Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 10 / Feuilleton
Klassik

Die innere Urgewalt

Wie eben erfunden: Tobias Kochs eigensinnige Interpretationen früher Beethoven-Sonaten
Von Stefan Siegert
imago0063423042h Kopie.jpg
Runter vom Sockel: Tobias Koch bricht bei seinen Beethoven-Interpretationen mit alten Hörgewohnheiten

Der Hammerflügelliebhaber Tobias Koch hat das vergangene Jubeljahr zum Anlass genommen, die letzten Sonaten der sogenannten frühen Periode Beethovens aufzunehmen, allen voran deren zwei wohl bekannteste, die »Pathétique« und die sogenannte »Mondscheinsonate«. Beide Male, beim cis-Moll-Werk mehr als bei der »Pathétique«, stehen einem beim ersten Hören die Ohren zu Berge. Koch bürstet gegen den Strich, das ist so seine Art, er meint es nicht böse, er ist kein Provokateur. Mögen Generationen von Bürgersleuten im ersten Satz der cis-Moll-Sonate den Inbegriff tief empathischen Hörens erleben – Koch spielt das Stück, wie in der Erstausgabe vermerkt, alla breve, das heißt, doppelt so schnell wie gewohnt: Mit dem romantischen Mondschein eines in der neuen Sachlichkeit der Digitalisierung mehr denn je zu gefühligen Auslegungen von Musik neigenden Publikums hat sich’s mithin.

Auch in der »Pathétique« betont er die Vorschläge der Akkorde deutlicher als die meisten anderen, und auch etwa Brendel oder Barenboim machen Pausen, die andere nicht machen. Aber Koch kann sie bis ans Äußerste dehnen. Die 64stel-Skalen am Ende der beiden langsamen Anstiege des Grave-Themas am Beginn der »Pathétique« klingen bei ihm weniger gestochen-glatt als spielerisch-lebendig; die zwei Fortissimo-Einschübe knallt er nicht effektvoll heraus wie viele andere, er integriert sie sorgsam. In der »Mondscheinsonate« erinnert er gleich am Anfang daran, dass es sich bei diesem Stück nicht um eine Orgie musikalischer Innerlichkeit handelt, sondern um eine mit auf ganz bestimmte rhythmische und harmonische Weise zusammengefügten Noten spielende und arbeitende Musik. Die Tonart c-Moll bleibt auch bei Koch megadüster, die Melodie, sie steigt plötzlich, wie nicht erwartet, aus den Triolen auf, ist so wunderschön, so trauermarschtraurig wie eh und je. Beethovens Anordnung, das Stück solle ohne Dämpfung gespielt werden – modernen Instrumenten unmöglich – führt im geschwinderen Tempo auf dem alten Instrument Kochs zu einer besonders fahlen Beleuchtung. Und doch wird das Mainstreampublikum bei dieser »Mondscheinsonate« aller Voraussicht nach unter schweren Entzugserscheinungen leiden, es wird im Namen einer nur durch endlose Wiederholung beglaubigten Konvention böse sein auf Tobias Koch. Der mag sich einfach nicht an die große Verabredung halten, der sich bei aller individuell verschiedenen Ausprägung die große Mehrheit der Pianistinnen und Pianisten verpflichtet fühlt.

Um Tonnen leichter

Er hat freilich Anhaltspunkte. Nicht Czerny, den Meister- und Musterschüler Beethovens mit seiner noch das 21. Jahrhundert prägenden Klavierschule. Sondern Carl Philipp Emanuel Bach, den Ältesten des Thomas­kantors, der, nicht nur mit seinem Buch über »Die Wahre Art, das Clavier zu spielen«, Haydn und Mozart und über die beiden auch noch Beethoven inspirierte. Carl Philipp Emanuel brachte – neben neuartigem Feuer in die Sinfonie – in Form der Klavierfantasie auch bis dato unbekannte Möglichkeiten in die Musik ein, den festgeklopften Regeln älteren Komponierens zu entrinnen. Bevor es in den Skalen des »Pathétique«-Anfangs abwärts geht, verzögert und verdünnt Koch beim zweiten Mal die von der linken Begleithand allein gelassene, nach unten sich orientierende Melodie, ein Hauch von Rezitativ kommt auf, eine Ahnung von Phantasie. Die »Mondscheinsonate« und ihr Schwesterwerk, das Opus 27 Nr. 1, so der Tonsetzer, seien beide als »quasi una fantasia« zu spielen.

Durch Kochs Deromantisierung des Adagio sostenuto der »Mondscheinsonate« wirkt der Beginn dieses Werks um Tonnen leichter. Das Scherzo in der Mitte wird als tänzerisch ambivalentes Intermezzo erkennbar. Und der Finalsatz erweist sich als Hauptsache und Ziel. Koch spielt dieses Presto agitato unerbittlich und anhaltend schnell, die Leittöne bersten krachend durch den fast maschinenhaft in Sechzehntel-Arpeggien durch die Zeit rollenden Ablauf. Man sieht den Tonsetzer am Klavier vor sich: Er hat wiederholt Klavierhämmer zerbrochen im rasenden Ingrimm solcher Musik.

Tobias Koch ist es nicht recht, dass solche Werke auf repräsentativen Hochglanzsockeln virtuos verkümmern, Werke, in denen Beethovens Genius erstmals die – zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch – revolutionäre Seite bürgerlicher Individualität zum Ausdruck brachte. Der Tonsetzer war ums Jahr 1800 mit Opus 13 und auch mit Opus 27 Nr. 2 noch nicht auf den von ihm annoncierten »neuen Wegen«. Die innere Urgewalt im Grave der »Pathétique« und im finalen Presto agitato der Mondscheinsonate wurden gleichwohl von seinen Zeitgenossen als etwas Beunruhigendes, nie Dagewesenes gehört.

In neuem Licht

Ganz in diesem Sinn lässt Koch selbst dem Mainstream derart vertraute Stücke befremdlich klingen. Sein Publikum soll nicht immer gleich wissen, was kommt. Koch hat nicht die Absicht, zu verfremden. Er will die in jedem Stück Musik angelegten unendlichen Möglichkeiten des Ausdrucks, des Klangs, der verschiedenen Farben und Stimmungsnuancen mit jedem Mal anders ausleuchten. Bevor er beginnt, wünscht er sich im Bewusstsein seines Auditoriums die Resettaste: zurück auf Los, die Devise, weg mit Vorurteilen und vorgestanzten Begeisterungen, Schluss mit allem, was der Neugier im Weg steht.

Es gibt zweifellos falsche Beethoven-Interpretationen: so, wenn der Tonsetzer wie ein musikalischer Dienstleister der zu seiner Zeit Herrschenden klingt. Oder wie der akustische Chefdesigner der Regierenden in der Zeit Herbert von Karajans. Den »richtigen« Beethoven gibt es nicht. Der Tonsetzer selbst spielte seine Musik – im Rahmen ihres, nennen wir es: Gehalts, ihrer inneren Haltung – bei jeder neuen Aufführung, wie ihm gerade war, also immer anders. »Pathétique« und »Mondscheinsonate« klingen unter den Händen Tobias Kochs wie eben erfunden. Das hieß im Fall Beethovens in den Schaffensperioden, in denen er auf Neues setzte, immer: überraschend – Kochs Schlüsselwort. Mit ihm knackt er Gewohnheiten. Er öffnet Türen ins Glück unerwarteter Erfahrungen.

Beethoven: »Auf der Suche nach neuen Wegen« (die mittleren Sonaten auf drei CD: I. op. 13, 14/1, 14/2 – II. op. 26, 27/1, 27/2, 28 – III. op. 31/1 bis 31/3) – Tobias Koch, per drei Sorten Hammerflügel (CAvi/Harmonia Mundi France)

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Pianistische Gipfelstürmerei. Igor Levit ist im Himalaja zu Haus...
    07.08.2021

    Weltseele am Piano

    Igor Levit spielt Beethovens »Eroica« samt Zugaben. Gedanken zu einem Salzburger Klavierabend
  • Feinsinnig mitreißend: Freiburger Barockorchester
    19.04.2021

    Ein tänzerisches Stürmen

    Das Freiburger Barockorchester und Gottfried von der Goltz spielen Beethovens siebte Sinfonie

Mehr aus: Feuilleton