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Aus: Ausgabe vom 07.12.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Prekäre Arbeit

Sie wehren sich jetzt

NGG informiert über die Situation in der Fleischindustrie und den Widerstand der Beschäftigten
Von Susanne Knütter
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In der Fleischindustrie war die BRD bislang Billiglohnland: Jetzt gilt offiziell eine Lohnuntergrenze von 10,80 Euro

Die immer gleichen zwei Bewegungen, mit schwerer Schutzkleidung, acht Stunden oder länger – teilweise nicht bezahlt. Am letzten Donnerstag sprach der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Freddy Adjan, mit dem Redakteur der Frankfurter Rundschau, Claus-Jürgen Göpfert, im »Club Voltaire« in Frankfurt am Main über die Situation in der Fleischindustrie. Für die Beschäftigten aus Rumänien, Polen, der Ukraine bestand der Alltag bislang aus »Schlafen und Arbeiten«, so Adjan. Sie wurden zur Arbeit gefahren und wieder in die Unterkünfte gebracht.

Mit dem Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit, das dieses Jahr in Kraft getreten ist, müssen die Lohnabhängigen bei den Betrieben, in denen sie arbeiten, in der Regel direkt angestellt sein. Auch für die Unterbringung der Arbeiter müssen die Unternehmen Sorge tragen. Diese könnten sich nun nicht mehr so leicht herausreden. Allerdings gehöre Einschüchterung weiterhin zur Tagesordnung, vor allem dort, wo es keine Betriebsratsstrukturen gebe, wie etwa im Bereich »Zerteilen und zerlegen«. So drohten etwa Vorarbeiter nach wie vor, beispielsweise geplanten Urlaub zu streichen, wenn nicht weitergearbeitet werde.

Noch bevor das neue Arbeitsschutzkontrollgesetz in Kraft trat, ging die juristische Auseinandersetzung darum los. Und sie ist noch nicht beendet. Aber die Fleischindustrie habe keine große Lobby mehr in der Politik, zeigte sich Adjan überzeugt. Die öffentliche Diskussion um Schlachtbedingungen für die Tiere, die Sorge wegen Schlachtbetrieben als »Coronahotspots« und eine parlamentarische Mehrheit, um das Gesetz zu beschließen, hätten dazu beigetragen. Vor allem aber, betonte der Gewerkschafter, seien die Kollegen nicht mehr bereit, die schlechten Arbeitsbedingungen hinzunehmen. Er verwies auf die Streikaktivitäten während der diesjährigen Auseinandersetzung um den neuen Branchenmindestlohn, der ab Januar 2022 elf Euro betragen und im Dezember 2023 auf 12,30 steigen wird. In 20 Betrieben kam es zu Arbeitsniederlegungen – »erstmals seit Jahrzehnten«, so Adjan. Im Zuge der Auseinandersetzung konnte die NGG 2.000 neue Mitglieder gewinnen.

Deutschland war bislang ein Billiglohnland in dieser Branche, gab der Gewerkschaftssekretär zu verstehen. Nur so sei zu erklären, dass Tiere aus anderen europäischen Staaten hierher zum Schlachten gebracht werden. Und auch der neue Branchenlohn ist eine Untergrenze, die am Ende nicht genug sei. Mindestens 13 Euro seien vonnöten, um nicht während des Arbeitslebens oder spätestens im Rentenalter auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Hinzu komme, dass er weiterhin unterlaufen werde.

Wie immer bei Debatten um die Fleischindustrie kam in der anschließenden Diskussion die Verantwortung des Konsumenten zur Sprache. Adjan ist überzeugt, ein rückläufiger Fleischkonsum kann die Arbeitsbedingungen in der Branche nicht verbessern. Und auch die großen Konzerne produzierten Biofleisch, und Biohöfe brächten Tiere zu den großen Schlachtbetrieben. Adjan verwies überdies auf die Marktmacht der Supermarktketten, die die Preise vorgeben. Eine Zuhörerin verwies auf die Armut der Konsumenten. Der hohe Fleischkonsum liege nicht zuletzt daran, dass Fleisch billiger ist als Gemüse. Hier von den Verbrauchern Eigenverantwortung zu fordern, sei Teil der neoliberalen Ideologie und der Individualisierung.

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