mehr und mehr den Alltag in der Medizin, sagte er am Dienstag beim Deutschen Ärztetag in Bremen. Ärzte würden von Klinikträgern und Finanzinvestoren bei Medizinischen Versorgungszentren zunehmend angehalten, in rein betriebswirtschaftlichen Dimensionen zu denken und nach kommerziellen Vorgaben zu handeln. »Wir dürfen nicht zulassen, dass unser Gesundheitssystem in ein profitorientiertes Franchisesystem umgewandelt wird. Und wir wollen auch keine industriegleichen Abläufe in der stationären Versorgung«, sagte Reinhardt. Der Einfluss von Finanzinvestoren auf ambulante Einrichtungen müsse gesetzlich eingedämmt werden.

Finanzunternehmen sehen hingegen noch großes Kürzungspotential. Die US-Beratungsfirma McKinsey schlägt in einer am Dienstag veröffentlichten Studie vor, weitere 42 Milliarden Euro im Gesundheitswesen für Investoren freizusetzen. Die »Patientenselbstbehandlung« per App und mittels digitaler Diagnosetools soll ebenso ausgeweitet werden wie Onlinesprechstunden und Internetportale für Arzttermine. Wer krank ist, soll sich eben selbst kümmern. McKinsey setzt darauf, die Krise in der medizinischen Versorgung voll auszukosten: »Es gilt jetzt, das im Zuge der Coronapandemie entstandene Momentum zu nutzen und die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems gemeinsam mit allen Akteuren voranzutreiben, um so das volle Nutzenpotential zu realisieren«, heißt es in der Studie.

Der Bundestagsabgeordnete Ates Gürpinar (Die Linke) kritisierte am Dienstag, Digitalisierung an ihrem finanziellen Einsparpotential zu messen, sei kurzsichtig. »Im Gesundheitssystem muss es um Entlastung, Vereinfachung und Umverteilung der Mittel gehen, und hier kann Digitalisierung klug eingesetzt werden – zum Besten der Patienten und Beschäftigten«, sagte Gürpinar gegenüber jW. Er bezweifle allerdings, dass McKinsey diese Zielgruppe im Blick habe. Auch vom Bundesgesundheitsministerium würden die Beschäftigten nicht ausreichend unterstützt. »Diese Leute werden das Gesundheitssystem positiv verändern, McKinsey tut es nicht!«

Denn während die Bundesregierung Investoren die Tür öffnet, bleiben Mediziner und Pflegekräfte außen vor. Die im Bündnis »Bunte Kittel« organisierten Beschäftigten wollten am vergangenen Donnerstag Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eine Petition mit mehr als 52.000 Unterschriften unter dem Titel »Keine Profite mit Krankenhäusern« überreichen. Darin heißt es: »In den letzten Jahren erleben wir eine zunehmende Überführung der öffentlichen Daseinsvorsorge in privatwirtschaftliche Hand.« Mit Einführung der Krankenhausfinanzierung durch Fallpauschalen (DRG-System) habe diese Entwicklung die Krankenhäuser erreicht. Gesundheitsminister Lauterbach hatte den Termin kurzerhand platzen lassen. Die kurzfristige und unpersönliche Absage des Termins zeige erneut, »wie wenig Wertschätzung den Angestellten im Gesundheitssystem seitens der Bundesregierung entgegengebracht wird«, erklärte das Bündnis am Dienstag. Abwimmeln lassen wollen sie sich jedoch nicht: »Hartnäckigkeit und Frustrationstoleranz gehören zu unserem täglich Brot als Personal im Krankenhaus.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (25. Mai 2022 um 19:23 Uhr)
    Wir sollten uns nicht einreden lassen, im Kapitalismus dienten die Medien der Verbreitung der Wahrheit, die Wissenschaft der Erhöhung der Weisheit, die Juristen der Gerechtigkeit, die Soldaten dem Frieden und die Ärzte der Gesundheit ihrer Patienten. Das alles müsste so sein, ist aber nicht so. Denn das Ziel aller Tätigkeit heißt hier und heute Profit und nicht allgemeines Wohlergehen. Dem haben sich alle bei Strafe ihres Unterganges unterzuordnen, ob sie es nun wollen oder nicht. Wir sollten nie davon ausgehen, Medienschaffende, Wissenschaftler, Juristen, Soldaten, Ärzte oder die anderen Akteure der herrschenden Gesellschaft hätten andere Aufgaben, für die sie bezahlt würden. Hehre Ziele kann man viele nennen. An der puren Realität des Alltags nutzen sie sich schneller ab, als man denken kann.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (25. Mai 2022 um 10:14 Uhr)
    »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« (Theodor W. Adorno); so wie es denn auch kein »Gesundheits«-System in einem von Grund auf kranken Gesellschaftssystem geben kann. Wo mit Krankheit exorbitante Profite erzielt werden, ist Gesundheit nicht profitabel und chancenlos. In einem Bordell lässt sich mit »Keuschheit« nun mal kein Geld verdienen. Und der Kapitalismus ist ein einziger Puff!

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