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Aus: Ausgabe vom 16.03.2022, Seite 6 / Ausland
Schleppende Aufarbeitung

Nicht akzeptabel

Nordirland: Enttäuschung bei Opfern nach offizieller Entschuldigung zu Misshandlungen in Heimen
Von Dieter Reinisch, Galway
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Schweigeminute im Plenarsaal der nordirischen Versammlung am Freitag in Belfast

Am Freitag hatte das Warten für die Opfer jahrzehntelanger Misshandlungen in nordirischen Heimen ein Ende. Minister aller fünf Regierungsparteien entschuldigten sich bei ihnen und ihren Angehörigen. Trotzdem war die Enttäuschung danach groß.

Bis kurz vor dem geplanten Termin hatten Opfer und Angehörige befürchtet, es könne wieder nicht zu einer offiziellen Entschuldigung kommen. Ihnen war versprochen worden, dass die beiden Regierungschefs einen Bericht über die Misshandlungen in katholischen, protestantischen und staatlichen Heimen veröffentlichen würden. Doch die loyalistisch-unionistische Democratic Unionist Party (DUP) hatte zuvor aus Protest gegen den im sogenannten Nordirland-Protokoll nach dem EU-Austritt Großbritanniens festgeschriebenen Sonderstatus der britischen Provinz eine Regierungskrise provoziert. Anfang Februar war der damalige Regierungschef Paul Givan zurückgetreten, womit auch seine Stellvertreterin Michelle O’Neill (Sinn Féin) ihren Posten verlor. Bis zum Schluss blieb unklar, ob und wer sich entschuldigen werde.

Am Freitag waren schließlich 80 Betroffene und Angehörige in Belfast zusammengekommen. Statt von den Regierungschefs wurden sie von Ministern der fünf Regierungsparteien und Vertretern eines staatlichen, eines protestantischen und vier religiöser Heime empfangen. Nach einer Schweigeminute verlas Bildungsministerin Michelle McIlveen (DUP) eine Erklärung, in der es hieß, »dass es uns leidtut«. Man habe »nicht dafür gesorgt, dass die Heime frei von Hunger und Kälte waren, von Misshandlung und Missbrauch. Es war die Verantwortung des Staates, das zu tun, und er hat Sie, die Überlebenden, im Stich gelassen. Wir haben Sie vernachlässigt, Sie abgelehnt, wir haben Ihnen das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein.« Der Staat habe die Opfer im Stich gelassen. Für die linksrepublikanische Partei Sinn Féin entschuldigte sich Finanzminister Conor Murphy.

Zwischen 1922 und 1995 wurden in den Heimen 10.500 Frauen und ihre Kinder festgehalten. Die Frauen waren zumeist zwischen 19 und 22 Jahre alt, die jüngsten Mädchen waren erst elf. Im Bericht heißt es: »Überlebende berichteten, dass sie zum Putzen, Fußböden polieren und der Arbeit in den Wäschereien bis zum Ende der Schwangerschaft gezwungen wurden.« Infrastrukturministerin Nichola Mallon bestätigte, dass es auch zu Zwangsadoptionen gekommen sei. Knapp 150 Kinder wurden nach Australien verkauft und erfuhren nie, wer ihre leiblichen Eltern waren und ob sie Geschwister hatten.

Der britische Guardian zitierte am Freitag Peter Murdoch, einen ehemaligen Heimbewohner, mit den Worten: »Warum haben sie sich nicht vor 30 Jahren entschuldigt? Damals hätten sie es hoffentlich ernst gemeint. Ich persönlich kann die Entschuldigung nicht akzeptieren.« Auch andere Betroffene äußerten sich ablehnend und enttäuscht. So Margaret McGuckin, die Sprecherin der Opferverbände: »Die Minister und Vertreter der Religionsgemeinschaften wurden gezwungen, hier heute aufzutauchen. Ich glaube, die Minister waren aufrichtig, und sie fühlen unseren Schmerz, aber was die religiösen Orden angeht, glaube ich nicht, dass es so war. Sie kreuzten hier lediglich auf, weil es von ihnen verlangt wurde.«

Die Misshandlungen, die sich über sieben Jahrzehnte in den religiösen und staatlichen Heimen hingezogen hatten, wurden erst durch einen Bericht aus dem Jahr 2017 bekannt, der aus einer Untersuchung über physische, psychische und sexualisierte Misshandlungen in 22 Heimen hervorgegangen war. Der Autor des Berichts, Anthony Hart, forderte damals »finanzielle Entschädigungen, einen Gedenkort und eine öffentliche Entschuldigung für die Opfer«. Es dauerte fünf Jahre, bis sich die Vertreter der Heime und des Staats zu einer Entschuldigung durchringen konnten – Schritte zur finanziellen Entschädigung werden nur zögerlich unternommen.

Shauneen Malone war elf Jahre alt, als sie vom Jugendamt ihren Eltern weggenommen wurde, die darauffolgenden sieben Jahre wurde sie in einem Heim misshandelt. Der Irish News sagte sie: »Wir mussten für diese Entschuldigung betteln, und dann lesen sie einfach vom Papier ab. Ich kann das nicht akzeptieren.«

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