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Aus: Ausgabe vom 30.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Im Museum gelandet

Gerahmte Rahmungen: Wes Andersons Film »The French Dispatch«
Von Peer Schmitt
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Wie ein Magazin Form annimmt: Redaktionskonferenz mit Kellner bei »The French Dispatch«

Der böse sozialistische Literaturkritiker Edmund Wilson – Anfang der 1920er Jahre auch kurzzeitig Chefredakteur der Zeitschrift Vanity Fair – besuchte im April 1950 zusammen mit 1.000 anderen Leuten die Party zum 25jährigen Bestehen des Magazins New Yorker und verglich sie mit einer Katastrophe, die am besten im Stil der Hiroshima-Reportage hätte beschrieben werden sollen, die John Hersey 1946 nirgendwo sonst als im New Yorker veröffentlicht hatte: »Alte Ekel, die man irgendwann in den 30er Jahren hinter sich gelassen hatte, tauchten auf, gealtert, fahl und sehr betrunken und gelangweilt, was derartig niederschmetternd war, dass selbst ihre frühere Verfassung einen nicht darauf hätte vorbereiten können.«

Statt Champagner gab es nur noch Highballs; das Ritz, wo die Party stattfand, sollte auch bald abgerissen werden. Unter den Gästen natürlich auch Harold Ross, Mitbegründer und bis zu seinem Tod 1951 Chefredakteur der Zeitschrift und nun eines der Vorbilder für die Figur des Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray), die in Wes Andersons gleichnamigem neuen Film das Magazin The French Dispatch herausgibt.

Einen Film machen wie ein Magazin, darum ging es bei Wes Anderson ja von Beginn an. In seinem zweiten Film »The Royal Tenenbaums« (2001) waren es Kapitel eines imaginären Buches, die dem Film den Rahmen gaben. Nun sind es Zeitschriftenartikel. Den Rahmen für die jeweiligen Einrahmungen bilden schließlich Nachruf und Beerdigung der Redakteursfigur.

Wes Andersons Karriere hat zwei Ausgangspunkte: das Archiv des New Yorker und ein Katalogfrankreich abgeräumter Kulturvorräte. Inzwischen ist er mit seinen Filmen und den darin herumgeisternden Artefakten allerdings selbst im Museum gelandet.

Wie ist es denn überhaupt jemals möglich gewesen, noch Filme zu machen, Geschichten, Bilder, Reportagen, Essays, Manifeste, Diavorträge, was immer? Reicht ein Nachruf nicht aus? Oder eine Kondolenzliste – James Thurber, James Baldwin, Jean Renoir, Jean-Luc Godard, Raoul Vaneigem, Raoul Walsh etc. senden ihr Beileid?

Oder ist es nur ein Treppenwitz? Die letzte Episode handelt von einer Suche nach einem geheimnisumwitterten Koch. Er heißt in dem Film Nescaffier, ein offensichtliches Kompositum aus Nescafé und Auguste Escoffier, dem Gottvater der modernen französischen Küche, während der fahndende Autor Roebuck Wright frei nach James Baldwin gemodelt ist. Dieser hatte in seinem Erlebnisbericht »Equal in Paris« (1955) von der Unerträglichkeit des Fraßes im Pariser Untersuchungsgefängnis berichtet. Der Film besteht nur aus solchen Witzen, eingerahmten Rahmungen des Nichtmehrsovielda. Ein Film, der nicht viel mehr ist als das Supplement der Listen, die ihn ermöglicht haben.

»The French Dispatch«, Regie: Wes Anderson, USA/BRD 2021, 108 Min., bereits angelaufen

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