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Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Angriff des Rudels

Von Erwin Riess
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»Langsam verdichtete sich in uns das Unglaubliche zur Erkenntnis ...«

Am Abend des 4. Juli 1947 tobte zwischen Tennen- und Hagengebirge und dem Hochkönigmassiv ein verheerendes Gewitter. Unterhalb des Hochthrongipfels löste sich ein Felssturz, er donnerte über eine Geröllrinne zu Tal, zerstörte auf ein paar hundert Metern die Gleise der Bundesbahn und kam erst in der Mitte der reißenden Salzach zum Stehen. Binnen Minuten überflutete der blockierte Fluss die Wiesen unterhalb der Marktgemeinde Werfen.

In das Inferno hinein lief auf den Gleisen ein Bahnbeamter mit einer Sturmlaterne Richtung Bischofshofen. Der Eilzug von Zell am See nach Salzburg-Stadt wurde in den nächsten Minuten erwartet, er würde in den Felssturz rasen und in die Salzach gerissen werden, Hunderte Menschenleben waren in Gefahr. Von den Sturmböen gebeutelt und vom peitschenden Regen halbblind, taumelte der Eisenbahner von Schwelle zu Schwelle vorwärts. Die Laterne verzweifelt schwenkend, lief er dem Zug entgegen.

Alle paar Jahrzehnte ereignet sich in dem Talkessel ein Katastrophenunwetter. Die Bundesbahnen waren damals nicht in der Lage, die Geröllrinne durch Betonverbauungen zu sichern. Aus diesem Grund unterhielten sie an der Brücke zum Zaismann-Bauern, von dem die steile Auffahrt zu den Tropfsteinhöhlen der Eisriesenwelt ihren Ausgang nimmt, ein Bahnwärterhäuschen. Der dort stationierte Beamte hatte nur eine Aufgabe: auf die ersten Anzeichen von Muren und Felsstürzen zu achten und Züge zu stoppen.

Auch der Zugführer wusste um die gefährliche Stelle und reduzierte die Geschwindigkeit. Er konnte das schwankende Licht auf den Gleisen ausmachen und leitete eine Notbremsung ein. Sekunden später stürzte weiteres Geröll auf die Strecke. Wenige Meter vor dem Felssturz hielt der Zug an. Von dem Bahnbeamten, einem 32jährigen Bergarbeitersohn aus Mühlbach, verheiratet und Vater dreier Kinder, war keine Spur. Seine Leiche tauchte nie auf. Man ging davon aus, dass sie in den Salzachöfen, einer tosenden Klamm unweit des Burgbergs, zerrissen wurde.

*

Auf den Tag genau vierundsiebzig Jahre nach der Rettung des Nachtzuges führte ich den Dozenten unterhalb der Festung Hohenwerfen zu einem Gedenkstein zwischen Bahnübergang und Salzach.

»Zur Erinnerung an Alois Kössner, der als Schrankenwärter in treuer Pflichterfüllung hier sein Leben verloren hat«, hieß es auf einer Tafel. Eine kleine, ovale Fotografie zeigte einen hageren Mann mit gescheiteltem Haar und Hitlerbärtchen. Der Gedenkstein war flankiert von gelber Schafgarbe und einer Krüppelföhre.

Schweigend verharrten wir vor dem Mahnmal. Da tauchte neben dem Stein die flache Schnauze eines Schnellzugs auf, eine unwiderstehliche Kraft presste uns gegen die Föhre, gefolgt von infernalischem Lärm. Als wir uns gefasst hatten, war der Cityjet längst in die Kurve vor Imlau eingetaucht.

»Ein Held«, sagte der Dozent.

»Ein Mann, der seine Arbeit gemacht hat«, sagte ich.

»Es ist keine leichte Sache, jahrelang in die Nacht zu starren und Gewitter zu beobachten«, sagte der Dozent. »Und im richtigen Moment loszulaufen, ist eine Glanztat. Ein Held, ich bestehe darauf.«

»Wie Sie meinen.«

In einem Geflecht von Wirbeln und Schaumkronen strömte die Salzach neben dem Gleiskörper dahin. Über dem Hochkönig wuchsen Wolkentürme in den Himmel. Als ich den Blick senkte, sah ich, wie sich aus dem milchigen Dunst ein Paddelboot löste. Es fuhr in gefährlicher Nähe zum Ufer.

»Ein mutiger Sportler!« stieß der Dozent hervor. »Oder eine tollkühne Sportlerin«, setzte er hinzu.

»Ein Idiot«, rief ich. »Oder ein Lebensmüder!«

Ich rollte ein paar Meter auf die Brücke, fischte meinen Feldstecher aus dem Rollstuhlnetz, verriegelte Josefs Bremsen und setzte das Glas an. Ich traute meinen Augen nicht. Der Paddler war ohne Helm unterwegs und steckte in einer Kluft, die ich auch bei den verrücktesten Wassersportlern noch nicht gesehen hatte, er trug ein Jackett.

Der Dozent lief dem Kajak auf den Bahngleisen entgegen. Dabei ruderte er mit den Händen in der Luft. Das signal­gelbe Boot wurde von der Strömung weiter ans Ufer gedrückt. Der Oberkörper des Kajakfahrers wippte vor und zurück. Die Bewegung nahm aber nicht vom Einsatz des Paddels ihren Ausgang. Es gab kein Paddel, es schien, als wären die Arme des Mannes hinter dem Rücken zusammengebunden. Das Boot würde in der nächsten Sekunde an den Felsen zerschellen und der Paddler mit den gefesselten Händen würde in die reißende Salzach kippen. Was für eine ausgefallene Methode, sich eines Menschen zu entledigen, dachte ich noch, da sah ich den Dozenten behende über die Ufersteine turnen. Mit einer Hand griff er nach dem Ast einer Weide, mit der anderen bekam er den Bug des Kajaks zu fassen. Der Kampf zwischen der Salzach und dem Dozenten wogte hin und her. Da brach der Ast und der Dozent drohte auf das Boot zu fallen. Wie er es schaffte, den Sturz zu vermeiden und das Kajak aufs Ufer zu ziehen, ist mir heute noch ein Rätsel.

Kurz darauf saß der Dozent neben dem Kajak im Gras. Als ich bei ihm angelangt war, sah ich, dass die vermeintliche Leiche eine Strohpuppe war. Sie sollte wohl einen distinguierten älteren Herrn vorstellen. Während der Dozent mit seinen nassen Kleidern beschäftigt war, durchstöberte ich das Jackett und fand in der Innentasche einen Umschlag. Ich nahm ihn an mich und verstaute ihn in Josefs Rollstuhlnetz.

Ein Folgetonhorn schreckte uns auf. Auf der gegenüberliegenden Flussseite näherte sich ein Feuerwehrauto der Zaismannbrücke. Der Wagen fuhr mit Blaulicht, er wirbelte meterhoch Staub auf.

Wenig später beugte mein Freund Toni Poschacher sich über das Kajak. Toni war Gemeindesekretär, wir waren seit dem Bubenalter, in dem ich jeden August bei meiner Großmutter in Werfen verbracht hatte, eng befreundet. Er war kaum gealtert, sein lausbübisches Lächeln, sein volles Haar und seine tiefe Stimme nahmen die Menschen seit jeher für ihn ein. Ich stellte die beiden einander vor. Als Hoffnungsträger der Humanwissenschaften den einen, als Koryphäe der angewandten Verwaltung den anderen – worauf sie sich höflich zunickten. Er habe das Boot von seinem Büro aus gesehen, erzählte Toni. Immer wieder komme es vor, dass unerfahrene Paddler den Fluss unterschätzten. Außerdem gebe es weit und breit keine geeigneten Ausstiegsstellen. Wer einmal bis zur Brücke gekommen war, befinde sich in Lebensgefahr, denn wenige Meter flussabwärts verenge die Salzach sich zu einer Klamm, ein Vorbote der reißenden Salzachöfen.

»Das ist keine Schaufensterpuppe«, sagte Toni. »Wir haben Puppen im Zeughaus der Bischofshofener Sprungschanze, ein gutes Dutzend. Sie sind Werbeträger für die Vierschanzentournee. Aber sie sind nicht aus Stroh.« Er zupfte am Jackett der Puppe. »Aber das hier …?«

»Vielleicht eine Werbung für den ›Jedermann‹?« meinte der Dozent. Hingebungsvoll massierte er seine vom eiskalten Wasser geröteten Zehen.

Er werde seine Schwester Elfi fragen, meinte Toni ausweichend. Die arbeite seit vielen Jahren im Stab der Salzburger Festspiele und kenne sich da aus.

*

Ich schloss die Augen. Und da war sie: Elfi – die erste Frau, die ich geküsst habe. Großgewachsen, schlank, ihre strohblonden Haare sind zu einem Zopf gebunden. Stundenlang lungerte ich neben der Keusche ihrer Eltern, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Als ich sie zum ersten Mal küsste, waren wir keine fünfzehn Jahre alt. Genauer gesagt, blieb es beim Versuch eines Kusses. Wir saßen im kleinen Kuhstall der Poschachers auf wackeligen Klappstühlen. Die drei Kühe waren für die vielköpfige Familie wichtig, die Poschachers durften sie auf die große Weide der Hoteliersfamilie Obauer treiben, wofür die Kleinhäusler dankbar waren.

Mein erster Kussversuch war technisch mangelhaft. Ich beugte mich weit vor, da kippte mein Stuhl, und ich landete im Stalldreck. Elfi bekam einen Lachkrampf, die aufkeimende erotische Stimmung war zerstört. Ich habe damals meine Lektion gelernt. Wenn eine Sache peinlich wird, muss man die Peinlichkeit auf die Spitze treiben. Und man muss das Ganze oft wiederholen. Auf diese Weise gewinnt man im Minnedienst wieder Oberwasser. Und so strauchelte, rutschte und stolperte ich in den nächsten Tagen bei jedem weiteren Kussversuch. Bis es Elfi zu dumm wurde. Sie drückte mich an die Innenseite der Friedhofsmauer und küsste mich leidenschaftlich. Ich schwöre Stein und Bein, dass sehnsuchtsvolle Seufzer und Anfeuerungsrufe von den Grabsteinen aufstiegen.

Wir trafen uns gern im dunkelsten Teil des Friedhofs, er war von uralten Tannen beschattet, beim Grab des jungen Erb, Sohn des Gemeindearztes, der beim Edelweißpflücken an der Bundesstraße oberhalb von Tenneck abgerutscht und einige Meter tief auf die Straße gefallen war. Heutzutage würde er das wohl überleben, denn seit der Eröffnung der Tauernautobahn ist auf der alten Straße nicht viel los. Damals aber wälzte sich der Transitverkehr halb Europas durch Werfen, und die Geschäftsleute und Hoteliers am Hauptplatz wurden steinreich. Da waren die reisefreudigen Tschechoslowaken in ihren Skodas, die Deutschen, Holländer und Belgier in ihren vollgestopften Käfern, Kadetts und Renaults, winzige Fiats und mächtige Haubenlaster der Marken Mack und Freightliner mit persischen Nummernschildern. Es war eines dieser Ungetüme, das den Verletzten überrollte. »Aufigstiegn, obigfalln, hingwesn« – stand fälschlicherweise auf dem Grab. Vor das »hingwesn« hätte ein »zammgführt« gehört. Im Winter zuvor hatte der junge Erb noch den sechzehn Kilometer langen Abfahrtslauf vom Hochkönig nach Werfen gewonnen. Die gesamte Marktgemeinde verehrte den gut aussehenden, liebenswürdigen Jüngling, der, daran war kein Zweifel, eines nicht fernen Tages die Praxis seiner Vaters übernehmen würde.

Als Elfi von mir abließ, sagte sie: »Jetzt hast du beim Grab vom Erb einen Kuss geerbt.« Ihre künstlerische Ader war damals schon ausgeprägt. Es war nur folgerichtig, dass sie beim größten Kunstspektakel der Republik beschäftigt war, den Festspielen.

*

Endlich gelang es mir, das Gespräch auf die Festspiele und die Puppen zu bringen. Sie stammten tatsächlich aus dem Fundus der Festspiele, sie waren »in Verstoß« geraten, eine amerikanische Filmgesellschaft sei dabei, eine Serie über die Salzburg-Verbindungen einer US-amerikanischen Mafiosa zu drehen. Die Firma hatte mit den Festspielen einen Vertrag über die Mitnutzung des Kostümfundus geschlossen, wobei zwei Wochen vor Beginn der Festspiele alle Leihstücke wieder an ihrem Platz sein sollten. Offensichtlich war die Rückgabe nicht kontrolliert worden. Oder einige Angestellte wollten sich ein Zubrot verdienen.

Auch sei mehrfach im Fundus eingebrochen worden, so Elfi. Und der zuständige Mitarbeiter sei am Morgen in der Nähe des Schlosses Leopoldskron tot aufgefunden worden. Es gebe keinen Hinweis für ein Fremdverschulden.

»Aber seltsam ist es schon«, bemerkte Elfi. »Gestern vor Dienstschluss hab’ ich den Obwascher Schorsch noch gesehen. Ein angenehmer Kollege, zurückhaltend und verlässlich. Im Fundus war er der unumschränkte Herrscher.«

Ich erkundige mich noch nach dem genauen Ort, an dem die Leiche des Festspielbeamten gefunden wurde. »Bei der Schießstatt, wo der Schorsch im ehemaligen Scharfrichterhaus wohnte«, erwiderte Elfi. »Erzbischof Max Gandolf von Kuenburg ließ dort im späten 17. Jahrhundert die sogenannten Zauberbuben verbrennen, hundertfünfzig Buben und Mädchen, die sich als Bettler durchbrachten, unter ihnen Vier- und Fünfjährige. Der Innsbrucker Rechtsprofessor Frölich von Frölichsburg gab dem Massenmord seinen Sanktus, und der Erzbischof wusch seine Hände in Unschuld. Aber einen haben sie nicht bekommen, den ›Schinder-Jackl‹ aus Werfen, Sohn der Barbara Koller, die als Abdeckerin oder Schinderin arbeitete und nach eingehender Folter als Hexe verbrannt wurde. Der Schinder-Jackl scharte Freunde um sich und verschwand. In der Folgezeit lag hin und wieder ein Beamter oder ein Priester tot im Moor oder wurde schrecklich zugerichtet von der Salzach angetrieben. Es hieß, der Schinder-Jackl sei im Hochkönig verschwunden. Und dass er wiederkommen werde mit seinen Leuten, aber als Wolf. Und dann gehe es ans Aufräumen mit den Mördern aus der Bischofsstadt.«

*

»Es gibt für das Nichterscheinen meines Bekannten zwei mögliche Erklärungen, und beide sind für mich katastrophal«, fuhr Madame fort. »Welche der beiden zutrifft und ob es nicht doch eine dritte Erklärung gibt – das müssen Sie, geschätzter Groll, herausfinden.«

Sie beugte sich vor und sprach mit verminderter Lautstärke weiter. Ihrer rauchigen Stimme war anzuhören, dass diese Frau gewohnt war, einen Großbetrieb zu leiten. »Sie müssen wissen, dass mich mit diesem Gentleman, der auf dem Anwesen seiner Eltern in den Cotswolds am Fluss Avon aufwuchs und in Oxford studierte, mittlerweile aber in Küssnacht am Vierwaldstättersee lebt, eine langjährige Beziehung verbindet, für die das Wort Zuneigung eine Untertreibung wäre.« Und nach einer Pause setzte sie hinzu: »In den Maßen des Anstands natürlich, mein Bekannter ist verheiratet. Glücklich verheiratet. Kinder soll es auch geben. Wie viele, vergesse ich immer.«

Ich konzentrierte mich auf jedes Wort. Madame duldet es nicht, wenn ich in ihrer Gegenwart Notizen mache. Sie entnahm ihrer Handtasche ein hellbraunes Lederetui, öffnete es, schrieb mit ihrer Füll­feder einen Namen auf die Rückseite eines Strafmandats und schob es mir zu. Ich prägte mir den Namen ein: Liam Ferguson. Dann nahm sie das Mandat wieder an sich und steckte es in ihre Handtasche.

Nun hatte ich den Namen. Aber bei den Festspielen finden sich nicht wenige Besucher ein, für die Karten unter falschen Namen hinterlegt sind. Im Festspielbüro sind Dutzende Leute damit beschäftigt, die Bedürfnisse der betuchten Klientel zu bearbeiten. Für Sponsoren und deren Entourage galt das in verstärktem Maß. Nicht alle führenden Herren aus Hochfinanz und Politik verbringen die Festspieltage mit den Ehegattinnen. Sollten diese aber doch bei den Galavorführungen dabeisein, sehen die Geliebten die Vorstellungen eben bei der zweiten oder dritten Aufführung. Und irgendwann findet auch der gefragteste Vorstandsvorsitzende Zeit, sich mit seiner Favoritin in diskrete Innenstadthotels zurückzuziehen. Das Hotelpersonal verfügt über eine große Expertise im Organisieren von verschwiegenen Etablissements. Die Schwester meines Freundes Poschacher-Toni arbeitet seit drei Jahrzehnten im Festspielbüro, ihr ist nichts Menschliches fremd. Ich würde mich also an sie wenden. Der von Madame so schmerzlich vermisste Herr wird wohl einen anderen Termin der Verabredung mit Madame vorgezogen haben, dachte ich. Ob geschäftlich oder privat, war offen. Andererseits beschlichen mich angesichts dieser ersten Arbeitshypothese sehr bald Zweifel.

»Ich lege für ihn die Hand ins Feuer, was Umgangsformen und Höflichkeit anlangt«, sprach Madame. »Selbst wenn etwas Unvorhersehbares dazwischengekommen wäre – er hätte sich gemeldet, und sei es nur durch eine Kurznachricht«, nahm Madame meinen Einwand vorweg. »Ich befürchte das Schlimmste. Ach ja, ich vergaß hinzuzufügen, wo er logiert: Im ›Goldenen Hirsch‹, von der ›Blauen Gans‹, in der ich immer abzusteigen pflege, ist das nur einen Katzensprung entfernt.«

*

Wir traten den Rückzug an. Ich wendete, was der engen Straße wegen nicht einfach war. Neben mächtigen Baumstämmen tat sich die Schlucht auf.

Nach wenigen Metern übertönte ein seltsam singendes Geräusch den Motorlärm, irgend etwas musste sich in einem Rad verklemmt haben, auch die Lenkung zog auf eine Seite. Der Dozent erbot sich nachzusehen, aber ich winkte ab und wollte das geöffnete Faltdach schließen, ließ es dann aber bleiben. Das erwies sich als schwerer Fehler. Weiter ging die Fahrt über Stock und Stein, das eingeklemmte Rad sang jetzt nicht mehr, es scheuerte am Radkasten. In die würzige Waldluft mischte sich der scharfe Geruch von bearbeitetem Eisen. Ich sah das Ende unseres Vorstoßes ins Blühnbachtal gekommen. Nach einem kurzen Halt fuhr ich vor und zurück und versuchte, das eingeklemmte Teil auf diese Weise abzuschütteln. Das brachte nur eine kurzfristige Erleichterung. Nach wenigen Kurven war das Geräusch wieder da, lauter und bedrohlich als zuvor. Wie wir auf diese Weise die verbleibenden sechs oder sieben Kilometer auf der ausgeleierten Straße, die abschnittsweise mehr einem Hohlweg glich, schaffen sollten, war mir schleierhaft.

Wenn man in einer gefährlichen Lage nicht weiter weiß, soll man die eingeschlagene Bewegung unbeirrt fortsetzen, erinnerte ich mich einer Regel. We’ll cross that bridge when we come to it, hämmerte ich mir ein, und fuhr, so gut und so schnell ich es vermochte, weiter.

Tatsächlich ereignete sich etwas Unerhörtes. Ein Tier fiel vom Rand des geöffneten Faltdaches dem Dozent auf die Oberschenkel. In einem Reflex riss er die Seitentür auf und stieß das zähnefletschende, stinkende Ungeheuer aus dem fahrenden Auto. Ich beschleunigte weiter und raste wie ein Rallyefahrer auf einer abschüssigen Sonderprüfung talwärts. Aber wir waren nicht schnell genug, und der tollwütige Hund war nicht allein. Ich versetzte den Wagen ins Schlingern, rechts und links knallten die Räder an Felsen und Baumstämme. Fortgesetzt versuchte eine Meute, über das verfluchte offene Dach in den Wagen zu kommen oder aus vollem Lauf ins Wageninnere zu springen. Als es einer Bestie gelang, auf die Motorhaube zu klettern und sich mit den Vorderläufen am Dachrand verhakte und furchterregend die Zähne fletschte, ertönte ein Schuss, das Tier war in den Kopf getroffen, es rutschte seitlich über die Motorhaube auf die Straße. Zweimal noch musste Herr Kálmán seine Pistole bemühen, dann weitete sich der Weg, und wir querten den Platz vor den drei uralten Holzhäusern. Ich fuhr weiterhin mit Höchstgeschwindigkeit. Das metallische Hämmern war wieder zu hören, aber ich dachte nicht daran, das Tempo zu reduzieren. Von den Bestien war nichts mehr zu sehen.

Als wir nach Tenneck hinunterkamen, die Waldstraße in eine asphaltierte Straße überging und erste Häuser mit Blumenrabatten und Carports auftauchten, atmete ich tief durch. Vor dem Eingang zur Fabrik rollten wir aus. Es war eben 14 Uhr geworden, der Schichtwechsel führte einige Dutzend Arbeiter an uns vorbei. Die meisten gingen zu ihren Autos, andere traten in das Lebensmittelgeschäft.

Langsam verdichtete sich in uns das Unglaubliche zur Erkenntnis: Wir waren von einem Wolfsrudel attackiert worden.

Erwin Riess, geb. 1957, ist Schriftsteller. Er lebt und arbeitet in Wien-Floridsdorf und Pörtschach-Pritschitz am Wörthersee. Zudem ist er Aktivist der »Selbstbestimmt-Leben-Bewegung« behinderter Menschen. Bekanntheit erlangte Riess u. a. mit seinen »Herr Groll«-Romanen, jeden zweiten Montag erscheint in der jungen Welt seine Kolumne »Korrespondent Groll«. Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus »Herr Groll und die Wölfe von Salzburg«, der dieser Tage im Otto-Müller-Verlag erscheint.

Der Autor liest aus seinem Roman am 4. Oktober 2021 in Wien in der Alten Schmiede, Beginn: 19 Uhr Erwin Ries: Herr Groll und die Wölfe von Salzburg. Otto-Müller-Verlag, Salzburg/Wien 2021, 212 Seiten, 22 Euro

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