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Aus: Ausgabe vom 18.10.2021, Seite 12 / Thema
Pakistan

Aufeinander zugehen

Pakistan hat in Afghanistan schon immer seine eigene Agenda verfolgt. Premier Imran Khan fährt nach dem erneuten Machtantritt der Taliban einen pragmatischen Kurs – und startet Friedensgespräche mit den Radikalislamisten im eigenen Land
Von Thomas Berger
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Mittlerweile wird verhandelt – Anhänger der radikalislamischen Tehrik-i-Taliban Pakistan bei Protesten gegen die Festnahme eines ihrer Anführer (Lahore, 13.4.2021)

Findet Afghanistan nach vier Jahrzehnten des Krieges endlich Frieden, auch wenn in Kabul wieder einmal Männer das Sagen haben, die das Land am Hindukusch schon einmal in finstere Zeiten gestürzt haben? Steht den Nachbarländern in den kommenden Monaten und Jahren ein neuer Flüchtlingsstrom bevor, wenn sich die Ängste und düsteren Prognosen vieler bewahrheiten? Und welche Rolle kommt angesichts einer politischen Neusortierung der gesamten Region Pakistan zu, das den USA mehr als ein halbes Jahrhundert lang wichtige Bastion im Rahmen ihrer geopolitischen Strategie sowie Nachschubweg zur Versorgung der ausländischen Truppen in Afghanistan im Kampf gegen die Taliban war, andererseits aber erwiesenermaßen als ideologische Kaderschmiede der radikalislamischen Kämpfer gilt und einen besonderen Kontakt zu ihnen pflegte?

All diese Fragen dürfte sich derzeit auch der pakistanische Regierungschef Imran Khan stellen. Wie jüngste Entwicklungen und persönliche Äußerungen nahelegen, scheint sich der frühere Kricketstar, der seit gut drei Jahren an der politischen Spitze der südasiatischen Atommacht steht, zu einem pragmatischen Ansatz entschlossen zu haben. Zumindest zwei Säulen seiner Agenda sind recht klar erkennbar: Mit nötiger Mindestdistanz dem neuen Regime in Kabul Rückhalt bieten und mit den »eigenen« Taliban Verhandlungen aufnehmen – wenigstens mit jenen Teilen innerhalb der als Dachorganisation firmierenden Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), die ihrerseits Gesprächsbereitschaft mit der offiziellen Politik des Landes signalisieren.

Deren Führung hat zwar bisher eine Verhandlungsaufnahme offiziell dementiert. Doch es war Khan höchstselbst, der zu Monatsbeginn – in einem Interview mit dem sehr regierungsnahen türkischen Auslandssender TRT World – von einem gerade beginnenden Dialog sprach. Die Tatsache, dass sich Kabinettsmitglieder auf Nachfragen einheimischer Medien in Unkenntnis übten, bietet Anlass zu Spekulationen: War tatsächlich nur ein ganz kleiner Kreis eingeweiht, so dass sogar namhafte Regierungsmitglieder zunächst gar nichts von den Gesprächen wussten? Hatte der Premier im TRT-Interview mehr verraten, als er eigentlich wollte? Oder ging es auch danach erst einmal darum, aufgrund der heiklen Thematik außer dem reinen Fakt möglichst noch gar nichts preiszugeben? Inzwischen hat zwar auch Innenminister Scheich Raschid Ahmed den Verhandlungsstart bestätigt und diesen Schritt bei mehreren Gelegenheiten verteidigt. In der Sache selbst gab es aber auch von ihm noch keinerlei ergänzende Informationen. Wer genau da eigentlich wo mit wem am Tisch sitzt und mit welcher Agenda, gibt weiterhin reichlich Stoff zum Rätseln auf.

Islamistische Vielfalt

Offiziell gelten die TTP in Pakistan als Terrorgruppe. Dass die besonders radikalen Elemente in der seit 2007 bestehenden Bewegung sich jeglichem Dialogansatz verweigern und einzig auf Waffengewalt setzen, ist in Islamabad bekannt. Doch versteht man dort sehr wohl zu differenzieren: »Es gibt verschiedene Gruppen innerhalb der TTP, und einige von ihnen wollen mit unserer Regierung einen Friedensschluss verhandeln. Somit sind wir im Gespräch«, hatte Premier Khan verkündet. Um dies zu unterstreichen, sprach auch Innenminister Ahmed in den Folgetagen davon, die Regierung vermöge zu unterscheiden, »wer gut und wer böse ist«. Als letztere gelten vor allem jene Gruppen innerhalb der TTP, die für den besonders verheerenden Terroranschlag vom Dezember 2014 direkt verantwortlich gemacht werden können. Seinerzeit waren beim Angriff auf die Army Public School (APS) in der Provinzstadt Peschawar 150 Menschen ums Leben gekommen und etliche weitere verletzt worden.

Nach Berichten einheimischer Medien fungierte das Haqqani-Netzwerk als Wegbereiter der neuen Gespräche zwischen Teilen der TTP und der pakistanischen Regierung. Die Haqqanis stellen einerseits eine starke Säule innerhalb der durchaus heterogenen Taliban-Bewegung in Afghanistan, verfügen aber darüber hinaus auch über nicht unbeträchtlichen Einfluss im ganzen nordpakistanischen Raum. In der ideologischen Grundausrichtung stehen sich TTP und afghanische Taliban sehr nahe und haben ihr diesbezügliches Rüstzeug oft an den gleichen Madrasas (Koranschulen) auf pakistanischer Seite erhalten. Zudem ist die ethnische Dominanz der Paschtunen eine wichtige Gemeinsamkeit. Welche konkreten organisatorischen Querverbindungen es zwischen beiden Bewegungen gibt, weiß aber niemand so genau. Und während sich schon in Afghanistan hinter dem einfachen Sammelbegriff Taliban stets eine größere Vielfalt an lokal agierenden und in erster Linie den eigenen Befehlshabern treuen Gruppen verbarg, als man sich in den politischen Diskursen in Europa, den USA oder Australien in der Regel eingestehen wollte, trifft dies noch deutlicher auf die immer wieder von internen Machtkämpfen gekennzeichneten TTP zu. Die Organisation schien noch vor rund drei Jahren schwach, zerstritten, zahlenmäßig dezimiert und im Niedergang begriffen.

Dieses Bild hat sich mittlerweile beträchtlich gewandelt. Zu dieser Einschätzung jedenfalls gelangte Mitte August das Royal United Service Institute (RUSI), das seit 190 Jahren die britische Regierung in außen- und verteidigungspolitischen Fragen berät. Danach seien die TTP nach ihrer schweren Krise seit 2020 gleichsam wiederauferstanden. Allein 120 Terrorattacken im vergangenen Jahr werden der Bewegung zugeschrieben, in jüngster Zeit soll sich die Frequenz noch einmal erhöht haben – allein von 26 Vorfällen im Juli 2021 ist in dem RUSI-Bericht die Rede. Noor Wali Mehsud, dem neuen obersten Anführer der Bewegung, sei es gelungen, die meisten der diversen Splittergruppen wieder zu vereinen. Laut dieser Einschätzung handelt es sich bei ihm um den »intellektuellsten Führer«, den Pakistans Taliban in den knapp anderthalb Jahrzehnten seit ihrer Gründung bisher hatten.

Weichenstellung für die Zukunft

Der Abzug der Truppen des westlichen Militärbündnisses aus Afghanistan war schmachvoll. Nach zwei Jahrzehnten der Militärpräsenz und Abermilliarden von US-Dollar, von denen ein erheblicher Teil in dunklen Kanälen versickerte, beträchtliche Summen aber tatsächlich in Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Armee geflossen sind, hatte es selbst viele unabhängige Experten überrascht und erschreckt, mit welchem Tempo die Taliban kurz darauf die letzten Winkel des Landes effektiv unter ihre Kontrolle zu bringen vermochten – einschließlich des Pandschirtals, das bisher immer als Hochburg von Widerstandskräften der einstigen Nordallianz galt. Dass nun im benachbarten Pakistan Regierung und TTP abermals Gespräche aufnehmen, mag vor diesem Hintergrund der Einsicht beider Seiten entsprechen, dass in dem Konflikt keine der Parteien mittelfristig zu einem Sieg mit militärischen Mitteln in der Lage ist. Islamabad will nicht nur Stabilität in Afghanistan erreichen und unternimmt dafür sichtbare diplomatische Anstrengungen. Auch an der Heimatfront will man bei der sich aktuell bietenden Gelegenheit die radikalislamischen Kämpfer einhegen und so für Ruhe vor allem in den nördlichen Landesteilen sorgen. Schließlich gibt es daneben noch mehrere separatistische Regionalkonflikte (vor allem in Belutschistan) und diverse wirtschaftliche Probleme, mit denen sich die Regierung herumschlagen muss.

Dass die pakistanischen Taliban dialogbereit sein können, illustrieren Verhandlungsversuche im vorigen Jahr. Zwar wurden die Gespräche Ende 2020 oder spätestens Anfang 2021 wieder abgebrochen, wie es in einem Hintergrundbeitrag in The Diplomat vom April heißt. Seinerzeit fanden die Verhandlungen komplett geheim statt, über konkrete Inhalte ist nichts Näheres bekannt. Dennoch habe es eine ernsthafte Bereitschaft gegeben, zu Ergebnissen zu gelangen. Das renommierte internationale Onlinemagazin, das seinen Redaktionssitz in Tokio hat, berief sich dabei auf drei verschiedene Quellen aus TTP-Kreisen. Schon bei diesen Gesprächen soll, wie jetzt auch, das seit den 1980er Jahren bestehende Haqqani-Netzwerk die Kontakte geknüpft haben. Das wenige, was über den letztlich gescheiterten Dialogversuch aus dem Vorjahr im Umlauf ist, könnte auch den Rahmen für die neuen Gespräche bilden: Ein weitgehender Rückzug der pakistanischen Armee aus den nördlichsten Landesteilen, wo die Zentralmacht in Islamabad traditionell ohnehin wenig zu melden hat, erscheint aus Sicht der Regierung ebenso verhandelbar wie eine Form lokaler Grenzsicherung durch die Islamisten im Austausch für die Freilassung inhaftierter radikaler Kämpfer, sofern nur die TTP im Gegenzug auf Anschläge verzichten.

Der seit 2018 regierende Khan mag rhetorisch bisweilen an seine Amtsvorgänger erinnern, doch scheint er die militärische Konfrontation zu scheuen. Schon 2015, noch zu tiefsten Oppositionszeiten, als seine Partei »Bewegung für Gerechtigkeit« (Pakistan Tehrik-i-Insaf, PTI) erst am Anfang ihres schrittweisen Aufstiegs zur heute dominierenden politischen Kraft im Lande stand, sprach er sich für neue Verhandlungen mit den Taliban aus. Da lag das Scheitern des vorigen Dialogs mit den TTP gerade einmal ein gutes Jahr zurück, und die anderen Parteien waren wenig geneigt, sich abermals darauf einzulassen. Im aktuellen Kontext geht es ihm neben dem kurzfristigen Kalkül, dass sich eine Befriedung des Konflikts mit den »einheimischen« Taliban zweifellos bei der nächsten Wahl positiv auswirken könnte, auch um eine mittel- und langfristige Agenda. Es war der schon eingangs erwähnte Innenminister Ahmed, der Ende September bei einer Pressekonferenz freimütig einräumte, es gehe derzeit um die richtigen Weichenstellungen für die kommenden 20 Jahre.

Kritiker der USA

Ganz ähnlich äußerte sich Khan am 15. September 2021 gegenüber CNN – es war sein erstes Interview mit einem westlichen Medium, nachdem die Taliban in Kabul an die Macht zurückgekehrt waren. Der neuen afghanischen Führung müsse die notwendige Zeit eingeräumt werden, mahnte er. Wenn sie imstande sei, alle Fraktionen ihrer Bewegung zu einen und eine inklusive Regierung zu bilden, könne das nach Jahrzehnten des Krieges eine echte Chance auf Frieden und Stabilität bedeuten. »Doch wenn es schiefgeht, und das ist es, wovor wir wirklich Sorge haben, könnte es in Chaos münden – die größte humanitäre Krise, ein riesiges Flüchtlingsproblem«, so der pakistanische Premier weiter. Während er sich an anderer Stelle dafür ausgesprochen hatte, sanften Druck auf die Taliban auszuüben, damit die etwa ein Minimum an Frauenrechten garantieren, waren Khan und Ahmed auf internationalem Parkett zugleich als Anwälte der neuen Machthaber im Nachbarland zu vernehmen. Der pakistanische Innenminister begrüßte ausdrücklich, dass die Regierung der radikalislamischen Bewegung ihre Intention bekundet hatte, zügig dem Chinesisch-Pakistanischen Wirtschaftskorridor (CPEC) beitreten zu wollen. Hinter dieser Bezeichnung stehen Beijings milliardenschwere Investitionsvorhaben auf pakistanischem Boden im Rahmen der Belt and Road Initiative (BRI), hierzulande besser bekannt als »Neue Seidenstraße«. Von den großen Infrastrukturprojekten in Gestalt von Straßen, Eisenbahnverbindungen und einem Ausbau des Hafens Gwadar für erweiterte Warenströme könnte demnach auch Afghanistan profitieren.

Was ein entspannteres Verhältnis zwischen der pakistanischen Regierung und den Taliban in beiden Ländern erleichtern mag: Es ist kein Geheimnis, dass Khan schon länger ein Kritiker der US-amerikanischen Militärmissionen in der Region ist. Seine unmittelbaren Statements nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban hatten im Westen wegen der Wortwahl für gewisse Irritation gesorgt. Vom »Abschütteln der Ketten der Sklaverei« war da die Rede. Bereits im Juni, wenige Wochen vor dem Abzug der letzten westlichen Truppen, unterstrich er in einem »Axios on HBO«-Interview, dass Pakistan nicht als Basis für militärische oder geheimdienstliche Operationen der US-Amerikaner zur Verfügung stehe. So kritisch wie er hatte sich im Grunde noch kein pakistanischer Staatsmann gegenüber dem langjährigen Verbündeten geäußert.

Dabei hatte Islamabad vor 20 Jahren, als die damalige US-Regierung unter George W. Bush kurz nach den Anschlägen vom 11. September der Taliban-Führung in Kabul den Krieg erklärt hatte, weil diese mit dem als Schuldigen ausgemachten Al-Qaida-Netzwerk in einem Boot saß, noch bereitwillig das pakistanische Territorium als Aufmarschgebiet und Nachschubroute für die westliche Allianz zur Verfügung gestellt. Es war die Zeit, als im Land General Pervez Musharraf das Sagen hatte – jener vormalige Armeechef, der 1999 in einem unblutigen Putsch die Macht ergriffen hatte. Auch ihm vertrauten die USA zwar nicht vollends, dennoch war Musharraf gegenüber dem später an die Spitze zurückgekehrten Nawaz Sharif und auch dem inzwischen seit drei Jahren regierenden Khan aus ihrer Sicht noch der verlässlichste Partner. Das Problem mit Pakistan gerade hinsichtlich einer Einmischung in den afghanischen Konflikt bestand allerdings immer darin, dass längst nicht alles in den Händen der politischen Führung lag. Vor allem der mächtige Geheimdienst ISI, aber auch hochrangige Kreise der Armee haben stets ihre eigenen Interessen verfolgt – und durchaus enge Beziehungen zu den Taliban unterhalten, deren Vorläufer man schon im Kampf gegen die sowjetischen Truppen während der 1980er Jahre unterstützt hatte. Als die Taliban dann ab 1995 erstmals den größten Teil Afghanistans regierten, war Pakistan neben Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten eines von nur drei Ländern, die das Regime offiziell anerkannten. Immer wieder sorgte diese doppelte Agenda für kleinere und größere Reibereien, Verbalattacken und Zerwürfnisse zwischen Washington und Islamabad.

Eigenständiger Akteur

Bewusst hatte Washington den pakistanischen Partner etwa im Dunkeln gelassen, als US-amerikanische Spezialkräfte 2011 in Abbottabad, nur ein Stück nördlich der Hauptstadt Islamabad und der benachbarten Militärbastion Rawalpindi gelegen, den jahrelang gesuchten Terroristenführer Osama bin Laden töteten. Unbehelligt hatte der Al-Qaida-Chef dort untertauchen können – wer genau in höchsten Kreisen von ISI, Generalstab und Regierung darüber im Bilde war, darüber wird seither spekuliert. Als wiederum US-Präsident Donald Trump den Pakistanern im Januar 2018 öffentlich vorwarf, die USA jahrelang »zum Narren gehalten zu haben«, auch von »Lüge und Betrug« war da die Rede sowie vom Bedauern, dass die USA binnen 15 Jahren »törichterweise« 33 Milliarden US-Dollar gezahlt hatten, war die diplomatische Verstimmung so groß, dass die pakistanische Regierung den US-amerikanischen Botschafter einbestellte, um ihren Protest gegen die »ungerechtfertigte Kritik« kundzutun. Anderthalb Jahre später, im Juli 2019 beim Besuch Khans in den USA, schienen die Wogen wieder geglättet: Die Trump-Administration hatte da längst den Schwenk in Richtung einer Friedenslösung mit den Taliban und eines baldigen Truppenabzugs aus Afghanistan vollzogen.

Die aktuellen Töne aus Islamabad sind nicht zuletzt der Versuch, sich wieder als eigenständiger Akteur zu etablieren und die intensive US-amerikanische Einflussnahme in der Region während der vergangenen zwei Jahrzehnte endgültig abzuschütteln. Als Pate und Fürsprecher der Taliban-Regierung in Kabul aufzutreten, kann dabei nicht losgelöst von anderen Themen betrachtet werden, insbesondere dem indisch-pakistanischen Dauerkonflikt. Frühzeitig eigene Pflöcke im jetzigen Afghanistan einzuschlagen, bedeutet dabei, einer möglichen Einflussnahme Delhis den Weg zu versperren. Den vorherigen afghanischen Regierungen unter Hamid Karsai und Abdul Ghani Baradar hatten die Inder schließlich nicht unerheblich Hilfe geleistet und beispielsweise das neue Parlament in Kabul gebaut.

Gleichwohl bleibt das Verhältnis zwischen Pakistan und den Taliban widersprüchlich. So soll Baradar, einstiger Taliban-Mitbegründer und nunmehr neuer afghanischer Vizepremier, einen pakistanischen Pass und Ausweis besitzen, was gerade in aktuellen Debatten wieder als klarer Hinweis auf die Unterstützung dortiger Behörden für die islamischen Hardliner ins Feld geführt wurde. Baradar saß aber, 2010 vom ISI festgenommen, im Nachbarland auch acht Jahre im Gefängnis, bis er 2018 maßgeblich auf US-amerikanische Initiative freikam, um als Verhandlungsführer der Taliban die in Doha beginnenden bilateralen Friedensgespräche zu leiten. Sein Verhältnis zum einstigen Gast- und Internierungsland wird deshalb von verschiedenen Quellen mindestens als »schwierig« beschrieben.

Schwierige Verhandlungen

Die faktische Nummer zwei der Taliban ist jedoch längst nicht der einzige mit engen persönlichen Beziehungen zu Pakistan. Mögen hohe Politiker, Militärs und Geheimdienstler über Jahre und teils Jahrzehnte schützend ihre Hand über die immense Zahl an radikalen Koranschulen gehalten haben, deren Betreiber als Mentoren der Gotteskrieger gelten dürfen, so bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass sie Marionetten sind, die den Strippenziehern aus Islamabad gehorchen müssen. Immerhin aber geben die bestehenden Kontakte noch zur berechtigten Hoffnung Anlass, mit Hilfe der neuen Herren in Kabul einen gewissen Einfluss auf die Ultraradikalen im eigenen Land zurückzugewinnen – und in einem neuen Anlauf doch noch eine Art von Frieden mit den TTP zu schließen. Wie hoch der Preis dafür wäre, ob sich das – nach Hunderten und Tausenden von Terroropfern in der Vergangenheit – der eigenen Bevölkerung verkaufen lässt, ob die oberste TTP-Führung einer Einigung zustimmt, ob der machtvolle Sicherheitsapparat der Politik am Ende nicht doch noch ins Handwerk pfuscht – all das muss sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Imran Khan, vor einem Jahr schon einmal deutlich angeschlagen, sitzt innenpolitisch gerade wieder fester im Sattel. Auch dies ist eine wichtige Voraussetzung, wenn die Verhandlungen überhaupt Aussicht auf Erfolg haben sollen.

Thomas Berger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. März 2021 über Bangladeschs Weg in die Unabhängigkeit.

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