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Aus: Ausgabe vom 31.03.2022, Seite 15 / Medien
Apologeten der NATO

Beispiellose Kriegstreiberei

Bürgerliche Medien in BRD drängen auf Zuspitzung des Ukraine-Konflikts. Spiegel an vorderster Front
Von Kristian Stemmler
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Seit mehr als einem Monat hält eine Ukraine-Berichterstattung an, die das Land in kollektive Dauererregung versetzt

Dank hoher Auflagen und Einschaltquoten waren die deutschen Leitmedien, allen voran ARD, ZDF, Spiegel, FAZ, Bild und Co., auch schon vor dem Ukraine-Krieg in der Lage, bestimmte Lesarten wichtiger Ereignisse durchzusetzen. Was aber seit Beginn des russischen Angriffs inszeniert wird, dürfte beispiellos sein. Seit mehr als einem Monat hält eine Berichterstattung an, die das Land in kollektive Dauererregung versetzt. Sondersendungen im TV, Liveticker im Internet, eine Talkshow zum Thema nach der anderen – war der Umfang der Berichterstattung in den ersten Tagen noch einigermaßen nachvollziehbar, so hat dieser längst jedes Maß verloren. Das zeigt etwa ein Blick auf den Jemen-Krieg, der fast 380.000 Todesopfer forderte und den meisten Medien schon lange kaum noch eine Notiz wert ist.

Das Problem ist dabei nicht der Umfang der Berichterstattung, sondern deren erschreckend homogene Ausrichtung. Journalisten der bürgerlichen Medien verhalten sich so gut wie ausnahmslos, als hätten sie vor Dienstantritt Befehle im Brüsseler NATO-Hauptquartier abgeholt. So ergaben sich reihenweise absurde Situationen, in denen die Journaille die Politik vor sich hertrieb. Vertreter der Regierungsparteien wurden inquisitorisch befragt, warum sie nicht bereit seien, eine Flugverbotszone über der Ukraine durchzusetzen oder Kampfflugzeuge zu liefern. Politiker von SPD und Bündnis 90/Die Grünen standen plötzlich wie Friedenstauben da. Pensionierte Generäle mussten sich gegenüber Talkmasterinnen dafür rechtfertigen, dass sie davon abrieten, einen dritten Weltkrieg auszulösen.

Auch Willi van Ooyen vom bundesweiten »Friedensratschlag« hat beobachtet, dass es zuletzt »der publizistisch wichtige Sektor« gewesen sei, so etwa »Tagesschau« und »Tagesthemen« der ARD, der »auf weitere Zuspitzungen gedrängt hat«. Offenbar scheine man dort zu glauben, »eine Kriegsbereitschaft erzeugen zu müssen«, sagte er am Mittwoch gegenüber jW. Warum sich die Journalisten so leidenschaftlich auf die Seite der NATO schlagen, darauf könne er sich auch keinen rechten Reim machen.

Zu den eifrigsten Apologeten der NATO gehört die Redaktion des Spiegels. Anfang des Jahres hatte man dort mit Hetze gegen Russland und einer beispiellosen Dämonisierung des Präsidenten Wladimir Putin die Weichen gestellt. Seit Kriegsbeginn am 24. Februar strickt das Magazin nun am Mythos, der Westen habe sich von Putin einlullen lassen und sei durch den russischen Angriff aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Die Beschlüsse des Brüsseler Sondergipfels der NATO zur Verstärkung der sogenannten Ostflanke vor einer Woche bejubelte das Magazin unter der Überschrift »Auferstanden von den Hirntoten«. Die Allianz sei »zurück als Bollwerk des Westens im neuen Kalten Krieg gegen Russland, der sich auch auf China auszudehnen droht«, hieß es. Tatsächlich war die NATO weder jemals weg noch hirntot, sondern hat quicklebendig daran gearbeitet, Russland weiter einzuhegen. Etwa mit der »fünften NATO-Osterweiterung« 2020.

Dirk Kurbjuweit vom Spiegel-Hauptstadtbüro hatte am 18. März unter der Überschrift »Schluss mit dem Schlafwandeln« beispielhaft vorgeführt, wo man landet, wenn man von den ökonomischen und geostrategischen Interessen des US-geführten Westens absieht. Er schwadronierte von einem »Weltprojekt Freiheit«. Allzuoft, so konstatierte der Autor, sei der Eindruck des »Im-Stich-Lassens« entstanden. »Niemand half den Menschen, die hinter dem Eisernen Vorhang Aufstände riskierten, in Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei, in Polen«, so der Spiegel-Mann.

»Der Westen schürt das demokratische Feuer, aber wenn die autoritären Herrscher es austreten wollen, ist ihm die eigene Sicherheit lieber als die Freiheit der anderen, oft auch der eigene Wohlstand«, ging das Lamento weiter. Es sei sehr »schmerzlich«, dass militärisch nicht eingreifen könne, wer keinen Weltkrieg »zwischen dem autoritären und dem demokratischen Lager« riskieren wolle. Den Vogel schoss Kurbjuweit mit der Bemerkung ab: »Im Westen scheut man sich oft, die Dinge klar auszusprechen, weil es dann hässlich wird, weil man sich vom Ideal entfernt.«

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  • Leserbrief von Dr. Gerd Machalett aus Siedenbollentin ( 1. April 2022 um 11:53 Uhr)
    Ohne Fakes geht nichts mehr im Krieg. Die Bedeutung der Informationspolitik in den Medien bei dem Hybridkrieg hat der Westen schon vor Jahren erkannt. Ein einheitliches Narrativ ist für eine Sicht im Gleichschritt in einem Konflikt notwendig. Bereits 2015 wurde in der EU eine Sondereinheit »East Stratcom Task Force« zur Entlarvung und Bekämpfung sowie Unterdrückung von Nachrichten zu bestimmten Ereignissen (insbesondere von »Putins Lügen«) installiert. Ist die Nachricht des ukrainischen Ministers Jaroslaw Deutschenkow im Handelsblatt Anfang dieser Woche ein Fake? In Zusammenhang mit der Besetzung von ausgewählten Atomkraftwerken beim russischen Vormarsch (Saparoschschija und Tschernobyl) behauptete er, dass »Russland das tue, um ›schmutzige« Atombomben gegen die Ukraine zum Einsatz zu bringen«. Als Gegenmittel wird der totale Abbruch des Handels der EU mit Putin, insbesondere mit Energieträgern, empfohlen. Die Russen sehen in der Forderung Selenskijs nach Atomwaffen, die er in seiner Münchener Rede erhob, eine ernste Bedrohung ihrer Sicherheit. Befeuert werden die Sorgen durch nachrichtendienstliche Behauptungen, dass in den Atomkraftwerken darüber hinaus auch waffenfähiges Plutonium aus NATO-Beständen eingelagert sei (wo echte Informationen fehlen, entstehen schnell Gerüchte?). Wenig bekannt dürfte sein, dass die USA bei den Kriegen in Jugoslawien 1999 und im Irak 2003 nachweislich Munition aus »abgereichertem« Uran als panzerbrechende Granaten einsetzten und somit eine flächendeckende Geländeverstrahlung mit schweren Folgen für die Zivilbevölkerung eintrat. Da Uranisotope als Alphastrahler die blutbildenden Organe besonders schädigen, ist der Anstieg von Leukämie und Lymphknotenkrebs in Serbien auf über das Doppelte gegenüber Kontrollgruppen in Europa sowie von genetischen Schäden bei Kindern alarmierend. Im Irak sollen 320 Tonnen des »Todesstaubes« so verteilt worden sein. Der Nachweis von Uran 236 in Serbien erhärtet den Verdacht, dass atomare Brennstäbe darüber hinaus als Atommüll so entsorgt worden sind. Bei den Vorgängen um die Atomkraftwerke ist es möglich, dass den Russen die »schmutzige« Bombe als Propaganda-»Fake« angelastet werden soll.
  • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (31. März 2022 um 12:52 Uhr)
    Als die Coronaberichterstattung begann, war ich über die Wucht und Rücksichtslosigkeit allein der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung direkt von den Isolier- und Intensivstationen erschrocken. Die Folgen der pausenlos gesendeten »Todesszenen« rund um die Uhr dürfte bei Tausenden Kindern, Jugendlichen und betagten Menschen zu psychischen Belastungsstörungen geführt haben. Heute schafft der unbeschränkte Zugang für Mitarbeiter der Printmedien zu sämtlichen Sendeformaten, besonders Talkshows (Will, Maischberger, Lanz, Plasberg oder Phoenix-Runde etc.) ein Meinungsmonopol, gegen das niemand recht ankommt. Es sei denn, man wird gegen den Trend Leser der jungen Welt, »frisst« sich durch das Internet und findet Hinweise auf verschiedene Spin-Doktoren von spezialisierten PR-Agenturen wie Scholz & Friends oder Hill & Knowlton. Meinungsbildende Printmedien, etwa des Redaktionsnetzwerk Deutschland (60 Tageszeitungen, Auflage 2,3 Millionen, erreichen sechs Millionen Leser), die Funke-Mediengruppe (zwölf regionale Tageszeitungen, erreicht 3,3 Millionen Leser täglich), sie haben Bild-Niveau erreicht oder übertroffen. Bild: Auflage 1.129.746 Exemplaren, 8,63 Millionen Leser (Wikipedia). Ob "Tagesschau", "Heute" oder DLF-Nachrichten – die Funke-Mediengruppe und das Redaktionsnetzwerk Deutschland werden zitiert, eingeladen und sind Meinungsbildende bei dem Ruf nach Hochrüstung und hartem Durchgreifen in der Ukraine. Bei Maischberger (30.03.2022) heizten kürzlich frischgeföhnte Journalistinnen die Kriegsbegeisterung der Deutschen kichernd an und forderten das Liefern von mehr und noch mehr sog. Defensivwaffen. Allein Maischbergers Highheels wirkten wie tödliche Dolche. Fast wäre ich geneigt, der Taz-Vertreterin (Herrmann) eine besondere Form der Mordlust zu unterstellen. Es gibt keine Verteidigungswaffen. Gegen Soldaten und Panzer anzurennen endet in den meisten Fällen für alle Zivilisten tödlich. Verantwortungsbewusste Journalisten unterlassen das Aufhetzen von Menschen.

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