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Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitsplätze vernichtet

Autos statt Windräder

Klimaschutz in Brandenburg: Dänischer Turbinenhersteller Vestas schließt Werk in Lauchhammer. Gefeuerte Beschäftigte sollen bei Tesla anheuern
Von Bernd Müller
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Mit Windkraft lässt sich in Deutschland nur wenig Geld verdienen. Vestas-Werk in Lauchhammer (18.8.2014)

Der dänische Windturbinenbauer Vestas schließt drei Werke in Europa, darunter auch das Werk im brandenburgischen Lauchhammer. Geschlossen werden auch die Werke in Viveiro in Spanien und im dänischen Esbjerg. Insgesamt stehen rund 650 Beschäftigte vor dem Aus, davon 460 in Brandenburg.

Die Aufregung im Land ist groß. »Die Entscheidung von Vestas, am Standort Lauchhammer wie an zwei weiteren Standorten in Europa die Produktion zu schließen, kommt überraschend«, sagte Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Er könne die Entscheidung nicht nachvollziehen, betonte er und verwies dabei auch auf das Ziel der Klimaneutralität. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten auch die Windenergieanlagen schneller ausgebaut werden.

Jochem Freyer, Chef der Agentur für Arbeit in Frankfurt an der Oder, machte den Beschäftigten am Mittwoch etwas Hoffnung. Gegenüber dem RBB sagte er, die Beschäftigten könnten zumindest zum Teil auch bei Tesla in Grünheide anfangen. Wie viele dort unterkommen könnten, sagte er aber nicht. Nicht nur aus klimapolitischen Erwägungen ist der Vorschlag ein Trauerspiel. Auch die Gesundheit der Beschäftigten steht auf dem Spiel. In einem Onlineverfahren werden seit Freitag 800 Beschwerden beim Bau des Tesla-Werks geprüft. In mehreren Einwänden zweifeln Kritiker das Konzept zum Umgang mit Störfällen wie Stoffreizung, Brand und Explosionen an, berichtete dpa am Freitag.

Die Opposition im Landtag machte indessen die Landesregierung mitverantwortlich für die Entscheidung des Konzerns. Sie sei ein schwerer Schlag für die Lausitz, erklärte Sebastian Walter, Vorsitzender der Fraktion Die Linke. Bereits vor zwei Jahren habe das Unternehmen 500 Stellen in Lauchhammer abgebaut und damit etwa die Hälfte der damaligen Belegschaft entlassen. »Offenbar ist die Nachfrage nach den Rotorblättern erneut gesunken«, erklärte Walter. Und die Landesregierung trage eine Mitschuld; in den letzten Jahren seien die Windkraftanlagen im Land zuwenig ausgebaut worden. Außerdem fehle nach wie vor ein klares Bekenntnis der Landesregierung zu einem weiteren Ausbau der Nutzung von Windenergie.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) machte vor allem die Christdemokraten für den Verlust der Arbeitsplätze in der Lausitz verantwortlich. DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner erklärte am Dienstag: »Die Schließung des Vestas-Standorts Lauchhammer geht auf die Kappe von Armin Laschet, Markus Söder und dem Brandenburger Spitzenkandidaten der Union, Jens Koeppen.« Alle drei hätten sich immer wieder für Abstandsregeln für die Windenergieanlagen ausgesprochen und hätten sich geweigert, Hürden für den Anlagenausbau zu beseitigen. »Hier offenbart sich das ganze wirtschaftspolitische Versagen der Gegner der Energiewende in der Union.« Ausgerechnet in einer Braunkohleregion gehen jetzt Arbeitsplätze in einer Zukunftsbranche verloren.

Auch die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, nutzte die Werksschließung für eine Generalabrechnung mit der Energiepolitik der Bundesregierung. Weil die Windkraftanlagen in Deutschland kaum ausgebaut worden seien, hätte Vestas zum Beispiel zunehmend für die Boommärkte in Asien und Amerika produziert, erklärte sie am Mittwoch gegenüber dpa. »Dies ist die Folge der verfehlten Energiepolitik der großen Koalition auf Bundesebene.« Während die Bundesregierung um jeden Arbeitsplatz in der Kohle kämpfe, nehme sie den Verlust von Jobs bei den Erneuerbaren achselzuckend hin.

So mancher hegt noch die Hoffnung, dass das Werk nicht geschlossen wird. Der Umweltökonom Stefan Zundel von der BTU Cottbus-Senftenberg verlieh am Mittwoch gegenüber dem RBB seiner Hoffnung Ausdruck, dass es sich der Konzern mit der Bundestagswahl noch einmal anders überlegen könnte. Es bestünden Chancen, so Zundel, dass die Entscheidung aufgeschoben werden könne, bis die neue Bundesregierung mehr Klarheit über die Ausbaugeschwindigkeit bei den erneuerbaren Energieträgern geschaffen habe.

Diese Hoffnung dürfte allerdings kaum mehr als eine Illusion sein. In der Lausitz produziert Vestas Rotorblätter mit einer Länge von 57 beziehungsweise 67 Metern. Diese werden bei relativ kleinen Windkraftanlagen eingesetzt. Diese würden in der Region aber nicht gebraucht, hatte Johannes Schiel, Sprecher von Vestas für Nord- und Zentraleuropa, der Lausitzer Rundschau (Mittwoch) gesagt. In Deutschland und Europa würden aber vor allem größere Anlagen und mit längeren Rotorblättern errichtet. Und diese fertige Vestas an anderen Standorten in Spanien, Italien, aber auch in Nordamerika und Asien. Am Standort Lauchhammer seien auch die logistischen Voraussetzungen für eine Produktion von Rotorblättern ungünstig. So fehle zum Beispiel die Nähe zu einem Hafen.

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