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Aus: Ausgabe vom 30.10.2021, Seite 7 / Ausland
Nach dem »Brexit«

Vereinigung auf Tagesordnung

Organisation »Irlands Zukunft« sieht Zeit für Zusammenschluss von Nordirland mit Republik gekommen. Thema erhält deutlich Zulauf
Von Dieter Reinisch, Galway
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»Zeit für die irische Einheit«: Wandmalerei in der Belfaster Falls Road (19.4.2021)

Die nächsten Wochen werden wieder von regelmäßigen Wasserstandsmeldungen aus London und Brüssel über den Verlauf der Verhandlungen über Nordirlands Status nach dem »Brexit« geprägt sein. Die EU erhofft sich bis Weihnachten eine Einigung. Doch bereits jetzt werden in Belfast unionistische Politiker ungeduldig. In den vergangenen Tagen häuften sich Stimmen, die Jeffrey Donaldson von der Democratic Unionist Party (DUP) aufforderten, Neuwahlen auszurufen, falls sich die EU bis Ende Oktober nicht bewegt. Konservative fordern: keine Warenkontrollen zwischen Großbritannien und Nordirland, keine Befugnisse europäischer Gerichtshöfe in Nordirland sowie eine bewachte Grenze durch die geteilte Insel. Dadurch soll die konstitutionelle Stellung Nordirlands im Vereinigten Königreich gesichert werden.

Unionisten übersehen dabei, dass sich in Irland seit dem »Brexit« ein größerer und langfristiger Wandel vollzieht – die Wiedervereinigung steht auf der Tagesordnung. Die Debatte hat nun auch den äußersten Westen Irlands erreicht. Am Donnerstag abend veranstaltete die Organisation »Ireland’s Future« (Irlands Zukunft) im Galmont Hotel in Galway dazu eine Debatte. Aufgrund der Covidbeschränkungen war der Saal locker bestuhlt. Doch nahezu alle Sitzplätze waren besetzt – knapp 100 Personen waren gekommen, viele verfolgten den Livestream online. »Es ist großartig, an einem kalten, windigen und verregneten Donnerstag abend so viele Leute zu sehen, die über die Wiedervereinigung sprechen wollen«, zeigte sich Mairéad Farrell, Abgeordnete der republikanischen Partei Sinn Féin und eine der Rednerinnen, gegenüber jW erfreut.

»Ireland’s Future« wurde als Reaktion auf den »Brexit« gegründet. Es ist eine überparteiliche Initiative, die »das gesamte Spektrum der Befürworter einer Wiedervereinigung umfassen möchte«, erklärte Gerry Carlile, der aus Belfast stammende Direktor der Organisation, im Gespräch mit jW. Als einzige Vertreterin einer politischen Partei ist aber nur Farrell von Sinn Féin der Einladung gefolgt. Neben ihr saßen die aus Indien stammende Schriftstellerin Cauvery Madhavan, der Konvertit und Imam Ibrahim Noonan und der Vizerektor der Uni Galway, Pól Ó Dochartaigh. Sie alle sollen »das kosmopolitische, neue Irland repräsentieren«, betonte die Moderatorin Máirín Ní Ghadhra.

Ein großer Teil der Debatte drehte sich um die deutsche »Wiedervereinigung«. Ó Dochartaigh, der selbst mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat, darunter Ende der 1980er zwei Jahre in der DDR, betonte: »Es gibt sehr viel von der Wiedervereinigung Deutschlands zu lernen: wie es nicht gemacht werden darf.« Und weiter: »Die Wiedervereinigung Irlands darf nicht bedeuten, dass der eine Staat den anderen schluckt, wie es in Deutschland der Fall war.«

Im jW-Gespräch betonte Carlile, dass das Karfreitagsabkommen die Möglichkeit einer Abstimmung beinhalte: »Wir glauben, dass die Zeit reif dafür ist. Immer mehr Unionisten unterstützen unsere Ziele, weil sie die Vorteile einer Wiedervereinigung erkennen.« Doch Farrell weiß, dass es Widerstand dagegen geben wird: »Es wird niemals möglich sein, alle mitzunehmen, aber es ist wichtig, eine Plattform für jene zu bieten, die die Wiedervereinigung wünschen.« »Ireland’s Future«-Chef Carlile ergänzte optimistisch: »Die Mehrheit der nordirischen Abgeordneten in Westminster und der Parlamentarier in Belfast bestätigte uns, für eine Wiedervereinigung zu sein.«

100 Jahre nach der Teilung Irlands ist die Wiedervereinigung näher als zuvor. Die nordirischen Unionisten haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Sie träumen weiter von der Wiederauferstehung des britischen Empires – und verlieren damit zunehmend an Unterstützung in der Bevölkerung. Sinn Féin ist dagegen im Umfragehoch, und nächstes Jahr sind Wahlen in Nordirland.

Darauf will die Kampagne nicht warten. Das nächste Treffen ist in Dublin: »Wir haben dafür bereits über 400 Anmeldungen, obwohl wir noch gar nicht mit der Werbung begonnen haben«, erzählte Carlile. Am 6. November organisiert Sinn Féin gemeinsam mit der marxistischen Irischen Republikanischen Sozialistischen Partei (IRSP) und der kommunistischen Jugendorganisation CYM einen »Marsch zur Wiedervereinigung« in Derry.

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