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Aus: Ausgabe vom 03.03.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Hayek-Gesellschaft

»Die Löhne in Deutschland steigen von ganz allein«

Liberalen Ökonomen geht der Kürzungskurs der Bundesregierung nicht weit genug. Ein Gespräch mit Stefan Kooths
Von Simon Zeise
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Stefan Kooths, Vorsitzender der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft

Sie haben jüngst den Austritt Deutschlands aus dem Euro-Raum ins Spiel gebracht. Wäre es nicht besonders für die schwächeren Mitgliedstaaten im Süden Europas gefährlich, einen Zusammenbruch der Währungsunion zu riskieren?

Es geht mir darum, genau diesen Zusammenbruch abzuwenden. Dazu müssen wir zurück zu einer stabilitätsorientierten Fiskalpolitik. Es kann nicht die Lösung sein, dass die EZB den Euro-Raum mittels billionenschwerer Anleihenkäufe alimentiert. Ohne stabile Staatsfinanzen wird die Zentralbank immer wieder ihr Mandat überspannen müssen. Das wirkt auf Dauer inflationär und wirkt umverteilend von unten nach oben. Daher muss es darum gehen, die faktische Unabhängigkeit der EZB zu stärken, indem aktiv das Schuldenproblem in der Währungsunion angegangen wird. Bevor der Euro zu einer Weichwährung wird, muss ein Land wie Deutschland klarmachen, dass es diesen Weg nicht mitgehen wird. Das ist im besten Sinne proeuropäisch.

Statt Haushaltskürzungen werden von vielen Ökonomen Mehrausgaben angemahnt. Der IWF etwa fordert, dass die Löhne in Deutschland steigen müssen. Was halten Sie davon?

Nichts.

Man muss kein Sozialist sein, um zu verstehen, dass das geringe Lohnniveau die Kaufkraft mindert. Also lieber Augen zu und ab in die Rezession?

Nein, im Gegenteil. Wir haben in Deutschland einen prosperierenden Arbeitsmarkt nahe der Vollbeschäftigung. Die Löhne werden daher von allein, also durch die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage, zulegen. Staatliche Eingriffe braucht es dazu nicht. Der Staat kann an anderer Stelle etwas tun: dafür sorgen, dass im unteren Einkommensbereich mehr Netto vom Brutto bleibt.

Friedrich August von Hayek, der Namenspatron der Gesellschaft, deren Vorsitz Sie innehaben, steht für den reinen Markt. So begrüßte Hayek die Diktatur von Augusto Pinochet in Chile, die Zehntausenden Chilenen den Tod brachte. Wieso distanzieren Sie sich nicht von solchen Vorbildern?

Hayek hat nie der Diktatur das Wort geredet, im Gegenteil – seine »Verfassung der Freiheit« ist der beste Beleg dafür. Ihm war daran gelegen, das ökonomische Chaos in Chile zu beenden. Schließlich waren es die Programme der Vorgängerregierung unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, die zur Verarmung der Bevölkerung geführt haben. Dieses Elend wollte Hayek durch marktwirtschaftliche Reformen überwinden helfen. Denn ohne wirtschaftliche Freiheit entsteht kein Massenwohlstand.

In Ihrer Gesellschaft sitzt die Crème de la Crème der AfD. Sie haben sich mit dem Satz zitieren lassen: »AfD-Nähe ist zu einer politischen Kampfvokabel geworden, ähnlich der Nazikeule oder dem Vorwurf des Rechtspopulismus.« Wie nah stehen Sie den Mitgliedern, die Neonazis in ihrer Partei dulden?

Ich wüsste nicht, welche Crème das sein soll. Unsere Gesellschaft agiert strikt überparteilich und setzt sich für klassisch liberales Denkens in der Tradition von Friedrich August von ­Hayek ein. Dazu gehört, Gefahren für die individuelle Freiheit zu erkennen und aufzuzeigen, wie sie sich abwenden lassen. Bei unseren Mitgliedern aus Wissenschaft, Unternehmerwirtschaft und Publizistik handelt es sich um gestandene Persönlichkeiten. Kontroversen gehören zu unserer Diskussionskultur. Parteipolitische Manöver müssen dafür draußen bleiben. Die Mitgliedschaft der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch ruht derzeit. Frau Weidel ist nicht mehr Mitglied.

Ihre Vorstellung vom Siegeszug des Liberalismus in allen Ehren. Aber nimmt es Sie nicht Wunder, dass eine kommunistische Regierung in China in der Lage ist, die Weltwirtschaft zu retten?

Nein, im Gegenteil sollten sich Kommunisten fragen, weshalb der wirtschaftliche Aufstieg Chinas erst mit der Zulassung von kapitalistischen Reformen von Deng Xiaoping begonnen hat. Zuvor lag das Land in bitterer Armut. Wachstum in China ist im wesentlichen getragen von der Privatwirtschaft, nicht von den Staatsbetrieben. Sorge bereitet mir hingegen der rückwärtsgewandte Kursschwenk von Präsident Xi Jinping. Weiteren Fortschritt wird es nur geben, wenn Beijing weiter auf Marktkräfte und individuelle Freiheitsrechte setzt und nicht in Staatssozialismus und politische Repression zurückfällt.

Stefan Kooths ist Ökonom, Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum im Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel), Professor für Volkswirtschaftslehre an der BSP Business and Law School in Berlin und Vorsitzender der Friedrich A. von ­Hayek-Gesellschaft

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin ( 3. März 2022 um 10:14 Uhr)
    So sind sie, die sich liberal nennen, weil sie jedem gegenüber liberal sind, der mit ihnen gemeinsam den alles regelnden Götzen Markt anbetet. Widerspruch wird niedergebügelt und lieber zehnmal in Hayeks Schriften geblättert als einmal ins Leben geschaut. Die Blüte der ökonomischen Wissenschaft eben. Wobei: Gibt es nicht auch Blüten, die eher zum Lachen taugen als zur Bewältigung des Alltags?

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