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Aus: Ausgabe vom 18.10.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Israel und Russland

Schwierige Balance

Israels Premier Bennett reist nach Sotschi und trifft Russlands Staatschef Putin
Von Knut Mellenthin
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Naftali Bennett steht kurz vor seinem ersten Besuch in Russland als Israels Premier

Am Freitag will Israels Premierminister Naftali Bennett zu einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin fliegen, das im Schwarzmeerbadeort So­tschi stattfinden soll. Vorgesehenen für die Gespräche seien »eine Reihe von diplomatischen, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Themen wie auch wichtige regionale Angelegenheiten, vor allem das iranische Atomprogramm«, verbreitete Bennetts Büro am vorigen Dienstag. Es wird Bennetts erster Besuch in Russland sein seit seinem Amtsantritt am 13. Juni.

Israel – und im Hintergrund auch dessen großer Partner, die USA – verlangt von Russland, dass es den Iran unter Druck setzt, die seit dem 30. Juni unterbrochenen Wiener Gespräche wieder aufzunehmen. Dass es dafür kaum Chancen gibt, weil Russland im wesentlichen die iranischen Positionen unterstützt, weiß man zumindest in Jerusalem.

Vermutlich werden Putin und Bennett in Sotschi vorrangig über ein anderes Thema sprechen: Am Mittwoch hatten israelische Kampfflugzeuge mehrere Ziele in Syrien angegriffen, an denen unter anderem auch »iranische Kräfte« vermutet wurden. Mehrere Syrer und Soldaten »unbekannter Nationalität« wurden angeblich getötet. Am Donnerstag teilte ein russischer Militärsprecher mit, die Luftabwehr habe nicht zum Einsatz kommen können, weil die Angreifer die Anwesenheit zweier Passagierflugzeuge im betroffenen Luftraum als Deckung genutzt hätten.

Vorfälle dieser Art hat es auch schon in der Vergangenheit gegeben. Am 17. September 2018 schoss die syrische Luftabwehr in einer solchen Konstellation versehentlich ein russisches Aufklärungsflugzeug ab. Beim Absturz kamen 15 Crewmitglieder ums Leben. Zuvor hatten die israelischen Streitkräfte zahlreiche Raketen auf Ziele in Westsyrien abgeschossen, wo Russland bekanntermaßen einen Militärstützpunkt besitzt, Truppen stationiert hat und regelmäßig Patrouillenflüge unternimmt.

Beide Seiten sind normalerweise bemüht, solche Zwischenfälle zu vermeiden, um ihre gegenseitigen Beziehungen nicht zu stören, die überwiegend freundschaftlich und rücksichtsvoll sind. Russland lässt sich zwar nicht davon abhalten, die verbündete Regierung in Damaskus mit Luftabwehrsystemen zu versorgen, hält sich aber mit Kritik an den völkerrechtswidrigen israelischen Luftangriffen gegen Syrien bis aufs äußerte zurück.

Für Russlands diskretes Schweigen bedankt Israel sich auf gleicher Ebene. So beteiligte sich Jerusalem zum Beispiel 2014 nicht an der westlichen Polemik gegen die auf ein Referendum gestützte Aufnahme der Krim in die Russische Föderation und gegen die Politik Moskaus gegenüber der Ukraine. Seit Russland 2015 begann, der syrischen Regierung militärischen Beistand gegen die vom Westen und einigen arabischen Staaten unterstützten islamistischen Banden zu leisten, wurden die Kontakte zwischen Putin und Israels damaligem Regierungschef Benjamin Netanjahu noch häufiger und vertraulicher. Im Mittelpunkt steht dabei das Bemühen, die Risiken feindlicher Begegnungen in und über Syrien zu minimieren.

2009, Netanjahu war gerade zum zweiten Mal Ministerpräsident geworden, stimmte Israel sogar dem Verkauf von mehreren hundert Drohnen an Russland zu. Die Flugmaschinen sind nicht bewaffnet und dienen nur der militärischen Aufklärung. Sie sind aber für die russischen Streitkräfte in Syrien ein wichtiges Instrument zur Vorbereitung von Luftangriffen auf Stellungen der Islamisten.

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