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Aus: Ausgabe vom 25.09.2021, Seite 1 / Titel
Bundestagswahl

Wahlempfehlung

Von Thomas Gsella
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Wahlkämpfer des Roten Frontkämpferbundes (um 1928)

Die da alles laufen lassen,

Als wär vieles gut, und die,

Die sich gerne kaufen lassen,

Sind nicht gut für dich und Sie.

*

Die mit offenbaren Meisen

Und die Lauten: eher nicht.

Besser sind die eher Leisen,

Die mit Falten im Gesicht.

*

Der Profit hat Interessen,

Süßer riecht der Blütenduft.

Soll die Menschheit morgen fressen,

Braucht sie heute Atemluft.

*

Alter kann soviel wie Jugend,

Leid ist nicht, was Freude meint.

Menschlichkeit ist eine Tugend,

Über die der Unmensch weint.

*

Denn es stehen nicht alleine

Menschen auf den Listen drauf.

Wählbar sind auch Superschweine.

Also pass beim Wählen auf:

*

Mach auf ihren blöden Listen

Nicht dein Kreuz bei Tod und Wahn,

Mach dein Kreuz bei Kommunisten,

Denn dann hast du recht getan.

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Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

  • Leserbrief von Peter Blöth aus Böbing (30. September 2021 um 13:06 Uhr)
    Die Zeit ist leider schon lange vorbei, als Wahlkämpfe fair und respektvoll geführt wurden. Anstand und Ehrlichkeit gegenüber den Wählern und den zur Wahl stehenden Abgeordneten gehört der Geschichte an. Unsere Medien warnen eindringlich vor russischer Wahlbeeinflussung und vergessen dabei, dass sie selbst, statt loyal zu berichten, versuchen, das Wahlverhalten der Bürger zu manipulieren. Die Parteien und einzelne Mitglieder sind nicht viel besser. Durch Lügen, Hetze, Halbwahrheiten wird versucht, die Konkurrenz zu diskreditieren. Streitkultur ist heutzutage auf unterstes Niveau gesunken.
    Besonders deutlich ist dies in der Auseinandersetzung mit den Grünen und deren Spitzenkandidatin Frau Annalena Baerbock ersichtlich. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich diese Partei lieber von hinten sehe und Frau Baerbock für einen Fehler halte. Die Art und Weise aber, wie diese Partei angegriffen wird, ist schon kriminell. In unserem Land ist es möglich, bewusst Falschaussagen, Lügen im Umlauf zu bringen, ohne dass man dafür zur Verantwortung gezogen wird.
    So unterstellt man kurzerhand Frau Baerbock, dass sie die Witwenrente abschaffen will oder den Besitz von Haustieren unterbinden möchte. Im Grunde sind die Anschuldigungen lachhaft und leicht zu durchschauen, meint man. Aber leider ist das nicht so. Viele glauben das tatsächlich. Nun sagt mir bitte, welche Witwe wählt die Grünen, wenn ihre Rente in Gefahr ist?
    Noch schlimmer sind Halbwahrheiten, die weniger zu durchschauen sind. Meine Tochter zeigte mir vor kurzem eine Facebook-Veröffentlichung, die einen Auszug einer Aussage einer Grünen beinhaltete.
    Diese Aussage lautet: »In der Heimat des Täters werden vergewaltigte Frauen zum Tode verurteilt. Deshalb musste er sie nach der Vergewaltigung töten. Für diesen kulturellen Unterschied müssen wir Verständnis haben.« Das soll eine Petra Klamm-Rothenberger von den Grünen geäußert haben. Nun, diese Frau ist weder Mitglied der Grünen, noch existiert sie. Das Gefährliche daran ist, dass die Aussage eingebettet zwischen Aussagen von Grünen-Politikern des Bundestages waren und deshalb glaubhafter schienen.
    Laut Spiegel wurde eine Million öffentlicher Facebook-Kommentare ausgewertet, mit dem Ergebnis, dass etwa 500.000 Beiträge potentiellen Hass und Lügen beinhalten. Im Zusammenhang der Wahlen richteten sich 174 gegen die SPD, 265 gegen die CDU und 1.535 gegen die Grünen. Wenn das keine Wahlbeeinflussung sein soll?
    Interessant finde ich, dass plötzlich Umfragen wie die von Allensbach kurz vor der Wahl im Umlauf kommen, die zur Aussage haben, dass keine Koalitionsoption so unbeliebt ist wie »Rot-Rot-Grün«. Interessant ist dabei: Das Institut für Demoskopie Allensbach – Gesellschaft zum Studium der öffentlichen Meinung mbH gehört zum konservativen politischen Spektrum.
    Unsere Politiker sind aber leider keinen bisschen anständiger. Nachdem die Trendzahlen einen Sieg der SPD voraussagen, gräbt man das alte Schreckgespenst des Kommunismus wieder aus, um so eine Trendwende zu erreichen. Söder warnt vor »Linksrutsch« in Deutschland, indem er mit den Ängsten der Menschen auf höhere Steuern, höhere Schulden, mehr Bürokratie, weniger Sicherheit spielt. Klar doch, wenn man mit Programminhalten nicht punkten kann, dann eben mit den Ängsten der Menschen. Das scheint nun die Hauptstrategie der CSU/CDU zu sein. Nicht von ungefähr bringt Herr Laschet immer die Gefahr von links in seinen Diskussionen ins Spiel.
    Die öffentlichen Medien unterstützen das natürlich. So ist ständig über die Gefahr von links zu lesen mit solchen Überschriften: »Wie rette ich mein Geld?«, »Ist mein Geld nach einer linken Regierungsbeteiligung noch sicher?«. Ist es nicht auch eine Wahlmanipulation, wenn gezielt bei Podiumsdiskussionen ein Publikum ausgewählt wird, das sich gegen den auftretenden Politiker richtet?
    Ich frage mich nur, was das für eine »Kommunistengefahr« sein soll, die uns angeblich droht. Für mich ist Die Linke schon lange keine kommunistische Partei mehr. Mit ihrem sozialen Gedankengut zähle ich sie schon eher zu den Sozialdemokraten, deren Platz sie einnehmen könnte. In meinen Augen hat die Sozialdemokratie durch ihren Verrat an die Arbeiterschaft und ihren in den letzten Jahrzehnten in Europa zunehmenden Versöhnungskurs mit dem Kapitalismus, das Akzeptieren und Stützen des liberalen Rechtsstaates ihre Existenzberichtigung verloren. Ihre Mitglieder lassen sich getrost auf Grüne, Linke und FDP aufteilen.
    Also, von einem Linksruck kann da nicht die Rede sein. Klar, ich denke, mit einer »Rot-Rot-Grün«-Regierung könnte eventuell mehr soziale Kompetenz in den Bundestag einziehen. Aber um sein Geld braucht sich keiner fürchten und vor einen Austritt aus der EU oder NATO schon gar nicht. Womit ich nicht sagen will, dass unser Geld sicher ist. Oder glaubt jemand ernsthaft daran, dass sich eine zukünftige Regierung daran hält, keine Steuern zu erhöhen?
    Wo ist hier nun die Kommunistengefahr? Es wäre etwas anderes, würde die SPD eine Koalition mit der DKP oder MLPD eingehen. Dies, denke ich, ist äußerst unwahrscheinlich, was ich persönlich schade finde. Diesen Parteien traue ich zu, sich konsequent für die sozialen Belange unsere Menschen einzusetzen. Was soll nun die Angstpsychose gegenüber einer »linksgerichteten Regierung«?
    Warum sind wir nicht mehr in der Lage, uns die Ansichten anderer zumindest in Ruhe anzuhören, ohne dass man ausgepfiffen oder körperlich bedroht wird? Wo ist die Toleranz gegenüber Andersdenkenden, auf die wir stolz waren? Deutschland fällt zurück ins Mittelalter. Nur auf einer höheren Stufe.
    Was waren das noch für Zeiten, als man noch hitzig diskutieren und streiten konnte und anschließend sich die Hand gab und ein Bier gemeinsam trank.
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus 12105 Berlin (27. September 2021 um 14:21 Uhr)
    Aufklärung und Klassenbewusstsein schaffen! Das Problem ist die tiefenpsychologische Bewusstseinslage der eigentumslosen und lohnabhängigen Mehrheit der Bevölkerung. Es ist ein Irrtum anzunehmen, die Massenverelendung würde ein vertieftes Klassenbewusstsein bei der eigentumslosen und erwerbstätigen Bevölkerung schaffen. Das Klassenbewusstsein der Werktätigen kann sich nur unter relativ stabilen Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnissen entwickeln. Die Voraussetzung hierfür in der (entwickelten) bürgerlichen Gesellschaft ist ein relativ gesichertes soziales Umfeld für die Erwerbsbevölkerung und das Vorhandensein von sozial- und bildungspolitischen Einrichtungen für die werktätige Bevölkerung und ihre Familien. Diese Einrichtungen für die Sozial- und Bildungspolitik der werktätigen Bevölkerung müssen sowohl in relativ stabilen Zeiten der bürgerlichen Gesellschaft existieren als auch in gesellschaftspolitischen Krisen- und Umbruchzeiten aufrechterhalten werden. Unser Problem heute: Die staatliche Bildungs- und Schulpolitik und die privaten und öffentlich-rechtlichen Massenmedien wie Bildungseinrichtungen in Deutschland und EU-Europa funktionieren ausschließlich im Macht- und Herrschaftsinteresse der gesellschaftspolitischen Eliten der bundesdeutschen und europäischen Bourgeoisie. Gleiches gilt so auch für alle Bildungseinrichtungen der bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien und DGB-Gewerkschaften. Zusammen mit den konservativen Parteistiftungen und privaten Stiftungen, den sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen und Konzernstiftungen bilden sie heute eine demagogisch-ideologische Volksgemeinschaft im gesellschaftspolitischen Interesse der Finanz- und Monopolbourgeoisie, der (ewigen) persönlich leistungslosen Erbschaftsmillionäre, Multimillionäre und Milliardäre Deutschlands und EU-Europas. (Leseempfehlung: Warum schweigen die Lämmer? Von Rainer Mausfeld)
  • Leserbrief von Ulrich Sander aus Dortmund (27. September 2021 um 12:16 Uhr)
    Ich schreibe Euch 24 Stunden vor Öffnung der Wahllokale, um zu dem heutigen Wahlaufruf der jungen Welt Stellung zu nehmen. Ich sehe viele gute Gründe für die Kandidatur der DKP, für die Existenzsicherung der DKP und für das Wirken der DKP. Es war gut, dass der Anschlag auf die Existenz der Partei, versucht vom Bundeswahlleiter, abgewehrt wurde. Ich wähle aus gutem Grund den Wahlkreiskandidaten der DKP und die Liste der Linken. Letztere kommt hoffentlich wieder in den Bundestag. Die Darstellungen in der jungen Welt von einer Linken, die gewissermaßen Verrat wie die SPD im Jahre 1914 beging, stoßen auf meine entschiedene Ablehnung. Die Linke unterstützt die Bewegung »Aufstehen gegen Rassismus«, also vor allem gegen die AfD. Ein sehr guter Grund, Die Linke mit der Zweitstimme zu wählen. Leider fremdelt die DKP-Führung mit dem Bündnis, wie überhaupt Aussagen zu Bündnissen bei der DKP rar sind. Ich hoffe, es kommt zu einem Umdenken. Dieses Umdenken ist an der Basis selbstverständlich. Ein Beispiel: SPD und Grüne haben beschlossen, in Bochum ein NATO-Cyberkriegszentrum zu schaffen. Dies wurde an der Basis von DKP und Linken verurteilt. Die Führung der DKP äußerte sich nicht, obwohl fünf Millionen Menschenleben im Ruhrgebiet bedroht sind.
  • Leserbrief von Raimon Brete aus Chemnitz (27. September 2021 um 11:59 Uhr)
    Auf dem Weg zur Wahl für den Deutschen Bundestag komme ich Denkmal für Dr. Richard Sorge vorbei. Ein bescheidenes Denkmal am Eingang zum Kaßberg, dem bedeutenden Gründerzeitviertel in Chemnitz, wo viele Wohlsituierte ihre Zuhause gefunden haben und Kinder sowie Jugendliche in humanistischen Gymnasien fürs Leben lernen. Hier steht auch die Villa, wo die schwarzen und braunen Banden 1938 den Geschäftsführers des Warenhauses Tietz, Hermann Fürstenberg, ermordeten und aufrechte Kämpfer gegen den Faschismus im sächsischen, von viktorianischer Architektur geprägten Gefängnis eingesperrt waren und zu Tode kamen. Gleich gegenüber dem kleinen Park mit Denkmal stand eine Dienststelle der NSDAP. Und heute wurde erneut das Denkmal für einen selbstlosen Kundschafter und Widerstandskämpfer gegen den faschistischen Vernichtungskrieg geschändet. Richard Sorge lieferte Nachrichten von großem militärischen Wert an die Sowjetunion, die halfen, dem Blitzkrieg vor Moskau Einhalt zu gebieten und die Wende zum Besseren einzuleiten. Bereits Anfang der 1990er Jahre wurde die ihn ehrende Bronzeplatte gestohlen, erst vor wenigen Jahren wurde Ersatz durch den Chemnitzer Bund der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Chemnitzer Antifaschistinnen und Antifaschisten neu angebracht. Ende September wurde sie zerkratzt und nunmehr mit roter Farbe beschmiert. Der Kampf um die Umsetzung der Forderung »Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg« muss mit aller Konsequenz weitergeführt werden. Schaut nicht weg und übt Nulltoleranz gegenüber den Neonazis!
  • Leserbrief von Joachim Seider (27. September 2021 um 11:53 Uhr)
    Das Katzbuckeln mancher Linken-Politiker in der Friedensfrage hat uns allen geschadet. Ist es denn wirklich so schwer zu verstehen, dass die Jungen nur dann eine lebenswerte Zukunft haben, wenn sie nicht in Kriege ziehen müssen?
    • Leserbrief von Harald Möller aus Velbert (27. September 2021 um 14:00 Uhr)
      Schön und gut, aber das wäre dann doch eine Steilvorlage für die Parteien links der Linken gewesen. Gut: Es sind nur zwei von drei Parteien angetreten (die KPD hat sich gar nicht erst beteiligt), aber die DKP und die MLPD hätten die unzufriedenen Linken-Wähler doch für sich begeistern können. Die Frage bleibt nun offen: Weshalb ist das nicht geschehen? An mangelnder Medienpräsenz liegt es sicherlich nicht, wenn man sich die zahlreichen Youtube-Videos bzw. zumindest ein Frage-Antwort-Video vor allem der MLPD so ansieht.
  • Leserbrief von Achim Lippmann aus Shenzhen, China (27. September 2021 um 11:44 Uhr)
    Karrieristen und Postenjäger waren schon immer in den linken Bewegungen Deutschlands keine Mangelware. Diejenigen, die den parlamentarischen GAU der PDS (das waren vor allem ostdeutsche Politiker) miterlebt hatten, hätten es eigentlich besser wissen müssen. Aber gerade aus diesen Kreisen kam die unerträgliche bedingungslose Orientierung auf »Rot-Rot-Grün«. Man hätte sicherlich Frösche auch roh geschluckt, um das zu erreichen. Massenweise wanderten Wähler zu den potentiellen Partnern SPD und Grüne ab. Die Grünen scheiterten auch an bröckelnder Glaubwürdigkeit unter den potentiellen Wählern. Wenn man die mit Macht von der FDP angestrebte Jamaika-Koalition anschaut: eine CDU, die einen schwachen Wahlkampf führte und 8,8 Prozentpunkte an Stimmen verlor, Grüne, die nicht einmal die Hälfte des potentiellen Wählerpotentials erreichten, und eine FDP, deren Erfolg auch sehr überschaubar ist. Eine solche Koalition wird die ökologische Bewegung auf jeden Fall spalten. Es wird eine radikal sozialökologische Bewegung entstehen, die auch Bastionen der Linken schliefen wird.
    In der Linke dominiert bis heute der Irrglauben, über die Parlamente die Republik ändern zu können. Die Meinungsbildung läuft aber in der Praxis anders: Lobbys und diverse Bewegungen, die sich dann der Parteien bedienen, um ihren Willen in Gesetze zu gießen, arbeiten gezielt. In der Exekutive agieren massenweise Geister, die eher die Parteien mit diversen Methoden bearbeiten und beeinflussen als umgekehrt. Wenn man gewisse Politiker der Linken – die sich gern Realos nennen lassen – betrachtet, muss man sich fragen: Haben sie ein kindliches Gemüt, oder gehen sie auf dem Weg der Macht über Prinzipien? Ich gehe von letzterem aus.
    Auf politische Änderungen in Deutschland, die ganz zwangsläufig kommen werden, haben die Parteien weniger Einfluss als sich erst formierende Bewegungen von unten.
  • Leserbrief von Dennis Riehle aus Konstanz (27. September 2021 um 11:31 Uhr)
    Sowohl im Bund, aber auch bei den Abgeordnetenhauswahlen in Berlin und bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern: Die Linke ist der große Verlierer des 26. September 2021. Es war angesichts der nahezu existentiellen Verluste ein Stück weit irritierend, dass sowohl Spitzenkandidat Dietmar Bartsch, aber auch die Kovorsitzende Susanne Hennig-Wellsow die Tragweite der Zahlen in den Interviews offenbar dadurch zu relativieren versuchten, dass sie keine konkrete Aussage über die Gründe für die Misere treffen wollten, auf das amtliche Endergebnis verwiesen und so taten, als wäre all das nur ein Ausrutscher gewesen. Dabei konnte man – mit Ausnahme von Thüringen – in der jüngeren Vergangenheit keinerlei erkennbaren Gewinn an Wählerzustimmung mehr verzeichnen. Letztlich wäre es ohnehin egal gewesen, ob Die Linke nochmals in den Bundestag einzieht oder nicht: Der Absturz ging derart in Mark und Bein, dass eine schonungslose Aufarbeitung unbedingt notwendig ist. Schon kurz nach dem Feststehen vorläufiger Resultate kann attestiert werden: Es sind wohl drei wesentliche Komplexe, weshalb die Partei derart abgestraft wurde. Der interne Streit und der teils respektlose Umgang zwischen Mitgliedern und Funktionären untereinander, der teils auch in die Öffentlichkeit ragte. Eine schwankende Position in nahezu allen außen- und verteidigungspolitischen Fragen, welche zumindest partiell und verständlicherweise den Eindruck einer weiterhin bestehenden Regierungsunfähigkeit und -unwilligkeit erwecken konnte. Und die ausgebliebene Reaktion auf die »Rote-Socken-Kampagne« der politischen Mitbewerber, bei der man davon ausgehen musste, dass sie in der Bundesrepublik mit mehr als 30 Jahren Abstand zur DDR verfangen dürfte. Tatsächlich steht Die Linke vor einer gigantischen Aufgabe: Sie muss erklären, wofür sie überhaupt noch gebraucht wird. Das mag hart klingen, ist aber angesichts des desaströsen Wahlabends eine unerlässliche Herausforderung. Denn die klassischen Forderungen, die die Linkspartei bisher weitgehend für sich beanspruchen konnte, werden mittlerweile auch von anderen politischen Kräften erhoben: Die Grünen möchten »Hartz IV« abschaffen, eine kräftige Mindestlohnerhöhung will auch die SPD, und selbst eine Mindestsicherung und eine Vermögensteuer sind für das Mitte-Links-Spektrum kein Tabu mehr. Daher muss die Die Linke in den kommenden vier Jahren daran arbeiten, neue Postulate zu erarbeiten, die als Alleinstellungsmerkmale herhalten können. Die Wahltagsbefragung ließ deutlich erkennen: In keinem der angestammten Themengebiete konnte die Partei den Wähler nunmehr nennenswert überzeugen. Das mag vermuten lassen, dass Sahra Wagenknecht mit manch ihrer Kritik richtig liegt und sich Die Linke zuletzt zunehmend auf einen »Lifestyle-Sozialismus« konzentrierte, statt auf die mannigfaltigen Gerechtigkeitsprobleme im Land – die für die Wahlentscheidung des Souveräns übrigens eine maßgebliche Rolle gespielt haben – mit Lösungen zu antworten, die beim Stimmvolk keine Angst hinterlassen. Zweifelsohne muss man fragen: Will Die Linke unbedingt an ihren ideologischen Grundsätzen festhalten – oder ist sie bereit, Konzepte für die Zukunft anzubieten, die weniger okkupierend wahrgenommen werden als beispielsweise die Androhung von Enteignungen, klimaschutzbedinge Verbote oder die Sehnsucht nach einem vollständigen Systemumbruch in der Wirtschaft. Die Linke blieb im Wahlkampf vielfach Erklärungen schuldig, wie ihre Ziele finanziert werden sollen und wie man angesichts der massiven Eingriffe in Gesellschaft und Ökonomie Wohlstand erhalten möchte. Nein, man muss sich sicher nicht von seinem Fundament verabschieden, aber dennoch darüber nachdenken, inwiefern es gelingen kann, geistige Absolutismen in alltagspraktische Aussagen für eine freiheitliche Demokratie des 21. Jahrhunderts umzumünzen. Ich halte wenig von personellen Konsequenzen, denn sie würden den ohnehin geringen Zusammenhalt in der Partei weiter schwächen. Statt dessen muss sich die komplette Mitgliedschaft der unverblümten Selbstoffenbarung hingeben, um zu einer Entscheidung zu kommen: Will Die Linke eine Weltanschauungsgemeinschaft ohne Machtanspruch bleiben – oder vermag sie sich zu einer gestaltenden und verlässlichen Kraft fortentwickeln?
  • Leserbrief von Joán Ujházy (27. September 2021 um 11:25 Uhr)
    Am 7. Juni 2021 schrieb ich diesen Leserbrief: »Susanne Hennig-Wellsow: ›Keine Sorge!‹« Sie braucht sich wirklich nicht so sorgen, denn Die Linke wird im September weiter abstürzen, in die Nähe der fünf Prozent kommen. Als sie vor vielen Jahren (2002) als PDS aus dem Bundestag flog, hätte man meinen können, sie habe daraus gelernt. Nein, hat sie nicht. Der kurze Höhenflug auf knapp zwölf Prozent in der Bundestagswahl 2009 war nur eine Schwalbe, die sich nach Deutschland verirrt hatte. Vorerst kehrt nicht einmal mehr diese Schwalbe zurück. Ein trauriges Kapitel, was sich diese Partei seit vielen Jahren leistet, verkommen zu einem Selbstbedienungsladen.« Dagegen steht diese Meldung, am Montag in der jungen Welt veröffentlicht: »Im österreichischen Graz bahnt sich eine politische Sensation an. Wie der Österreichische Rundfunk am Sonntag nachmittag online berichtete, liegt die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) laut Hochrechnungen bei der Gemeinderatswahl der zweitgrößten Stadt Österreichs an erster Stelle ...« Warum hat es die Linkspartei verabsäumt, so zu arbeiten wie die KPÖ in Graz?
  • Leserbrief von André Moussa, Vorsitzender und Sprecher des Knastschadenkollektivs aus Berlin (27. September 2021 um 10:54 Uhr)
    Die SPD hätte genug Missetaten wiedergutzumachen. Von der Abschaffung von Hartz IV über die Einheitsrente, Mindestlohn und Wohnungsbau bis zur Drogenpolitik. Allein die Freigabe von Marihuana und für die Langzeitkonsumenten, die 10 bis 20 Jahre in Haft waren, eine Freigabe von Heroin bis Kokain, das würde die Kriminalität um 40 bis 50 Prozent verringern, so dass zwei Drittel der Gefängnisse geschlossen werden könnten und dann auch eine Resozialisierung stattfinden kann! Allein die Steuereinnahmen durch Marihuana würden Milliarden bringen! Ein bis zwei Millionen Arbeitsplätze, die SPD könnte alles wiedergutmachen, und CDU/CSU würden weinen. Doch ich bin mir sicher, dass sie dämlich sind und eine Koalition wieder zum Stillstand führt, die Ärmeren noch ärmer werden, während die Kapitalfraktion weiter ihre Taschen vollstopft.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (27. September 2021 um 10:45 Uhr)
    Olaf Scholz hat zwar die SPD zu einem Wahlergebnis geführt, das vor zwei Monaten noch niemand für möglich gehalten hätte, aber ob er Kanzler wird steht noch in den Sternen. Die Unionsparteien fuhren unter ihrem glücklosen Kanzlerkandidaten, Armin Laschet, das schlechteste Ergebnis aller Zeiten ein und trotzdem fordern sie in unverschämten Politikermanier die Kanzlerschaft für sich. Neue Impulse sind von FDP und Grünen zu erwarten.Wer und wie der Koalitionsspagat zwischen den Grünen und FDP schafft, ist fraglich und noch offen. Doch Deutschland braucht dringend einen Aufbruch, um sich fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Bei der Digitalisierung hinkt Europas größte Volkswirtschaft teilweise peinlich hinterher. Das Rentensystem steht angesichts der Überalterung der Gesellschaft auf tönernen Füßen. Und eine weitere Manko ist ein auffälliger Mangel an Investitionen in Infrastruktur und Bildung. Das alles und noch mehr sollte die nächste Regierung schnell anpacken, doch Deutschland steuert auf ein paar Monate weiteren Stillstands zu: auf zähe Koalitionsverhandlungen und Nabelschau.
  • Leserbrief von John F. (25. September 2021 um 10:05 Uhr)
    Ein antikommunistisches Gedicht. Kommunisten wählen nicht und lassen sich nicht in bürgerliche Parlamente wählen. Ist doch wahr.

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