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Aus: Ausgabe vom 18.10.2021, Seite 7 / Ausland
Hunger in Syrien

In schwindelnden Höhen

Wegen der enormen Verteuerung können Menschen in Syrien sich nur noch das Notwendigste leisten. Ein Besuch in der Hauptstadt
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Mann bei der Ernte in der Nähe von Damaskus (12.10.2021)

Damaskus im Oktober 2021. Wie immer um die Mittagszeit sind die Straßen in der syrischen Hauptstadt verstopft. Fußgänger laufen kreuz und quer, um einen Bus auf der anderen Straßenseite zu erreichen oder auch, um einen Weg abzukürzen. »Die Syrer sind wie die Vögel«, bemerkt Mutas. »Sie laufen wild durcheinander, wie die Vögel wild umeinander fliegen.«

Mutas ist Taxifahrer in der zweiten Generation und fuhr früher regelmäßig zwischen Damaskus und Beirut oder Damaskus und Amman. Heute holt er Reisende von der libanesisch-syrischen Grenze ab, die – offiziell wegen Covid-19 – seit mehr als einem Jahr geschlossen ist.

Trotz der vielen Probleme, über die er ausführlich zu berichten weiß, wirkt Mutas froh. Noch im Oktober hofft er seine Enkeltochter zum ersten Mal sehen zu können. Wegen der Expo-Weltausstellung in Dubai haben die Vereinigten Arabischen Emirate die Einreisebeschränkungen für Syrer aufgehoben. Preisgünstige Sonderflüge werden angeboten, und so nutzen viele von ihnen die Gelegenheit, um Angehörige, die sie lange nicht gesehen haben, in Dubai zu treffen. Auch Mutas möchte mit seiner Frau und der jüngsten Tochter reisen, um den Sohn mit Frau und erstgeborener Tochter, die in Schweden leben, endlich wiederzusehen. Voraussetzung ist ein gültiger Pass, entsprechend dicht ist das Gedränge beim zuständigen Amt.

Dort muss auch die Autorin am folgenden Tag ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Nach zwei Stunden Treppen hoch und Treppen runter und vielen Unterschriften ist das neue Papier fertig und wird in einem kleinen Geschäft nebenan in einer festen Plastikfolie eingeschweißt. Auf die Frage, ob Herr Dschahdscha, der Geschäftsinhaber, auch den Impfpass der Autorin mit einer Plastikhülle versehen kann, verschwindet er im hinteren Teil des Geschäfts und kommt einige Zeit später mit einer extra angefertigten Hülle zurück. Den angebotenen Geldschein weist er zurück. »Herzlich willkommen«, sagt er. »Es ist unsere Aufgabe, Ihre Wünsche zu erfüllen.«

Auch in der Konditorei Al-Wissam in der Aleppo-Straße werden Wünsche erfüllt. Männer und Frauen drängen sich durch einen schmalen Gang an der Vitrine entlang und begutachten die Leckereien in der Auslage. Es gibt herzhafte, kleine Backwaren, die mit Käse, Paprika, Spinat, Lamm oder anderem gefüllt sind. Im Schaufenster stehen große, runde Platten, auf denen das traditionelle Knafe Nabulsije liegt, eine Süßspeise aus Käse, die auf Wunsch mit Pistazien und Zuckerwasser serviert wird. Der Name deutet daraufhin, dass Knafe aus Nablus in Palästina stammt.

Am Ende des schmalen Ganges steht die Kasse. Nachdem man das Gebäck in der Vitrine begutachten konnte, gibt man hier an, was man haben will, und bezahlt. Mit der Quittung geht es zurück zum Verkaufstresen, hinter dem ein ernster, alter Verkäufer das Gewünschte zusammenstellt und herüberreicht.

Eine Portion Knafe kostete vor dem Krieg etwa 25 Syrische Pfund, umgerechnet waren das 2011 etwa 50 ­Eurocent, das konnte sich damals jeder leisten. Heute kostet die Portion bei Al-Wissam 2.400 Syrische Pfund, das entspricht nach dem offiziellen Umtauschkurs etwa einem Euro.

Die meisten Syrer haben Knafe schon längst von ihrem Speiseplan gestrichen und kaufen die Leckerei nur noch ab und zu, wenn es einen festlichen Anlass gibt. Käse, Eier, selbst Huhn können sich die meisten nicht mehr leisten, seit die Preise für Lebensmittel, die nicht vom Staat subventioniert werden, in schwindelnde Höhen steigen. Für eine Palette mit 30 Eiern, die vor dem Krieg rund 300 Syrische Pfund kostete, muss man heute 11.000 bezahlen, umgerechnet etwas mehr als vier Euro. Der Preis für ein Kilo frisch gemahlenen Kaffee steigt fast täglich und liegt an diesem Wochenende bei 23.500 Syrischen Pfund. Wer Kaffee mit Kardamom möchte, muss 25.000 bezahlen.

Angesichts der enormen Verteuerung können selbst Angestellte mit einem Monatsgehalt von etwa 60.000 Syrischen Pfund sich nur noch das Notwendigste leisten. Menschen ohne feste Arbeit, die täglich verschiedene Gelegenheitsjobs verrichten, haben Schwierigkeiten, ihre Familie mit den Dingen zu versorgen, die nicht in den staatlich subventionierten Lebensmittelgeschäften angeboten werden.

Verschiedene UN-Organisationen wie das Welternährungsprogramm und die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft wiesen zum Welternährungstag am Sonnabend darauf hin, dass der zunehmende Hunger in Syrien besorgniserregend sei. Mehr als zwölf Millionen Menschen hätten nicht genug zu essen, hieß es in der gemeinsamen Erklärung.

Als Grund für den wachsenden Hunger nennen die UN-Organisationen den Krieg, den ökonomischen Niedergang des Landes und die Covid-19-Pandemie. Syrien gehöre zu den neun Ländern auf der Welt, die am stärksten einem »sehr hohen Risiko« extremer Klimaereignisse ausgesetzt seien. Zudem stehe es an dritter Stelle jener Länder, in denen mit einem hohen Trockenheitsrisiko zu rechnen sei. Für 40 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens gebe es keinen ausreichenden Zugang zu Wasser mehr, da Regenfälle im Herbst und Winter nur sporadisch seien oder ganz ausblieben. Bauern würden ihr Vieh verkaufen und ihr Land verlassen, weil sie nicht überleben könnten. Das führe zu Mangel und treibe die Preise in die Höhe. »Humanitäre Hilfe« allein werde nicht helfen, um die Syrer langfristig vor Hunger zu schützen, heißt es in der Erklärung, die »Investitionsprogramme« einfordert.

Was die UN-Organisationen nicht erwähnen, liegt für viele Syrer auf der Hand. Die stetigen Preissteigerungen sind auf die Knappheit an Rohstoffen, Material oder Ersatzteilen zurückzuführen, die für die Lebensmittelproduktion auch auf dem internationalen Markt eingekauft werden müssen. Dafür benötigen Staat und Händler US-Dollar oder Euro über die Syrien nach zehn Jahren Krieg und scharfen Wirtschaftssanktionen nicht mehr verfügt.

Der Zugriff auf das syrische Öl und Gas, das für Transport, Stromerzeugung und Maschinen in der Lebensmittelindustrie gebraucht wird, wird von den USA verhindert, die mit Unterstützung der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) die Ölfelder im Norden und Osten des Landes besetzt halten. Olivenöl, das für Syrien ein wichtiges Exportprodukt ist, kann nur noch in geringer Menge produziert werden. Es fehlt an Energie und Arbeitskräften, und darüber hinaus werden die reichen Plantagen im Nordwesten des Landes von Dschihadisten besetzt gehalten, die von der Türkei unterstützt werden. Bauern, die in Idlib oder Afrin ihre Ernten einbringen, müssen diese in die Türkei verkaufen, anstatt sie im eigenen Land vermarkten zu können.

Die Menschen in Syrien hungern nicht, weil das Land nicht über genügend Nahrungsmittel verfügt, sondern weil Bauern und Händler daran gehindert werden, die eigenen Rohstoffe und den eigenen Boden zu nutzen, um zu ernten, zu verarbeiten und zu verteilen. Wer Hunger in Syrien verhindern will, muss das Land unterstützen, die eigenen Ressourcen wieder nutzen und die Wirtschaft wieder aufbauen zu können.

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