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Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Repression

In den Tod getrieben

Vor 40 Jahren starb Klaus-Jürgen Rattay im Zuge eines Polizeieinsatzes gegen Hausbesetzer in Westberlin
Von Matthias Reichelt
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Bei einer Demonstration gegen die Räumung der besetzten Häuser, die von der Polizei abgedrängt wurde, erfasste ein Bus den 18jährigen Demonstranten Klaus-Jürgen Rattay und schleifte ihn zu Tode: Am Unfallort in der Potsdamer Straße (22.9.1981)

Hausbesetzungen haben eine lange Tradition in Berlin. Anfang der 1970er Jahre wurden das Bethanien und das Georg-von-Rauch-Haus durch Besetzung gerettet. 1973 folgte das Tommy-Weisbecker-Haus, das bis heute schräg gegenüber der SPD-Parteizentrale durch seine phantastische Wandmalerei auf sich aufmerksam macht. Die Gründe für die Besetzungen waren vielfältig. Neben dem Wunsch nach selbstbestimmten Lebensformen stand an erster Stelle der Mangel an preiswertem Wohnraum. Ende der 1970er Jahre war das besonders skandalös, weil viele Häuser, vor allem in Kreuzberg, aber auch in anderen Bezirken, leer standen. Das hatte spekulative und städteplanerische Gründe, da damals die absurde Idee einer »autogerechten« Stadt umgesetzt werden sollte. Für Kreuzberg war eine – teilweise erfolgte – Kahlschlagsanierung vorgesehen. Ironie der Geschichte: Dass überhaupt so viele alte Gebäude überlebt haben, die heute Objekte von Spekulation sind, ist den Hausbesetzern zu verdanken.

Auf dem Höhepunkt der Bewegung zwischen 1980 und 1984 fanden ca. 200 Hausbesetzungen statt, die in der Bevölkerung auf große Sympathie stießen. Nachdem der SPD-geführte Senat unter Dietrich Stobbe aufgrund des Garski-Skandals im Januar 1981 abgedankt hatte, amtierte kurze Zeit Hans-Jochen Vogel (SPD) als Regierender Bürgermeister und etablierte die »Berliner Linie«. Sie sah vor, dass neubesetzte Häuser innerhalb von 24 Stunden zu räumen seien, aber mit den Bewohnern der bereits besetzten Häuser über eine Legalisierung verhandelt werden sollte, was letztlich zu einer Spaltung der Bewegung führte. Nach den Wahlen im Mai 1981 stellte die CDU zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte mit Richard von Weizsäcker den Regierenden Bürgermeister, während der am rechten Rand der CDU angesiedelte Heinrich Lummer Innensenator wurde. Am 22. September 1981 ließ dieser acht Häuser räumen, vier davon in Schöneberg in der Bülowstraße 89 und der Winterfeldtstraße 20/22/24. Nach der Räumung hielt Lummer in der Bülowstraße 89 eine Pressekonferenz ab und zeigte sich in Siegerpose auf dem Balkon.

Viele Menschen protestierten lautstark gegen die Räumungen und wurden von der Polizei mit Schlagstöcken in den fließenden Verkehr der Potsdamer Straße abgedrängt. Dabei geriet der 18jährige Klaus-Jürgen Rattay unter einen BVG-Bus, der ihn von der Bülowbrücke bis vor die Commerzbank mitschleifte, wo er noch am Unfallort starb. Sein Tod führte unter großer Anteilnahme der Anwohner zu Trauerbekundungen am blumengeschmückten Unfallort und zu vielen spontanen Demonstrationen am Abend und in der Nacht.

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    »Unsere Häuser nicht freiwillig den Haien überlassen«: Kampfansage an Innensenator Heinrich Lummer einen Tag vor der Räumung
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    Nach der Räumung. Das Haus in der Schöneberger Bülowstraße (22.9.1981)
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    Demonstration in Berlin-Schöneberg am Abend des Todes von Klaus-Jürgen Rattay (22.9.1981)
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    Klare Fronten: Hausbesetzer und Polizei bringen sich in Stellung für den folgenschweren Einsatz (22.9.1981)
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    Der rechte Knüppel-aus-dem-Sack-Senator Heinrich Lummmer auf dem Weg zu seiner Pressekonferenz im geräumten Haus in der Bülowstraße 89 (22.9.1981)

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