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Aus: Ausgabe vom 18.10.2021, Seite 4 / Inland
Internationale Solidarität

Zapatistischer Geist am Main

Frankfurter Demonstration verbindet Antikapitalismus mit indigenen Kämpfen
Von Gitta Düperthal
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Widerstand an vielen Orten: Im August war die Delegation der Zapatistas bereits in Madrid

»Gegen Kapitalismus und für das Leben, lasst uns das System aus den Angeln heben«, schallt es am Sonnabend durch Frankfurt am Main. Rund 800 Menschen sind an diesem Tag zusammengekommen, um in der Bankenmetropole zu protestieren. Als der Zug in der Stadtmitte um eine Ecke biegt, bleiben die Menschen plötzlich stehen. Auf dem Opernplatz bestimmen im Schatten des blau-silber verspiegelten Doppelturms der Deutschen Bank Schauspieler des Frankfurter Antagon-Theaters das Bild. Mit pantomimischem Ausdruckstanz zeigen sie, welches Elend der Kapitalismus anrichtet. Zu sehen sind zuckende Körper, fremdbestimmt wie Marionetten, zudem verwirrt auseinanderstrebende Individualisten. Statt Applaus ertönt laut: »Hoch die internationale Solidarität!« Das international zusammengesetzte Ensem­ble stimmt mit ein. Die Einsatzkräfte der Polizei beobachten das Ganze und scheinen für einen Moment nicht im Kampfmodus zu sein.

Alles nur Theater? Die hauptsächlich sehr jungen Menschen haben sich unter dem Motto »Wir sind das Netz der Rebellion« versammelt, um auf den Spuren der Zapatistas zu wandeln. Ursprünglich hätte eine Delegation der sozialrevolutionären indigenen Gruppierungen aus dem Süden Mexikos, genauer aus dem Bundesstaat Chiapas, an der Demo teilnehmen sollen. Das Ziel: den Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung, Rassismus und Militarismus in die Zentren der europäischen Metropolen tragen. Bereits seit längerem sind die Zapatistas auf politischer Tour durch Europa. Eine Organisatorin der Demo berichtet am Sonnabend gegenüber junge Welt, dass die Gruppe allerdings schon eine Woche zuvor nach Frankreich gefahren sei. Eingeladen wurden sie in insgesamt 28 Länder. Wohin es die Zapatistas noch ziehen, wisse sie nicht: »Balkan, Italien, Griechenland oder vielleicht auch die Türkei.«

Auf der Frankfurter Demo drehte sich an diesem Tag alles um die zapatistische Befreiungsarmee Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN), deren bewaffneter Aufstand 1994 international Beachtung fand. Aktuell brächten die Zapatistas mit ihrer »Reise fürs Leben« den »nötigen Schwung in den Kampf und die Diskussionen für Freiheit und Würde« nach Europa und selbst nach Kurdistan, berichtete Ercan Ayboga vom Kurdischen Gesellschaftszentrum bei der Kundgebung. Als die kurdische Freiheitsbewegung ihre Strategie um das Jahr 2000 von Grund auf neu diskutierte und entwickelte, hätten die Zapatistas »als Quelle der Inspiration« eine wichtige Rolle gespielt.

In diesem Sinn war auch die Frankfurter Demonstration geplant. Sie zog vorbei am Sitz von Blackrock, dem weltgrößten Finanzdienstleister, der »mit Waffengeschäften, der Zerstörung der Erde und dem Sterben von Menschen« Riesengewinne mache, wie eine Rednerin während der Kundgebung erklärte. Letzte Station der Demoroute war die Europäische Zentralbank – »eine nicht kontrollierbare Institution«, die europäische Geldpolitik »mit der Folge immer stärkerer Monopolisierung« bestimme, so die Kritik.

»Trennt nicht die Probleme der Degradierung der Umwelt von der Unterdrückung der Menschen. Wir können nicht die eine Schlacht gewinnen, ohne die andere zu verstehen«, zitierte Michael Koch auf der Kundgebung den in den USA seit 1976 inhaftierten indigenen politischen Gefangenen Leonard Peltier. Koch ist vom Verein »Tokáta – LPSG Rhein-Main«. Tokáta stammt aus der Lakota-Sprache und bedeutet soviel wie Zukunft, LPSG steht für »Leonard Peltier Support Group«. Er führte aus, welche Gewalt sich in Amerika zugetragen hat: »In der Zeit vor Kolumbus lebten auf dem gesamten Kontinent 100 Millionen Indigene, im 19. Jahrhundert davon kaum mehr vier Prozent.« In heutigen Zeiten, in denen internationale Konzerne von Umweltzerstörung profitieren, habe die Gewalt eine andere Form, müsse aber um so entschlossener bekämpft werden.

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