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Gegründet 1947 Freitag, 28. Januar 2022, Nr. 23
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Aus: Ausgabe vom 07.01.2022, Seite 8 / Abgeschrieben

»Wir wollen dieses System nicht heilen, sondern müssen es überwinden!«

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Christa Luft hat die Partei Die Linke verlassen. Sie begründet das gegenüber den Parteigremien mit einem vierseitigen Schreiben. Darin heißt es:

(…) 3. Es gibt Konflikte zwischen Alt und Jung in der linken Partei, mehr als zwischen Generationen normal sind. Die können nicht allein dadurch gelöst werden, dass von den Alten mehr Verständnis für die Jungen verlangt wird. Die Jungen müssen auch verstehen, dass sie auf den Schultern der Alten stehen, und mehr Empathie und Bereitschaft zum Hinhören zeigen. Unwürdig finde ich den Umgang des Parteivorstands mit dem Ältestenrat. Dessen Mitglieder haben was zu sagen, wenn mitunter auch nicht in der Gendersprache und in anderer Diktion als die Jüngeren. Wenn man den Rat nicht will, muss man es sagen, ihn seit Jahren ins Leere laufen zu lassen, ist ein beschämender Umgang unter Genossen.

4. In der Linken gibt es keine Debattenkultur und keine Mitgliederpflege. Mir sagte unter Tränen vor kurzem eine alte Genossin aus Berlin-Mitte, die seit über 70 Jahren dabei ist, dass sie z. B. seit langem keinen Glückwunsch zu einem Jubiläum bekommen hat. Darüber klagen viele. (…)

In einer Erklärung des Ältestenrates zum Austritt von Christa Luft aus der Partei Die Linke heißt es:

Wir respektieren die Entscheidung unseres langjährigen Mitglieds Christa Luft, die Partei zu verlassen. Sie gibt mit dem Parteibuch nicht ihre politische Überzeugung ab. Sie verweigert aber der Parteiführung die Gefolgschaft. Lothar Bisky hatte auf dem Gründungsparteitag 2007 erklärt: »Wir stellen die Systemfrage.« Dieser Gründungskonsens wurde sukzessive aufgekündigt, wie Christa Luft meint. Ihr Schritt ist die Folge vieler Äußerungen, die sie von führenden Genossen vernommen hat. Eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, der sie seit 1958 angehört, verlässt man nicht leichten Herzens. Wesentlich, wenngleich nicht unbedingt entscheidend für sie, ist der Umgang des Bundesvorstands mit dem Ältestenrat. Wir teilen ihren Eindruck, dass man uns seit Jahren ins Leere laufen lässt. Wenn man den Rat der Alten nicht wolle, solle man dies auch sagen. Das hatte auch schon der Vorsitzende des Ältestenrates, Hans Modrow, im vergangenen Jahr wiederholt öffentlich gefordert.

Am Wochenende findet die jährliche Ehrung in der Gedenkstätte der Sozialisten unter Beteiligung der Parteiführung statt. Dieses ehrende Gedenken hat eine lange Tradition in der Arbeiterbewegung – aber im Selbstverständnis des Parteivorstandes sind Haltung und Erkenntnisse der vorangegangenen Generationen von Sozialisten und Kommunisten keine Richtschnur des Handelns. Im Grunde wird diese Demonstration, die doch die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit sichtbar verkörpert, von der politischen Führung instrumentalisiert, also missbraucht. Wer aber keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft.

Und wer aus einer krachenden Wahlniederlage keine Schlüsse zieht, verliert erneut. Ohne personelle Konsequenzen bleibt es beim »Weiter so!« Und das führt immer mehr dem Abgrund entgegen. Deshalb ging Christa Luft.

Ihr Schritt sollte ein deutliches Signal sein auch für Landesvorstände und -vorsitzende, für alle, die noch die Kraft für eine Kurskorrektur haben: Wir dürfen diese Partei nicht aufgeben! Wir dürfen sie nicht einigen wenigen überlassen, deren Ziel offenkundig darin zu bestehen scheint, Helfer am Krankenbett des Kapitalismus zu sein. Wir wollen dieses System nicht heilen, sondern müssen es überwinden! Das ist nicht der Wunsch von fünf Prozent der Wählerinnen und Wähler, sondern von weitaus mehr Menschen in diesem krisengeschüttelten Land. Sie wollen und müssen wir erreichen und gewinnen. Das ist der Zweck unserer Partei. Mandate sind eben nicht alles, auch wenn ohne Mandate alles nichts ist. Besinnen wir uns unserer Wurzeln, kehren wir zu ihnen zurück!

Zeitung für Gleichberechtigung

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (18. Januar 2022 um 12:20 Uhr)
    Unsere Rosa-Luxemburg-Konferenz hat darauf die klare und einzige Antwort gegeben. Wie sind alle bisherigen Heilungsversuche ausgegangen? Wie soll ein unheilbares System zu heilen sein, das von einem wuchernden Krebsgeschwür namens Profitgesetz bestimmt ist und alle schrecklichen Nebenwirkungen offen zur Schau trägt? Wenn sich führende Linke als Heiler berufen fühlen, dann würden wir so gern mal wissen, aus welchen Erkenntnissen, welchem Wissen, welchen historischen Tatsachen, aus welchem ökonomischen Wesen oder Wandlungen das herausanalysiert wurde. Das ist das Mindeste, was uns und allen Nochmitgliedern der Partei Die Linke viellleicht sogar programmatisch mal erklärt werden sollte. Vor genau zehn Jahren hatte junge Welt am Rande der Demo am Friedhof Friedrichsfelde auf Schildern Fragen geschrieben:
    – Wer brach das Potsdamer Abkommen?
    – Wer hat die Nachkriegsordnung beendet?
    – Wer ist der Hauptkriegstreiber Europas?
    – Wer brachte der Welt schon zwei Weltkriege?
    – Wer erlaubt Nazimärsche und Naziparteien?
    – Wer vergrößerte 1990 als einziges sein Territorium?
    – Wer mordete in Auschwitz?
    – Wer überfiel dreimal Jugoslawien?
    – Wer ermordete Karl und Rosa?
    – Wer legte Guernica, Rotterdam, Coventry, Warschau in Schutt und Asche?
    – Wer schaffte das Asylrecht ab?
    – Wer erklärte Leben zu unwertem?
    – Wer beging die Massaker von Oradour, Lidice, Marzabotto, Distomo?
    – Wer annektierte die DDR?
    – Wer überfiel Polen?
    – Wer hungerte Leningrad 900 Tage lang aus?
    – Wer tötete im Ersten Weltkrieg zum ersten Mal mit Giftgas?
    – Wer half bei der Niederschlagung der Pariser Commune?
    – Wer schlug die Herero-Bewegung blutigst nieder?
    – Wer ließ die IG Farben, Siemens, Krupp und Deutsche Bank weiter bestehen?
    – Wer gab Globke, Lübke und Co. Amt und Würden zurück?
    – Wer schützte Eichmann?
    – Wer hat seine Bundeswehr wieder an der Oder-Neiße-Grenze postiert?
    – Wer ist drittgrößter Waffenexporteur der Welt?
    – Wer teilt die Welt in deutsche Volksgruppen ein?
    – Wer macht in »Blut und Boden«?
    – Wer macht den Notstand zum Alltag?
    – Wer verbot zweimal die KPD?
    Was wäre bereits wieder zu fragen, und welche Antworten werden gegeben?
  • Leserbrief von Winfried Törper aus Hamburg (14. Januar 2022 um 13:26 Uhr)
    Der Austritt von Christa Luft aus der Partei Die Linke und die Debatte dazu in der Partei und der parteinahen Presse offenbart: Die Debatten sind die gleichen wie seit mehr als 100 Jahren. »Lothar Bisky hatte auf dem Gründungsparteitag 2007 erklärt: ›Wir stellen die Systemfrage.‹ Dieser Gründungskonsens wurde sukzessive aufgekündigt, wie Christa Luft meint.« (Ältestenrat die Linke)
    »Wir dürfen sie (Die Linke) nicht einigen wenigen überlassen, deren Ziel offenkundig darin zu bestehen scheint, Helfer am Krankenbett des Kapitalismus zu sein. Wir wollen dieses System nicht heilen, sondern müssen es überwinden!« (Leserbrief junge Welt zum Austritt von C. L.) Und die Debatte weist weit über die Person Christa Luft hinaus. Sie »ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Partei Die Linke sich in der wohl größten Krise ihres bisherigen Bestehens befindet« (Freitag digital 2/22) und dass immer noch wieder nahegelegt wird, denselben Fehler zu wiederholen wie seit 100 Jahren: »Entweder kapern die Linken in der Nicht-mehr-Linkspartei diese Partei und machen sie wieder links. Oder: Die Linken in der Linkspartei verlassen wie Christa Luft die Nicht-mehr-Linkspartei und bauen eine neue Linkspartei auf.« (Leserbrief Junge Welt) Warum nicht mal aus der Geschichte lernen, dass die immer wiederholte Spaltung der politischen Linken (in ihrem weitesten Sinne) diese nur geschwächt und nie gestärkt hat und zu den fatalsten Konsequenzen ihrer – sowie auch der deutschen sowie der europäischen – Geschichte geführt hat. Der Sieg des Nazifaschismus wurde nicht unerheblich dadurch begünstigt, dass die KPD oft mehr Kraft auf die Bekämpfung der als »Sozialfaschisten« diffamierten Sozialdemokraten konzentrierte als auf die Nazifaschisten selbst. Denn »aus der Geschichte lernen« kann auch heißen, so oft und soweit es (in die richtige Richtung) geht gemeinsam zu handeln – z. B. in einer Koalition wie in Berlin – oder gar eine Vereinigung der Linken in einer Partei zu diskutieren oder gar anzubieten oder anzustreben. Insbesondere auch, weil es unabdingbar ist, die Demokratie (wie sie jetzt ist und unabhängig davon, dass sie natürlich verbessert werden kann und muss) als einzigen politischen Handlungsrahmen solange wie möglich zu erhalten (auch wenn andere dies zu ihrem Vorteil nutzen).
  • Leserbrief von Doris Petras aus Nordrhein Westfalen (12. Januar 2022 um 19:02 Uhr)
    Über den Umgang mit dem Ältestenrat wundere ich mich nicht. Auch ich habe die Partei verlassen, da ich den Umgang mit mir und anderen Genossinnen nicht mehr akzeptieren konnte. Das von der Basis erarbeitete Parteiprogramm ist nur Makulatur und wird, bedingt durch machtpolitische Interessen, mit Füßen getreten. Wozu der ganze Aufwand zur Erarbeitung eines Programmes betrieben wird, ist mir schleierhaft. Viele Menschen werden bewegt, viele Debatten geführt, und nicht zuletzt wird viel Geld ausgegeben, um ein Programm zu erarbeiten, das sich nur auf dem Papier wiederfindet. Geht es um den Erhalt von Machtstrukturen, spielt das Parteiprogramm vor allem unter sozialpolitischen Aspekten absolut keine Rolle. Hinzu kommt, dass sich Die Linke von den Interessen ihrer Wählerinnen verabschiedet hat und sich lieber mit der Diskreditierung prominenter und auch weniger prominenter Genossinnen beschäftigt. Kritik wird nicht als konstruktiv empfunden, sondern kaltgestellt. Strategien müssen sich der Deutungshoheit bestimmter Interessengruppen unterordnen und bleiben auf der Stecke oder sind erst gar nicht vorhanden. Wie will man auf diese Weise ein System überwinden? Für mich ist die Partei ein sinkendes Schiff, vorhandene Probleme sind hausgemacht, und der interne Machtkampf tobt. Abschließend bleibt zu sagen: Die Linke hat die Jahre Lebenszeit, die ich in die Partei investiert habe, nicht verdient. Als Empfängerin von Transferleistungen spende ich nun den Mitgliederbeitrag und trage dazu bei, dass ein Kind eine bessere Chance auf Bildung hat. Damit bewirke ich Besseres als mit meiner mehr als 15jährigen Mitgliedschaft in dieser Partei.
  • Leserbrief von Niki Müller aus Friedrichstadt (10. Januar 2022 um 17:14 Uhr)
    Wichtiger als der im Auszug »Abgeschrieben« erwähnte Konflikt zwischen Jung und Alt und die Mitgliederpflege ist doch wohl dieser sogar im ND aufgezeigte Kritikpunkt von Christa Luft: »Luft benennt in ihrem Schreiben Ursachen für die Pleite der Linken bei der Bundestagswahl. Da sei erstens die ›ewige Anbiederei von Spitzenpolitikerinnen und -politikern bei SPD und Grünen, das geradezu fieberhafte Streben, unbedingt auf Bundesebene mitmachen zu wollen‹. Mit Blick auf die Differenzen in außenpolitischen Fragen zwischen SPD und Grünen einerseits sowie Linkspartei andererseits fragt Luft, warum sich Linke-Vertreter gegenüber Befürwortern von Angriffskriegen ›immer wieder untertänig‹ aufführen, statt die eigenen außenpolitischen Wertvorstellungen zum Maßstab einer künftigen Zusammenarbeit zu machen.« Schade, dass dieses Zitat in der jW verlorenging. Das Anbiedern und Scharwenzeln um die Vertreter des Kapitals und der NATO ist doch inzwischen zum traurigen Markenzeichen dieser an den Parteischalthebeln sitzenden Camouflage geworden.
  • Leserbrief von Carsten Schulz, Die Linke Tempelhof-Schöneberg (10. Januar 2022 um 14:10 Uhr)
    Der Parteiaustritt von Christa Luft ist erschütternd. So weit ist es mit dieser Parteiführung gekommen, dass eine Frau wie Christa Luft die Partei verlässt. Beschämend ... Wann wird die Basis wach und fordert die Respektierung des Parteiprogramms ein? Dem Ältestenrat der Partei ist zuzustimmen: »Ihr Schritt (von Christa Luft) sollte ein deutliches Signal sein auch für Landesvorstände und -vorsitzende, für alle, die noch die Kraft für eine Kurskorrektur haben: Wir dürfen diese Partei nicht aufgeben! Wir dürfen sie nicht einigen wenigen überlassen, deren Ziel offenkundig darin zu bestehen scheint, Helfer am Krankenbett des Kapitalismus zu sein. Wir wollen dieses System nicht heilen, sondern müssen es überwinden! Das ist nicht der Wunsch von fünf Prozent der Wählerinnen und Wähler, sondern von weitaus mehr Menschen in diesem krisengeschüttelten Land. Sie wollen und müssen wir erreichen und gewinnen. Das ist der Zweck unserer Partei. Mandate sind eben nicht alles, auch wenn ohne Mandate alles nichts ist. Besinnen wir uns unserer Wurzeln, kehren wir zu ihnen zurück!« Der Ältestenrat hat so was von recht!
  • Leserbrief von Stanislav Sedlacik aus Weimar (10. Januar 2022 um 12:45 Uhr)
    »Nichts ist von Wert, wenn es nicht sinnvoll ist.« – Mit diesem Zitat von Marx kommentiere ich den Austritt von Christa Luft aus der Linkspartei. Die Partei ist für sie nicht mehr »revolutionär«. O. k.! Aber die sogenannten revolutionären Parteien wie MLPD und DKP hatten bei der Bundestagswahl 2021 nur jeweils 0,1 Prozent der Wähler überzeugen können! Das größte Hemmnis für unsere Partei sind die Differenzen, die oft nicht sachlich, kritisch, optimistisch intern diskutiert werden, sondern in Massenmedien unter dem Motto: »Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!« Wenn wir erfolgreich seien wollen, müssen wir folgendes tun:
    1. »Wo der Genosse ist, dort ist die Partei!« Einige unserer Wähler finden Gysi und andere eben Wagenknecht toll. Wenn aber die Partei vor Ort nicht sichtbar ist, verlieren wir die schwankenden Wähler. Diese zu halten geht nur durch außerparlamentarische Arbeit, das ist eine wichtige Aufgabe, unsere Vorschläge für eine gerechte und friedliche Gesellschaft bekannter zu machen. Das war das Erfolgsrezept von Gregor Gysi, Gesine Lötzsch und Sören Pellmann, die ihre Direktmandate gewonnen haben.
    2. Einheit und Geschlossenheit der Partei. Wenn das Ziel klar ist, entscheiden die Kader, denn alles andere ist nur eine Frage der Organisation! Aber wenn die Partei die Kontrolle von Beschlüssen und damit verbundene persönliche Verantwortung auf allen Ebenen nicht wahrnimmt, gibt es keine Einheit und Geschlossenheit. Die bürgerlichen Regierungen handeln nach James Madison (1751–1836), dem vierten Präsidenten der USA: »Die vorrangige Funktion einer Regierung ist, die Minderheit der Reichen vor der Mehrheit der Armen zu schützen.« Und diese Politik unterstützt die Mehrheit der Deutschen, denn wenn du arm bist, bist du selber schuld!
    Weiter wirkt die Disziplin des Hungers, denn nur 18 Prozent der Beschäftigten sind in einer Gewerkschaft.
    Im Osten frisst die Revolution ihre eigenen Kinder, denn von ihnen fühlen sich 57 Prozent als Deutsche zweiter Klasse. Die neue Gesellschaftsordnung hat ihre eigene Dynamik entwickelt, mit der viele nicht mehr Schritt halten können.
    Somit wählen nicht wenige Jugendliche, die erst nach der Wende geboren wurden und in einem vereinigten Deutschland aufgewachsen sind, die AfD.
    Die Zufriedenheit mit der Demokratie nimmt in fast allen Regionen der Welt stark ab. Junge Menschen verbinden Demokratien mit populistischen Führern sowohl der Linken als auch der Rechten (Quelle: MDR Wissen: »Die große Fragen unserer Zeit«, 21.10.2020)
    Wie heißt es in der Internationale? »Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!«
  • Leserbrief von E. Rasmus aus Berlin (10. Januar 2022 um 12:25 Uhr)
    Bereits mit dem Parteiputsch im Dezember 89 war mir klar, dass die Richtung der Reise von Berghofer, Gysi, der Gebrüder Brie und Co. nicht mit meiner Richtung übereinstimmen konnte. Sozialismus ist demokratisch, oder er ist gar kein Sozialismus. Vorangesetzte Adjektive stehen für geschichtliche Abweichungen vom Sozialismus als Wissenschaft, wie sie von Marx, Engels, Lenin und Stalin programmatisch real ausgearbeitet und praktiziert worden ist. Die Gründer der KPD und auch der SED erbrachten den wissenschaftlichen Wahrheitsbeweis. Eine inhaltliche Doppelung im Begriff »demokratischer Sozialismus« gaukelte und gaukelt eine Fata Morgana vor, um die Interessen der Bourgeois schönredend zu vertuschen und sich für die Parteispitzen Sitze im Parlamentsmief, fernab von demokratischen Interessen des Volkes, zu erobern. Die Umbenennung der PDS in der Vereinigung mit der Alternativen Liste unter dem Namen Die Linke war auch nur ein Etikettenwechsel.
    • Anmerkung der jW-Redaktion (10. Januar 2022 um 14:15 Uhr)
      Dazu schrieb unser Leser Joán Ujházy:

      Leserbriefautor E. Rasmus schrieb: »Vorangesetzte Adjektive stehen für geschichtliche Abweichungen vom Sozialismus als Wissenschaft, wie sie von Marx, Engels, Lenin und Stalin programmatisch real ausgearbeitet und praktiziert worden ist.« – »... und Stalin«? Was hat Stalin denn wirklich beigetragen zur Theorie des Sozialismus? Die ihm zugeschriebenen Schriften (»Über dialektischen und historischen Materialismus«, »Ökonomische Probleme des Sozialismus in der USSR«, »Über den Marxismus in der Sprachwissenschaft«) hat er nicht allein geschrieben, aber er hat sich als alleiniger Autor ausgegeben. Das betrifft auch die Schrift »Marxismus und nationale Frage«. Siehe dazu die Ausführungen der Krupskaja in ihren Erinnerungen an Lenin, in denen sie schrieb, dass Lenin Stalins Ausführungen, den sie aber in diesem Zusammenhang nicht namentlich nannte, gründlich überarbeiten musste, so dass man letztlich nicht mehr von einer eigenständigen Arbeit Stalins sprechen kann. Und in Wien, wo sich Stalin aufhielt, um Material zu diesem Thema zu sammeln, war es wiederum Bucharin, der Stalin zuarbeitete, denn Stalin beherrschte nicht die deutsche Sprache. Stalin war alles Mögliche, nur kein ernstzunehmender Theoretiker des Sozialismus. Stalin war ein Zerstörer des Sozialismus, denn sein auf Terror basierendes Administrationssystem war die entscheidende Ursache, dass der Sozialismus sich selbst überflüssig machte und nicht zu einer wirklichen Alternative entwickelt werden konnte. PS: Ob China diese Alternative sein wird, muss sich noch herausstellen. Ich kann es mir nur wünschen (das bezieht Kuba und Vietnam mit ein).
  • Leserbrief von Joán Ujházy ( 7. Januar 2022 um 20:10 Uhr)
    Entweder kapern die Linken in der Nicht-mehr-Linkspartei diese Partei und machen sie wieder links. Oder: Die Linken in der Linkspartei verlassen wie Christa Luft die Nicht-mehr-Linkspartei und bauen eine neue Linkspartei auf. Wie man links sein und bleiben kann und dabei Erfolge einfährt, sehen wie zum einen in Graz (KPÖ Graz), zum anderen in Belgien (PTB/PVDA). Worauf warten die Linken in der Nicht-mehr-Linkspartei eigentlich noch? Warum gibt es in dieser Nicht-mehr-Linkspartei keine Bewegung für eine neue, wirkliche Linke? Kann es sein, dass auch Janine Wissler sich jetzt von rechts in der Nicht-mehr-Linkspartei einwickeln lässt wie früher der Gewerkschaftsfunktionär Riexinger durch Kipping? Können diese »Linken« eigentlich noch ruhig schlafen? Sind die Funktionärspolster schon so weich, dass diese Funktionäre nichts mehr vom wahren Leben an ihrem Aller(un)wertesten nichts mehr spüren? Es wird Zeit für ein wirkliches Aufstehen. Sitzenbleiben war schon in der Schule für die Zukunft eines Menschen nicht von Vorteil. Daher dieser Aphorismus: Die Hoffnung sterbe zuerst, denn wer hofft, der harrt und versteinert zum Schluss.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 7. Januar 2022 um 14:52 Uhr)
    Wir sind Zeitzeugen des Zerfalls des Herrschaftssystem der parlamentarischen Demokratie mit ihren Parteien. Heutzutage wird immer mehr eindeutig bewiesen, dass im Wertewesten mit dem repräsentativen Parlamentarismus keine reale Demokratie erreicht wird und erreicht werden kann. Nicht umsonst heißt es: Wenn Wahlen irgend etwas verändern würden, wären sie schon längst verboten. In der Realität ist unsere westliche Demokratie so erstarrt, dass die Parteiprogramme bedeutungslos geworden sind. Alle Akteure auf der politischen Bühne halten nichts mehr von den Spielregeln der demokratischen Auseinandersetzung. Die Anbetung des Götzen Sachzwang und seiner hochdotierten Systempriester, der Experten, ersetzt die Kontroverse. Die Parteien besinnen sich auf ihr gesichertes Kerngeschäft: die Machtsicherung. Die politische Klasse hat sich unabhängig gemacht vom Auftrag der Wähler, sogar vom Ausgang der Wahlen. Wo angeblich alle die Verantwortung tragen, trägt in der Wirklichkeit niemand die Verantwortung. Von Demokratie, Freiheit und Gewaltenteilung bleibt nur eine leere Hülle. Dieser Wandel der soziale Grundlagen unserer Gesellschaft verlangt ein rasches Umsteuern auf allen Ebenen, weil Demokratie und Kapitalismus in ihrem Wesenskern miteinander unvereinbar sind. Eine reale Demokratie kann nur durchgesetzt werden, wenn das gesamte radikal antidemokratische System des Konzern-Monopol-Kapitalismus vollständig abgeschafft ist, d. h. durch Beantwortung der Systemfrage.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin ( 9. Januar 2022 um 14:43 Uhr)
      Interessant! Wie macht man das? Wer soll das machen? Und woher nehmen, wenn nicht stehlen? Wir erleben leider eine Situation, in der sich die Entwicklung des subjektiven Faktors nicht annähernd auf dem Niveau der objektiven Erfordernisse befindet. Was also tun? Wo anfangen? Und mit wem? Die inzwischen zutiefst auf sozialdemokratisch getrimmte Partei Die Linke fällt als Akteur höchstwahrscheinlich aus. Es bleibt spannend bei den deutschen Sozialisten. Wie lange uns die Geschichte noch Zeit gibt, diese Fragen richtig zu beantworten, ist unklar.
      • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (10. Januar 2022 um 16:43 Uhr)
        Wir links denkende Menschen sind weit in der Minderheit. Eine Revolution gemäß Lenin und Trotzki ist nicht mehr zu erwarten. Sie wäre genausowenig in unserem Sinne wie der Versuch einer linken Minderheit, eine stalinistische Diktatur zu installieren. Was bleibt also noch übrig? Ich setze und hoffe auf den Kannibalismus der Finanzmärkte. Sie sind schon eine Weile dabei, sich von innen her zu zerfleischen. Genau so wie die Sowjetunion implodierte aufgrund der ungelösten eigenen Probleme wird auch der heutige sinnlose Finanzsumpf implodieren. Anschließend kommt für alle Demokraten die Stunde der Erneuerung. Man möge sie nutzen.