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Aus: Ausgabe vom 25.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Notas de Cuba

Hinter der Hecke

Wie er sich windet: Der Schlauch und die Mauer
Von Ken Merten
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Lenin-Monument von Lew Kerbel im Lenin-Park, Havanna

Merke: Ein Moskitonetz funktioniert nur dann, wenn die Mücken auf der Außenseite sind. Ich zerquetsche drei, mein Blut klebt an meinen Händen.

Es ist die Zeit im Jahr, in der Mangos von den Bäumen fallen. Man will sie nicht auf den Kopf haben. Das Warten auf die Guagua ist mit Gefahr und Glück verbunden, denn vor wem die Mango herunterfällt, dem gehört sie dann.

Ich hatte einer Freundin versprochen, einer Bekannten von ihr Euros mitzubringen, also fahre ich von der technischen Uni aus stadteinwärts. Die Wohnung der Bekannten ist im elften Stock. Kein Fahrstuhl. Sie selbst ist grad nicht da. Ihr Mann öffnet mir, ja, ich hätte gern etwas Wasser, ja, gerne kalt. Während ich trinke, schaue ich aus dem Fenster: zuerst ein Hotelpool, mit einem einsamen Touristen, der rückenschwimmend seinen Bauch gen Himmel reckt; dahinter ein Streifen vom Malecon mit dem glattgelaufenen Gehweg und den Anglern, die auf der Ufermauer stehen, dann das Meer, ein kleines Boot der Marine. Ich übergebe das Geld, wir reden kurz über die Explosion im Hotel »Saratoga«. Er sagt, er habe die Erschütterung gespürt, da sei er sich ganz sicher. Treppab zwickt das linke Knie.

Die anderen warten im John-Lennon-Park. Neben der auf einer Bank plazierten Bronze des Beatle sitzt niemand. Wer will sich auch zu einem ekligen Hippiearsch setzen, selbst wenn der aus Metall ist? Auch die Decathlon-Turnbeutel voll siebenjährigem Havana Club schleppende Französin, von der ich ein Foto machen soll, bleibt stehen und hält Abstand zur Figur. Lennons Gesicht schaut ausladend aus, selbstzufrieden, die Welt egal; die Markenzeichenbrille auf, dahinter ein so pazifistischer wie sexualisierter Schlafzimmerblick, der verrät: Da ist jemand mit seinen Vorstellungen für sich und völlig okay damit.

Ein Hund kommt vorbei und will Streicheln von uns. An seiner linken Flanke sind zwei Flecken im Fell, die ein »P« und ein »O« bilden. Wir haben also einen Namen für ihn.

Was tun? Wir wollen in den Botanischen Garten und können nicht. Donnerstags geschlossen. Also fahren wir in den Leninpark südlich der Stadt.

470 Hektar groß. Vor ziemlich genau 50 Jahren eröffnet. Es gibt dort »Mariposa«, einen Park im Park mit Riesenrad und Achterbahn. Der wird gerade umgebaut und ist menschenleer. Der Bambus am Straßenrand knarzt im Wind. Am Rodeo biegen wir rechts ab, dort ist das Lenin-Monument ausgeschildert. Vorher kommen wir an einem Amphitheater vorbei. In Stein gehauene Sitzschalen. Die Bühne steht auf Pfählen im Wasser. Seerosen. An einer freien Stelle wird gebadet. Einer von uns geht mit. Fürs Hineinrutschen ins Wasser amüsant, aber zum Aussteigen hat das Wasserbecken einen unglücklichen Winkel. Er muss zu viert herausgezogen werden.

Wir verpassen die Abbiegung zum Monument und laufen zu weit. Das stellen wir erst fest, als wir am »Salón Celía Sánchez Manduley« stehen und uns das in den Stein eingelassene Denkmal der Revolutionärin (1920–1980) anschauen: Bronze, menschengroß, die Dreidimensionalität nur angedeutet, darunter das Grab von Celía Sánchez. Hier hatte man sich damals mit Schießübungen auf die Erstürmung der Moncada-Festung vorbereitet.

Die Angestellte des Salons gibt uns Wasser, erzählt uns, dass sie eine Cousine bei der Gasexplosion nahe des Capitols verloren hat, empfiehlt uns als Lektüre die Bibel, ruft »Viva Cuba!« und vertröstet uns auf den nächsten Tag, da wäre der Salon auch offen, wir sollen dann wiederkommen. Als wir uns verabschieden, wissen alle, dass wir das nicht tun werden.

Das Lenin-Monument erinnert nicht von ungefähr an den Thälmann in Prenzlauer Berg und den Marx-Kopf im heutigen Chemnitz: Es wurde ebenfalls vom sowjetischen Künstler Lew Kerbel entworfen. Lenin aus Marmor im Halbprofil. Dass das am Sockel eingravierte Zitat von Fidel Castro ist, muss man wissen, oder man muss nahe heran, der Name wird unglücklich von einer Hecke verdeckt. Da steht: »Lenin war vom ersten Moment an nicht nur ein politischer Theoretiker, sondern auch ein Mann der Tat, ein Mann der fortwährenden und unermüdlichen revolutionären Praxis.«

Das Wasser, das wir bekommen haben, ist schon wieder alle. Im Knie pikst es wieder. Auf dem Rückweg hält wer hinter uns und spricht uns in perfektem US-Englisch an, fragt, ob wir uns verlaufen hätten. Wir antworten auf Spanisch, wir wüssten schon, wohin.

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